Ex-Christianeums-Leiterin

Wie es Diana Amann nach dem schlimmen Unfall heute geht

Ihr Auto trägt noch immer das Kennzeichen HH: Diana Amann vor dem Bildungszentrum Markdorf.

Ihr Auto trägt noch immer das Kennzeichen HH: Diana Amann vor dem Bildungszentrum Markdorf.

Foto: Peter Wenig

Die Schulleiterin des Christianeums verlor ein Bein, weil ein Lkw-Fahrer sie übersah. Der Täter wurde nie gefunden.

Hamburg. Durch die weit geöffnete Tür ihres Büros dringt der Sound der Schule: Pausenklingel, Schüler-Getrippel auf den Fluren, Telefonate im Sekretariat. Schulleiterin Diana Amann (57) lässt ihre Tür im Gymnasium Markdorf, zehn Kilometer nördlich vom Bodensee, stets offen. Es ist ihr Signal an Schüler, Eltern und Lehrerkollegen: einfach reinkommen, wenn es etwas zu bereden gibt. Genauso hat sie es auch als Direktorin des Christianeums in Othmarschen gehalten.

Diana Amann, leuchtend rotes Haar, ansteckendes Lachen, schließt die Tür selbst dann nicht, als sie mit dem Abendblatt-Reporter über jenen Tag redet, der ihr Leben in ein Vorher und Nachher teilt: Am 17. Dezember 2015 fährt sie mit dem Rad zum Christianeum. Es ist der vorletzte Tag vor den Weihnachtsferien, Diana Amann freut sich auf den Monate zuvor gebuchten Indien-Urlaub mit ihrem Mann und befreundeten Paaren. Kurz vor 7 Uhr radelt sie die Behringstraße entlang und quert die Auffahrt zur A 7. Ein Lkw-Fahrer, der auf die Autobahn fahren will, übersieht sie beim Abbiegen.

Bein muss am Oberschenkel amputiert werden

Die mächtigen Reifen zerfetzen ihr rechtes Bein, das Blut strömt aus der Wunde. Diana Amann schreit um Hilfe, zwei Fahrer eines Transporters stoppen, versuchen fieberhaft, die Blutung zu stillen. Ein Rettungswagen aus dem nahen AK Altona rast heran, ein Notarzt und ein Sanitäter retten ihr Leben. Doch bei der folgenden OP muss ihr rechtes Bein am Oberschenkel amputiert werden. Sie ist nun zu 80 Prozent behindert.

Knapp vier Jahre später sagt Diana Amann in ihrem Büro im Markdorfer Gymnasium diese Sätze: „Ich habe es noch gut erwischt, ich kann weiter meinen Beruf ausüben. Ich lebe glücklich und geborgen mit meiner Familie. Ich habe ganz andere Schicksale gesehen.“ Im Unfallkrankenhaus Boberg etwa während ihrer wochenlangen Reha, als junge Erwachsene nach Unfällen für ein Leben im Rollstuhl trainierten. Oder jüngst beim Orthopädietechniker, wo einem Sechsjährigen, geboren ohne Beine, Prothesen angepasst wurden.

Miniröcke und Absatzschuhe warf Diana Amann weg

Diana Amann sagt, sie habe schon immer das Talent gehabt, „eine Schublade zu schließen und ihr zu befehlen, geschlossen zu bleiben“. Sie wieder zu öffnen, wäre fatal: „Einen Monat nach dem Unfall hatte ich noch Panikattacken. Das will ich nie wieder erleben.“ Es sei wichtig gewesen, die Vergangenheit auszuräumen. Diana Amann stopfte Miniröcke und Absatzschuhe („ich mochte meine Beine sehr, habe es genossen, mich schick zu machen“) in einen Sack und warf ihn weg.

Vielleicht ist es einfach auch so: Wer wie Diana Amann immer neue eigene Wege gesucht hat, tut sich leichter mit dem Leben auf nur einem gesunden Bein. Drei Jahre unterrichtete sie an einer Schule in Rumänien, später sechs Jahre in Shanghai, am Ende als Koordinatorin für alle deutschen Schulen in China. Dann übernahm sie als erste Frau in der fast 300-jährigen Geschichte des Gymnasiums die Schulleitung des Christianeums.

Ihre Augen leuchten, wenn sie von ihrer Schule erzählt

Die Chöre, die Brass-Band, das Literarische Café, die Bibliothek mit 30.000 Büchern, der morgendliche Kaffee mit der Raumpflegerin, Diana Amanns Augen leuchten, wenn sie von ihren Jahren im Traditionsgymnasium erzählt. Der Unfall, sagt sie, habe sie noch stärker mit ihrer Schule zusammengeschweißt. Der Hausmeister holte sie aus Boberg für die erste große Konferenz ab, damals ging sie auf Krücken, noch ohne Prothese. „Bitte behandelt mich weiter ganz normal“, appelliert sie an die Kollegen. Mitleid? Bloß nicht.

Bei einem späteren Auftritt in der Aula währt der Applaus minutenlang. Ein Schüler sagt in Anspielung auf Wolfgang Schäuble: „Wir haben einen Finanzminister, der im Rollstuhl sitzt. Da ist eine Schulleiterin mit nur einem gesunden Bein ja wohl kein Problem.“ Eine sechste Klasse bastelt ein kunstvolles Plakat mit der Aufschrift „Alles Gute, liebe Frau Amann“, es hängt jetzt in ihrem Büro in Markdorf.

Sie macht intensiv Sport

„Entsprechend lange habe ich mit mir gerungen, ob ich mich wirklich in Markdorf bewerben soll“, sagt Diana Amann. Eine Freundin hatte sie 2017 auf die vakante Stelle aufmerksam gemacht, ausgerechnet an dem Gymnasium, an dem sie vor knapp vier Jahrzehnten ihr Abitur machte. Am Ende gaben die Nähe zur Familie, zum Elternhaus, zu Freunden und Verwandten den Ausschlag. Bereut habe sie den Wechsel nie. Sie deutet auf den Pokal im Regal, die Trophäe errang ihre Schule bei der Roboter-Fußball-WM in Australien. Der Bauarbeiterhelm liegt griffbereit, das Bildungszen­trum Markdorf baut für 30 Millionen Euro eine Aula, eine Mensa und neue Räume für Naturwissenschaften. Diana Amann darf machen, was sie schon immer machen wollte: gestalten, Neues schaffen. Stolz ist sie, dass Markdorf nun auch Altgriechisch anbietet, genau wie das Christianeum.

Entsprechend eng ist ihre Taktung, es bleibt nur wenig gemeinsame Zeit mit ihrem Mann und ihrem Sohn, der in Friedrichshafen promoviert. Sie macht intensiv Sport, vor allem Wandern, Walken, Radfahren. „Ich muss schauen, dass ich gesund bleibe. Mit meiner Behinderung erhole ich mich nicht mehr so schnell, sollte ich Probleme mit meiner Hüfte oder meinem Knie bekommen.“ Bei einer Wanderung ist sie neulich einen steilen Berg mehr heruntergeschlittert als -gegangen. Ein Physiotherapeut, der sie beobachtete, wie sie den rutschigen Weg mit nur einem gesunden Bein meisterte, gratulierte ihr am Ziel.

Hightech-Prothese hat einen Renn-Modus

Mit einer App auf ihrem Handy kann sie die Hightech-Prothese ansteuern – vom Geh-Modus über den Fahrrad-Modus bis zum Renn-Modus. Der Schaft drückt nicht mehr, das war lange ein großes Problem: „Durch die Prothese entstanden immer wieder Blasen am Stumpf.“ Zu Beginn jedes Schuljahrs besucht Diana Amann die neuen fünften Klassen, zeigt ihre Prothese: „Ich bin ein halber Cyborg.“ Ein Mischwesen aus Mensch und Maschine.

Und der Lkw-Fahrer? „Ich empfinde keine Wut“, sagt Diana Amann. Es könne sogar sein, dass der Fahrer den Unfall gar nicht bemerkt habe, sondern dachte, er habe bei der fast verpassten Auffahrt nur den Bordstein touchiert. Die Polizei ermittelte über Wochen intensiv, doch die Zeugenaussagen waren zu widersprüchlich, was Typ und Farbe des Fahrzeugs angeht. Womöglich hätte ein Auslesen der Maut-Daten an der Auffahrt zum Zeitpunkt des Unfalls helfen können. „Aber ein Polizist hat mir gesagt, dass dies aus Datenschutzgründen nicht erlaubt sei.“ Und in der Tat heißt es auf der Website von Toll Collect: „Die Nutzung von Daten zur Verbrecherfahndung oder die Überwachung von Fahrzeugen beispielsweise ist sowohl technisch als auch rechtlich nicht möglich.“

Für Diana Amann hat die vergebliche Suche nach dem Täter auch direkte finanzielle Konsequenzen. Bei Fahrerflucht ist das Schmerzensgeld für Opfer viel niedriger. Der Weisse Ring, an den sich Diana Amann wandte, spricht von einem „lächerlich niedrigem ersten Angebot“ der Verkehrsopferhilfe, die solche Schäden im Auftrag der Versicherer reguliert. Auf Empfehlung der Opferschutz-Organisation schaltete die Pädagogin einen Fachanwalt für Sozialrecht ein (Interview auf dieser Seite).

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Diana Amann mag sich nicht mehr mit den juristischen Finessen beschäftigen, auch diese Akte liegt für sie in der geschlossenen virtuellen Schublade. Hadern kostet Energie, die sie braucht. Etwa für ihren Urlaub in Indien, den sie in den Osterferien nachgeholt hat. Acht Flüge in 14 Tagen, selbst für einen gesunden Menschen eine Herausforderung. „Aber es war wunderschön“, sagt sie.

Zieht es sie doch noch mal ins Ausland? „Sie fragen Sachen, ich habe hier doch erst vor zwei Jahren angefangen“, lacht Diana Amann. Dann wird sie wieder ernst: „Ich bin hier wirklich angekommen. Wir haben ein schönes Haus, einen großen Garten. Ich fühle mich hier so wohl, dass ich mir vorstellen kann, hier in Pension zu gehen.“

Diana Amann lebt mehr denn je im Hier und Jetzt, der Unfall hat ihr gezeigt, dass sich das ganze Leben in Sekundenbruchteilen ändern kann. Hamburg hat sie seit dem Umzug an den Bodensee nicht mehr besucht, einfach zu viel zu tun. Beim Abschied zeigt sie auf ihr Auto, das ihr Mann nach dem Unfall in Hamburg gekauft hat, umgerüstet für ihre Behinderung. Es trägt noch immer das Kennzeichen „HH“.