Gefährliche Böller

Hamburger Kinderchirurg warnt vor Silvester-Blindgängern

Teddys in der Notaufnahme: Tag des brandverletzten Kindes im Altonaer Kinderkrankenhaus mit Assistenzärztin Nina Dietze und Schülern der Loki-Schmidt-Schule.

Teddys in der Notaufnahme: Tag des brandverletzten Kindes im Altonaer Kinderkrankenhaus mit Assistenzärztin Nina Dietze und Schülern der Loki-Schmidt-Schule.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

"Verknallt an Silvester" – am Altonaer Kinderkrankenhaus lernen Schüler über die Gefahren. Doch es gibt noch weitere Risiken.

Altona. In der Zentralen Notaufnahme liegen Teddys rücklings auf der Pritsche. Assistenzärztin Nina Dietze greift im Altonaer Kinderkrankenhaus demonstrativ zum roten Verband und klebt ihn probeweise auf den Rücken. Drittklässler der Loki-Schmidt-Schule beobachten gebannt die medizinische Erstversorgung der Stoffpatienten, die allesamt – man kann es nicht sehen – an akuter Verbrennung oder Verbrühung leiden. „Ich habe mich einmal mit Wachs ganz doll verbrannt“, sagt Schüler Joshua. „Die Wunde wurde gekühlt, und ich habe ein Schmerzmittel bekommen.“

Rund 100 Schüler aus Altona erleben am Freitag einen ganz besonderen Unterricht: Zum bundesweiten „Tag des brandverletzten Kindes“ an diesem Sonnabend besuchen sie das Altonaer Kinderkrankenhaus. Veranstalter der Aktion ist der Verein Paulinchen, der sich um brandverletzte Kinder kümmert. Die Klinik nimmt zum siebten Mal daran teil und bietet vor Weihnachten und Silvester ein kindgerechtes Informationsprogramm zur Prävention.

„Allein in Deutschland werden jedes Jahr mehr als 30.000 Kinder mit Verbrennungen und Verbrühungen ärztlich behandelt“, sagt Ingo Königs, Leiter der Sektion für Brandverletzungen, plastische und rekonstruktive Chirurgie im Altonaer Kinderkrankenhaus. 6000 Kinder davon müssen bundesweit stationär behandelt werden. Mehr als 70 Prozent der brandverletzten Kinder sind jünger als fünf Jahre. Alljährlich sind auch Todesfälle von Kindern zu beklagen.

Vorsicht bei heißen Herdplatten und Getränken

Deshalb, fügt der Kinderchirurg hinzu, sei Prävention die beste Medizin. „Wenn es uns gelingt, nur ein Kind vor einem Verbrennungs- oder Verbrühungsfall zu schützen, ist unsere Aktion mehr als erfolgreich.“ Mit großem pädagogischen Geschick werden die Mädchen und Jungen in Altona auf die vielfältigen Gefahren im Alltag aufmerksam gemacht. Beim Besuch einer Krankenhausküche dreht sich alles um heiße Herdplatten, Getränke, Bügeleisen und kochendes Wasser, während draußen vor der Tür bereits ein Rettungswagen der Feuerwehr wartet.

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Derweil beginnt es in einem weiteren Raum plötzlich stark zu qualmen – auch das eine eindrucksvolle Übung. Hier lernen die Lütten, sich bei einem Brand mit Rauchentwicklung auf dem Boden zu werfen und robbend vor dem Feuer zu fliehen. Danach wartet bereits medizinisches Personal in der Notaufnahme, um die Erstversorgung zu zeigen. Die verletzten Teddys bekommen rote und blaue Verbände und dürfen sehr zur Freude der Kinder in deren persönlichen Besitz übergehen. Grundschullehrerin Carolin Kriegling besucht mit der Klasse 2b der Loki-Schmidt-Schule die interaktive Rallye zum Thema Brandverletzungen. „Die Kinder sprudeln über mit ihren Fragen und ihrem Interesse“, sagt sie und kündigt an, dass die Erlebnisse dieses Tages in der kommenden Woche im Unterricht ausführlich besprochen werden.

Die Narben bleiben ein Leben lang

Kinderchirurg Ingo Königs erklärt derweil den Schülern, warum Verletzungen und Verbrennungen im Vergleich zu einem gebrochenen Arm besonders schlimm sind und warum gerade mit den Narben Langzeitfolgen drohen. „Die Narben bleiben ein Leben lang.“ Erst kürzlicht habe er eine Patienten nach 13 Jahren erneut operieren müssen. Während sich Eltern von chronisch erkrankten Kindern mit der Zeit darauf einstellen könnten, ereigne sich der Unfall durch Verbrennung und Verbrühung plötzlich.

Rund 70 Prozent der thermischen Verletzungen werden durch Verbrühungen mit heißen Flüssigkeiten wie Wasser oder Tee verursacht. Was beispielsweise von den Eltern bei einem Kind mit grippalem Infekt gut gemeint ist, kann tragisch enden: Bei der Inhalation einer ätherischen Flüssigkeit rutscht die Schüssel mit dem heißen Wasser auf die Oberschenkel des Kindes.

Jungen zwischen acht und 15 Jahren besonders gefährdet

Wie gefährlich das Silvesterfeuerwerk sein kann, will der diesjährige Tag unter dem Motto „Verknallt an Silvester“ deutlich machen. Gerade Jungs zwischen acht und 15 Jahren bilden bei Unfällen mit Raketen und Böllern die Hochrisikogruppe, sagt Adelheid Gottwald, Vorsitzende von Paulinchen.

Oberarzt Ingo Königs warnt vor Blindgängern aus der Silvesternacht. Kinder könnten sich am Neujahrstag und am 2. Januar daran zu schaffen machen und schwere Verletzungen bekommen. Gerade an diesen beiden Tagen könne die Kinderchirurgie im Altonaer Kinderkrankenhaus häufiger als sonst frequentiert sein.