Interview

MdB Ploß: Warum U-Bahn-Tickets nur 1 Euro kosten sollten

Der Bundestagsabgeordnete  Christoph Ploß (CDU) sitzt seit zwei Jahren im Berliner Parlament.

Der Bundestagsabgeordnete Christoph Ploß (CDU) sitzt seit zwei Jahren im Berliner Parlament.

Foto: picture alliance

CDU-Bundestagsabgeordneter spricht über Maßnahmen gegen den Klimawandel und die Rolle von Friedrich Merz.

Hamburg. Halbzeit für die GroKo in Berlin, Zeit, Bilanz zu ziehen mit einem der jüngsten Abgeordneten des Bundestages. Vor zwei Jahren wurde Christoph Ploß (34, CDU) im Wahlkreis Hamburg-Nord in den Bundestag gewählt.

Hamburger Abendblatt: Herr Ploß, wenn’s nach der durchschnittlichen Lebenserwartung geht, haben Sie noch knapp 50 Jahre vor sich. Eigentlich müssten Sie der Bewegung „Fridays for Future“ dankbar sein für den Kampf gegen die Erderwärmung und freitags mitdemonstrieren.

Christoph Ploß: Ich finde es super, dass der Klimaschutz inzwischen eine höhere Bedeutung erlangt hat. Ich gehöre zu denjenigen in der CDU, die schon lange vor „Fridays for Future“ gefordert hatten, das Thema höher auf die Agenda zu setzen. Ich teile allerdings nicht alle Ansätze der Bewegung um Greta Thunberg. Wir können die Klimaschutzproblematik nicht in erster Linie über Verbote lösen. Wir müssen stattdessen Anreize schaffen, klimafreundlicher zu leben. Dazu brauchen wir Technologien, die den Klimaschutz fördern.

Eine Technologie, auf die Deutschland sehr stark setzt, ist die Elektromobilität. Ist es ein Irrweg, sich jetzt beinahe ausschließlich um deren Fortschritt zu kümmern?

Ploß: Ich halte es für falsch, allein auf batteriegetriebene Elektromobilität zu setzen. Wir brauchen auch Wasserstoff und regenerativ hergestellte synthetische Kraftstoffe wie E-Fuels oder Biokraftstoffe. Bei der Elektromobilität gibt es mehrere Probleme. Zum Beispiel die Rohstofffrage. Wo kommen die Rohstoffe wie Lithium oder Kobalt her ...

Und unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen werden sie abgebaut …

Ploß: Das sind bis heute ungelöste Fragen. Ich sehe in Wasserstoff ein sehr großes Potenzial und habe entsprechende Initiativen im Bundestag eingeleitet.

Der ehemalige Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt sagte kürzlich im Abendblatt, die Klima-Diskussion sei so hysterisch geworden, dass sie die Politik vor sich hertreibe. Lassen Sie sich treiben?

Ploß: Ich lasse mich nicht treiben, sondern gehe ganz rational an das Thema heran. Wir müssen die politischen Rahmenbedingungen ändern, um so die Klimaschutzziele zu erreichen. Dazu gehört ein starker Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, dazu gehört, dass wir den Pkw- und Lkw-Verkehr klimaneutral oder zumindest immer CO2-ärmer machen. Ich will Flüge nicht verbieten. Dass wir in andere Länder reisen und andere Kulturen kennenlernen können, ist eine der großen Errungenschaften der Menschheit. In Deutschland können sich das auch Menschen leisten, die nicht zu den oberen zehn Prozent gehören. Das ist gut so. Deshalb gilt für mich immer der Ansatz: Wie können wir Reisen durch Technologien und Investitionen in die Wissenschaft und Forschung klimaneu­tral machen?

Unter anderem die Grünen machen mobil gegen das schwarz-rote Klimapaket. Sie fordern starke Nachbesserungen. Geht Ihnen, als jungem Abgeordneten, das Klimaschutzpaket weit genug?

Ploß: Ich finde es grundsätzlich richtig, dass CO2 einen Preis bekommt. Das heißt, dass Bürger und Unternehmen mittelfristig immer größere Anreize haben, klimafreundlich zu leben bzw. klimafreundlich zu produzieren. Wer es aber so radikal haben möchte wie die Grünen, kann die Folgen in Frankreich sehen: Dort kam es nach Reformen zur sozialen Spaltung des Landes inklusive Ausschreitungen. Das Klimapaket ist ein guter Kompromiss.

Noch ein Zitat von Fritz Vahrenholt: „Wenn die Forderungen von Greta Thunberg umgesetzt werden, werden Wohlstand und Entwicklung weltweit massiv gefährdet.“ Drohte uns dann eine Deindustrialisierung?

Ploß: Wir dürfen wichtige deutsche Schlüsselindustrien und deren Arbeitsplätze nicht zerstören. Stattdessen müssen wir uns fragen: Wie kann Klimaschutz so gestaltet werden, dass Arbeitsplätze dadurch entstehen? Wenn wir Klimaschutz zu einem Exportschlager machen und dafür sorgen wollen, das nicht nur Deutschland seine Klimaschutzziele erreicht, sondern viel mehr andere Länder, müssen wir hier Technologien entwickeln, die andere Länder importieren. So erreichen wir unsere selbst gesteckten Ziele, schaffen neue Arbeitsplätze und stärken die deutsche Wirtschaft.

Das klingt nach dem Perpetuum mobile.

Ploß: Um ein Beispiel zu nennen: Die deutsche Industrie ist führend bei der Produktion von Elektrolyseuren, die man bei der Produktion von Wasserstoff oder synthetischen Kraftstoffen braucht. Viele Regionen in der Welt haben Sonne und Wind im Überfluss. Dort könnten Ökostrom und dann mit deutschen Elektrolyseuren Wasserstoff oder strombasierte Kraftstoffe hergestellt werden, die wir wiederum importieren könnten.

Zumindest in einem Punkt sind sich Ökoaktivisten, Politiker und Unternehmen einig: Eine Klimawende funktioniert nur über eine zuverlässige Bahn. Doch noch fallen pro Jahr 140.000 Züge bundesweit aus, jeder vierte Fernzug ist unpünktlich. Auch in Hamburg gibt es Probleme, vor allem bei der S-Bahn. Was muss passieren, damit die Verkehrswende funktioniert?

Ploß: Ganz wichtig: mehr Geld. In den Metropolregionen muss der Anreiz, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, erhöht werden. Eine Maßnahme wäre das Ein-Euro-Ticket oder ein 365-Euro-Jahresticket, wie wir es als CDU für Hamburg fordern. Wir müssen zudem U- und S-Bahn-Linien ausbauen.

Es ist also einfach: Der Staat muss nur genug Geld investieren, und die Menschen steigen um vom eigenen Auto in Bus oder Bahn?

Ploß: Wir müssen das Geld – im wahrsten Sinne des Wortes – auch auf die Schiene bringen. Wir brauchen deshalb dringend Reformen im Planungsrecht. Es kann nicht sein, dass wir vom Beginn der Planung einer Bahnstrecke bis zum fertigen Bau manchmal mehr als 20 Jahre brauchen. Zusammen mit einigen Kollegen habe ich deshalb eine Initiative gestartet. Zu unserem Zwölf-Punkte-Plan gehört die Einschränkung des Verbandsklagerechts. Wichtige Infrastrukturprojekte sollen zudem durch Parlamente beschlossen werden und nicht mehr durch aufwendige Planfeststellungsverfahren. Beim Bundesparteitag der CDU jetzt in Leipzig wollen wir eine Mehrheit für diesen Plan bekommen. Danach würden wir eine entsprechende Initiative in den Bundestag einbringen.

Stichwort CDU-Parteitag. Kommen wir zu dem Thema, das zurzeit wie kaum ein anderes Ihre Partei umtreibt: der Führungsstreit in der CDU. Kramp–Karrenbauer oder Merz, Laschet oder Spahn. Ihre Partei befasst sich wie die SPD stark mit sich selbst.

Ploß: In der Mitte sind wir sehr gut aufgestellt, nachdem die SPD diese geräumt hat. Die CDU war aber immer dann erfolgreich, wenn sie auch eine große Strahlkraft auf liberal-konservative Wähler entfaltet hat. Wir brauchen beispielsweise einen Sozialstaat, der diejenigen unterstützt, die Bedarf haben. Wir brauchen klare Regeln bei der Integration: Wer nach Deutschland kommt, muss unsere Grundwerte akzeptieren und respektieren. Wer das nicht möchte, soll sich ein anderes Land suchen. Für diese Themen steht Friedrich Merz und erfährt dafür große Zustimmung aus der Bevölkerung. Deswegen ist für mich klar: Wir brauchen ihn.

Sie brauchen ihn. Nur als was? Als Schatten-Parteichef?

Ploß: Ich habe Friedrich Merz beim Bundesparteitag in Hamburg gewählt und unterstütze ihn nach wie vor. Im Moment stehen aber Inhalte und keine Personaldiskussionen an: Die Bürger erwarten zu Recht, dass wir konkrete Verbesserungen bei innerer Sicherheit, Pflege usw. erzielen.

Die Große Koalition könnte schon bald am Personal- und Richtungsstreit in der SPD scheitern. Mit Neuwahlen als Folge. Nur mit wem als Kanzlerkandidaten der Union?

Ploß: Am Ende muss die Person Kanzlerkandidatin oder Kanzlerkandidat werden, mit der wir die größten Chancen auf den Wahlerfolg haben.

Und das wäre laut aktuellen Umfragen Friedrich Merz …