Hamburg

Verschollen: Schön Klinik ließ Dementen unbeaufsichtigt

Rudolf Funke ist Demenzpatient, hier  zusammen mit seiner Frau Jutta.

Rudolf Funke ist Demenzpatient, hier zusammen mit seiner Frau Jutta.

Foto: Michael Rauhe / HA

Rudolf Funke wurde zum falschen Zeitpunkt entlassen, zurückgefahren und stehen gelassen – mit den Papieren einer Fremden.

Hamburg. Rudolf Funke hat keine Erinnerung an die Ereignisse der vergangenen Woche. „Es war ja keine Sonne da“, sagt er zu seiner Frau Jutta. Früher, als er noch jünger war als 85, als er noch nicht dement war, als er noch nicht Diabetiker war, hat er sich gern an der Sonne orientiert, wenn er seine langen Radtouren machte oder spazieren ging. Heute kann er sich nicht mehr orientieren. Selbst dann nicht, wenn die Sonne scheint.

Dennoch ist er an jenem Freitag einfach losgezogen – raus aus dem Krankenhaus, das ihn eigentlich betreuen sollte, das sich um ihn kümmern sollte. Stundenlang war er verschollen. In der Schön Klinik in Eilbek hat das lange niemand mitbekommen. Wie es dazu kommen konnte, ist unklar. Eine Kliniksprecherin sagte lediglich, man werde den Fall „hausintern“ aufarbeiten. Es ist ein Fall, der Fragen aufwirft – und der die Schwächen unseres Gesundheitssystems bloßlegt.

Jutta Funke (77) ist eine resolute Tonndorferin, die ihren Mann in den vergangenen Jahren ganz allein gepflegt hat. Anfang 2017 wurde bei ihm Demenz festgestellt, mittlerweile hat er den Pflegegrad 4. Pflegegrad 4 heißt: „Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit“. Seine Frau wäscht ihn morgens, kauft ein, bekocht ihn, spielt mit ihm „Malefiz“ und bringt ihn abends ins Bett. Hilfe? Will sie nicht. „Er ist so auf mich bezogen“, sagt sie.

1963 haben sich die beiden kennengelernt, im Tanzlokal Astoria am Hauptbahnhof. Ein Jahr später wurde geheiratet. Seit gut 55 Jahren sind sie zusammen. Wenn es all die Jahre gut war, dann überlässt man seinen Mann nicht so gern häuslichen Pflegediensten. Bei den Funkes war es gut.

Quarantänebedingungen im Zimmer

Und so macht Jutta Funke alles, was eben nötig ist. Sie gibt ihrem Rudolf die wichtigen Insulinspritzen, misst die Blutzuckerwerte und trägt sie in ein Tagebuch ein. Und da zeigten sich in der vergangenen Woche bedenkliche Werte. Ihr Mann hatte sich schon Tage zuvor mehrfach übergeben. Dann kam Durchfall hinzu. Essen tat er kaum mehr etwas. „Kein Brötchen, nichts“, sagt die 77-Jährige. Sie macht sich große Sorgen. Ihr Hausarzt auch. Er überweist Rudolf Funke ins Krankenhaus. Am vorvergangenen Donnerstag, es ist sein 85. Geburtstag, sind die beiden vormittags in der Schön Klinik in Eilbek.

Die Mitarbeiter in der Zentralen Aufnahme tippen auf einen Magen-Darm-Infekt. Er müsse, so schildert Jutta Funke das Gespräch, wohl übers Wochenende im Krankenhaus bleiben. In seinem Zimmer herrschen Quarantänebedingungen.

In der Klinik ist er erst einmal in guten Händen, denkt Jutta Funke. Am Freitag macht sie Besorgungen, mittags hat sie einen Friseurtermin. Plötzlich, gegen 11 Uhr, meldet sich die Klinik: Ihrem Mann gehe es gut, er werde entlassen. Jutta Funke ist überrascht. Entlassung? „Es ist niemand zu Hause, Sie können ihn jetzt nicht entlassen“, sagt sie. Man verständigt sich darauf, ihn um 16 Uhr nach Hause zu bringen. Kurz nach 13 Uhr klingelt ihr Handy erneut. Nun ist es der Fahrer des Krankentransportwagens, der sagt: „Ich habe Ihren Mann im Wagen, sind Sie zu Hause?“ Jutta Funke wundert sich. War das nicht alles schon längst besprochen? Erneut wird vereinbart, dass er erst um 16 Uhr gebracht werden kann.

Jutta Funkes Mann ist verschwunden

Sie ist beunruhigt – und beeilt sich. Um 15.30 Uhr ist Jutta Funke in ihrer Tonndorfer Wohnung. Kurz darauf ein erneuter Anruf aus der Schön Klinik. Ob ihr Mann zu Hause sei, will eine Krankenschwester wissen – in der Klinik sei er jedenfalls nicht. Da wird der 77-Jährigen klar: Ihr Mann ist verschwunden.

In der Aral-Tankstelle an der Dehnhaide kennt man sich mit Motoren aus und mit Kraftstoffen, aber sicher nicht so sehr mit älteren Menschen. Und doch reagieren die Mitarbeiter genau richtig, als ein alter Mann mit Sporttasche gegen 15 Uhr den Kassenraum betritt. Und da erst einmal stehen bleibt. Ein Mitarbeiter spricht ihn an. Aber der Mann kann seinen Namen nicht nennen, weiß weder Adresse noch häusliche Telefonnummer. Auf die Frage, wie es ihm gehe?, sagt er: „Eigentlich geht es mir gut, aber ich weiß nichts mehr.“ Die Aral-Kollegen setzen ihn auf einen Stuhl, bieten ihm etwas zu trinken an, sprechen mit ihm und rufen die Polizei. Und – ganz wichtig – sie behalten ihn im Auge.

Die Polizei ist schnell vor Ort. Ein Routineeinsatz. In der Sporttasche finden sie die Telefonnummer der Funkes. Ein Anruf erlöst die bangende Jutta Funke. So gegen 16.45 Uhr ist ihr Rudolf wieder zu Hause. Sie ist so froh, dass sie fast vergisst, sich bei den netten Polizisten zu bedanken. Auch die Klinik meldet sich an diesem Tag noch einmal. Die Stationsärztin ruft gegen 22.40 Uhr an.

Klinik spricht von Norovirus

Die Stuhlprobe habe ergeben, dass Rudolf Funke das Norovirus habe – eine hoch ansteckende Viruserkrankung. Die Ehefrau ist irritiert: Wieso wurde ihr Mann dann überhaupt entlassen? Aber egal: Erst einmal ist sie froh, dass er heil zu Hause ist.

Irritiert ist sie auch, weil Funke mit einem falschen Identifikationsarmband markiert ist. Der Name einer Frau, Vorname „Inge“, steht auf dem Band, das ihm in der Schön Klinik ums Handgelenk gelegt wurde. Auch das Geburtsdatum stimmt nicht. Alles ist falsch: Tag, Monat, Jahr. Ihre Irritation wächst, als sie in der Sporttasche ihres Mannes eine Betreuungsvollmacht entdeckt, die ebenfalls nichts mit ihrem Rudolf zu tun hat. „So etwas darf doch nicht vorkommen“, findet die resolute Tonndorferin.

In der Schön Klinik sieht man das ein wenig anders. Ja, bei der Ausgabe des Patientenarmbands habe es ein Missverständnis gegeben. „Zwei Patienten wurden mit dem identischen Identifikationsband ausgestattet“, sagte eine Sprecherin: „Die medizinische Behandlung wurde dabei in keiner Weise beeinträchtigt.“ Inge oder Rudolf, Mann oder Frau – in der Schön Klinik spielt das offenbar keine große Rolle.

„Missverständnisse“ als Grund angegeben

Zu der falschen Betreuungsvollmacht äußerte sich die Sprecherin so: „Wir gehen davon aus, dass der Patient, als er auf seine Abholung wartete, die Unterlagen aus dem Zimmer einer Patientin mitnahm, ohne sich seines Vorgehens bewusst zu sein.“ Das Durcheinander beim Rücktransport von Rudolf Funke sei auf ein „Missverständnis“ innerhalb der Klinik zurückzuführen. „Wir nehmen dies zum Anlass, unsere Kommunikationsabläufe zu überprüfen“, sagte die Sprecherin.

Richtig sei auch gewesen, Funke entlassen zu haben, ohne das Ergebnis der Stuhlprobe abzuwarten: „Ausschlaggebend für eine stationäre Behandlung sind die echten Symptome des Patienten, nicht das Laborergebnis.“ Nur „der Vollständigkeit halber“ habe man die Ehefrau über den Befund informiert.

Für die Klinik, sagte die Sprecherin, habe Funke seit 11.45 Uhr an jenem Freitag als entlassen gegolten. Dass er im Aufenthaltsraum stundenlang auf seinen Rücktransport gewartet habe, sei von Ärzten geprüft und für richtig befunden worden. „Es war nicht davon auszugehen, dass sich der Patient entfernen würde“, sagte die Sprecherin. Die Dehnhaide ist eine quirlige Straße. Er hätte sonst wo landen können. Die Aral-Tankstelle war ein Glückstreffer. Da gibt es Leute, die sich kümmern – fast besser als in manchen Krankenhäusern.