Hamburg-Rotherbaum

Gut essen, trinken und dabei die Kriegsschuld wegreden?

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Axel Ritscher
Rechtsextreme suchen gern auch trickreich nach Versammlungsräumen (Symbolbild).

Rechtsextreme suchen gern auch trickreich nach Versammlungsräumen (Symbolbild).

Foto: Jochen Tack / imago/Jochen Tack

Offener Brief soll rechtsnationale Versammlung in Hamburger Restaurant stoppen. Gastronom will die Gäste jetzt loswerden.

Hamburg. Den Restaurantbesitzer im Hamburger Stadtteil Rotherbaum (Name der Redaktion bekannt) traf es völlig unerwartet. Erst mit Eintreffen des Offenen Briefes vom "Hamburger Bündnis gegen Rechts" erfuhr er, dass er unfreiwilliger Gastgeber einer Vortragsreihe von Rechtskonservativen werden soll. Für Dienstag, 26.11.19, ab 18 Uhr, hat sich die "Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft e.V." (SWG) für ein größeres Essen angekündigt. Dabei soll der Historiker Stefan Scheil ab 19 Uhr die Kriegsursachen von 1914 erörtern und die "Verlogenheit der französischen und englischen Diplomatie" aufdecken.

"Wir fordern: Laden Sie Scheil wieder aus" schreibt das "Hamburger Bündnis gegen Rechts". Scheil sei als Vorsitzender des Rhein-Pfalz Kreises der AfD politisch aktiv und seine Thesen zu Deutschlands Kriegsführung reihten sich ein in die revisionistische Politik der AfD, die eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad (Björn Höcke) fordere, die Verbrechen der Wehrmacht bezweifle und wieder stolz auf deren Soldaten sein möchte.

Gastronom wurde offenbar überrumpelt

"Was soll ich sagen", antwortete der Gastronom auf die Anfrage von Abendblatt.de, "da hat niemand Räume gemietet. Da hat jemand, den wir nicht kennen, für ein Essen Tische vorbestellt. Das ist ja erst einmal nichts besonderes. Aber jetzt, wo wir wissen, was dahinter steckt, werden wir versuchen, die Veranstaltung abzusagen."

In der SWG-Programmankündigung für die zweite Jahreshälfte 2019 heißt es, dass Scheil an drei Abenden über sein Buch "Die dreiste Fälschung - Das französische Gelbbuch und die Kriegsursachen von 1914" referieren werde. Das Buch gibt ein 1923 in Frankreich zur Kriegsschuld erschienenes und kaum beachtetes Buch von Georges Demartial neu auf Deutsch heraus und versieht es mit Kommentaren.

Verschwörung gegen Deutschland?

Die These der Autoren nach einer sehr positiven Rezension auf www.gloria.tv: "Es gab in Frankreich eine Gruppe von Verantwortlichen, die die französische Nation in einen Krieg führte, von dem die gesamte Bevölkerung, ja, die gesamte Welt, glauben sollte, es wäre ein Verteidigungskrieg! Doch das war er nicht. Bei Lichte betrachtet, handelte es sich um einen lange vorbereiteten, vielfach abgesprochenen und kühl inszenierten russisch-französichen Angriffskrieg gegen Deutschland, Österreich-Ungarn und die Osmanen."

Die SWG will nichts sagen

Bei der SWG wollte man auf Nachfrage von abendblatt.de keine Kenntnis von der Veranstaltung haben. Im gleichen Atemzug wurde allerdings die Bitte, einen Kontakt zu den Vorständen Manfred Backerra oder Stephan Ehmke oder dem einladenden Miguel Venegas zu ermöglichen, abgelehnt. Wenn am fraglichen Abend in Rotherbaum "viele Gäste in das Restaurant kommen sollten, könne der Gastronom sich doch freuen", hieß es unter Gelächter. Für weitere Auskünfte stehe man nicht zur Verfügung.

Laut Bündnis gegen Rechts ist die SWG ein Sammelbecken für Rechtskonservative und AfDler, aber auch für Holocaust-Leugner und Revanchisten. Die SWG wurde laut Wikipedia 1962 von Hugo Wellems, einem ehemaligen Pressereferenten in Goebbels Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda, gegründet. 1973 zog der Verein von Köln nach Hamburg. Schon 1999 sagte der Hamburger Verfassungsschutz der SWG "personelle Überschneidungen zu rechtsextremistischen Organisationen" nach. 2011 platzte eine Veranstaltung mit der NPD-Anwältin Gisa Pahl, der auch Kontakte zum Terrornetzwerk NSU nachgesagt werden.

Täuschungsmanöver beim Vorbestellen?

Das Bündnis gegen Rechts warf dem Gastronomen vor, schon öfter Veranstaltungen der SWG bewirtet zu haben. Zugleich bot das Bündnis Hilfe an. "Wir gehen davon aus, dass Ihnen die Hintergründe zu dem Referenten und der SWG nicht bekannt sind", heißt es in dem offenen Brief. Sie äußerten auch die Vermutung, dass die Räume nicht vom eingetragenen Verein SWG, sondern von einer Privatperson "wahrheitswidrig" angemietet worden seien.

Ratgeber gegen den Leim der Rechten

Für solche Fälle habe der "Deutsche Hotel- und Gaststättenverband" (DeHoGa) in Berlin einen guten Ratgeber unter dem Titel "Rechtsextremisten nicht auf den Leim gehen" herausgegeben. Der Brief endet mit er Empfehlung, sich an das "Mobile Beratungsteam gegen Rechtsextremismus" zu wenden, das die Stadt Hamburg ins Leben gerufen hat und finanziert. Der Gastronom kündigte an, die Hilfe in Anspruch nehmen zu wollen.

Er selbst habe ausländische Wurzeln und keinerlei Interesse daran, das Deutschtum als allein selig machende Lebensform und politische Überzeugung zu fördern oder gar auszuzeichnen, sagte er abendblatt.de

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