Stadtentwicklung

Die Veddel: Vom Kuhdorf mit 18 Einwohnern zum Kultviertel

Margret Markert präsentiert das neue Buch der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg: "Die Veddel - Ein Stadtteil im Fluss zwischen Verkehr, Hafen, und Industrie" 

Margret Markert präsentiert das neue Buch der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg: "Die Veddel - Ein Stadtteil im Fluss zwischen Verkehr, Hafen, und Industrie" 

Foto: Lars Hansen / xl

Seit 251 Jahren gehört die Elbinsel zu Hamburg. Die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg widmet dem Stadtteil nun ein Buch.

Hamburg.  Wer heute über die Veddel geht, kann sich kaum vorstellen, dass hier einst Milchvieh weidete. Und doch ist es so: Als Dänemark 1768 großherzig diverse Elbinseln an Hamburg abtrat, um die Pfändung von 1,3 Millionen Reichstalern Schulden zu vermeiden, die der König bei der Hansestadt hatte, war auch die Veddel Teil des Handels.

Seinerzeit lebten auf der kleinen Veddel, dem Gebiet, das man heute mit „Veddel“ verbindet, 18 Menschen. Auf der großen Veddel, heute „Peute“, immerhin 270. Sie hielten Kühe und brachten deren Milch je nach Jahreszeit mit Booten oder Schlitten nach Hamburg.

Die Veddel profitierte vom Boom des Hamburger Hafens

Keine 100 Jahre später begann die Veddel zu boomen: Hamburg erweiterte seinen Hafen auf die einst dänischen Inseln und auf der Veddel wurden Arbeiter angesiedelt. Zwischenzeitlich lebten mehr als 5000 Menschen auf der Veddel und auch heute nur ein paar hundert weniger. Die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg hat die Entwicklung der Veddel in einem Buch zusammengetragen. Heute abend wird es im „Café Nova“ an der Wilhelmsburger Straße vorgestellt.

„Den Anstoß für das Buch gab eigentlich der 250. Jahrestag des Gottorfer Vergleichs, bei dem die Veddel an Hamburg fiel“, sagt Margret Markert, hauptamtliche Historikerin in der Geschichtswerkstatt. „Aber die Idee kam uns etwas zu spät, um bis zum Jubiläum fertig zu werden. Trotzdem hielten wir es für wichtig, die Geschichte der Veddel genauer zu betrachten, vor allem vor dem Hintergrund, dass auf den Elbinseln jetzt wieder neue Stadtteile und Quartiere entstehen.“

Neben den Hafenanlagen "blieb nur eine kleine Wohninsel"

Die Hamburger Hafenerweiterung auf die Südseite der Norderelbe begann in den 1860er Jahren. Kuhwerder, der Grasbrook und die Veddel wurden aufgehöht und lange Hafenbecken hineingebaut, an denen viele Schiffe zugleich abgefertigt werden konnten. Die Namen der Veddeler Häfen – Moldauhafen, Saalehafen, Spreehafen – deuten an, wie die Waren aus aller Welt in Mitteleuropa weiterverteilt wurden: auf Kähnen. Bald kamen Straße und Schiene dazu und am Veddeler Wasserkreuz kamen alle Verkehrsmodi zusammen.

„Daneben blieb nur eine kleine Wohninsel auf der kleinen Veddel“, heißt es in dem Buch.

Oberbaudirektor Schumacher ließ Wohnungen auf der Veddel bauen

Die erste geplante Arbeiterwohnsiedlung entstand nach dem Muster der englischen Gartenstädte: Kleine Wohnhäuser mit großen Landflächen zur Selbstversorgung. „Slomansiedlung“ war der Name des Quartiers, das der gleichnamige Reeder gestiftet hatte.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam aber die Erkenntnis, dass man auf dem geringen Platz mehr Wohnungen unterbringen musste. Hamburgs stadtbildprägender Oberbaudirektor Fritz Schumacher setzte diese Erkenntnis aber erst Mitte der 20er-Jahre um. Der erste Weltkrieg und die anschließende Finanzknappheit der Stadt hatten dafür gesorgt.

Im 21. Jahrhundert ist die Veddel ein multikulturelles In-Viertel

Mit der Slomansiedlung kam auch soziale Infrastruktur: Die Schule, der Sportplatz und die Bücherhalle, die das Zentrum des Quartiers bilden. Immer wieder aber musste sich der Stadtteil dem Hafen und der Hansestadt unterordnen. Der Freihafenzaun wurde zur Wachstumsgrenze, die Veddeler Brückenstraße zerschnitt die Veddel quasi in zwei Blocks. Täglich rollten hier zu jener Zeit, als die Umgehung noch nicht gebaut war, achtmal mehr Autos durch das Viertel, als Anwohner in ihm lebten.

Heute gilt es als hip, auf der Veddel zu wohnen. Studenten werden von günstigen Mieten angezogen und sollen auch über das Studium hinaus bleiben dürfen, wenn sie wollen. Menschen aus über 100 Nationen bevölkern die Insel. Und die Veddeler Brückenstraße, einst unüberwindlich für Fußgänger, ist zum Flanier-Boulevard geworden.

„Mit dem Grasbrook entsteht ein neuer Wohnstadtteil in Hafennähe“, sagt Markert. „Das macht die Veddel und ihre Geschichte interessant.“

 

Über das Buch

„Die Veddel – Ein Stadtteil im Fluss zwischen Verkehr, Hafen und Industrie“. Herausgeber: Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen. Autoren: Barbara Günther, Margret Markert und Gordon Uhlmann. 80 Seiten, Farbumschlag, über 100 Fotos. Für  10 Euro zu beziehen über die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg und die Buchhandlung Lüdemann, Fährstraße,  Tel. 040/753 13 53.