Verkehr

Die Baustellen in Hamburg bleiben eine Baustelle

An diesem interaktiven Kartentisch informierten sich die Besucher über Baustellen in der Stadt.

An diesem interaktiven Kartentisch informierten sich die Besucher über Baustellen in der Stadt.

Foto: Thorsten Ahlf

Beim „Mobilitätstag“ in der Verkehrsbehörde ging es im Gespräch zwischen Bürgern und Stadt teilweise hoch her.

Hamburg.  Kaum ein Thema betrifft und bewegt in Hamburg so viele Bürger wie der Verkehr. Insbesondere die vielen Baustellen lassen immer wieder die Emotionen hochschlagen. Zum „Mobilitätstag“ in der Behörde für Wirtschaft und Verkehr, bei dem am Montag fast alle städtischen Akteure – vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) über die Bezirke, Polizei, Feuerwehr, Hamburg Port Authority bis hin zu den Leitungs- und Verkehrsunternehmen – ihre Beiträge zur Baustellenkoordinierung präsentierten, kamen dennoch nur einige Dutzend Bürger. In den sozialen Medien zu schimpfen oder das direkte Gespräch mit den städtischen Stellen zu suchen, seien halt zwei verschiedene Paar Schuhe, stellte eine Behördenmitarbeiterin lapidar fest.

Diejenigen, die das Gespräch suchten, hatten aber durchaus etwas mitzuteilen. So wie Andrea Zymelka aus Bahrenfeld. Rund um die Silcherstraße unweit der A7 herrsche seit Wochen Chaos, berichtete die junge Mutter. Weil an mehreren Stellen gleichzeitig gebaut werde, unter anderem am Autobahndeckel und an Wasserrohren, seien nicht nur die Hauptverkehrsstraßen wie die Von-Sauer-Straße dicht, sondern auch ihre Wohnstraße – die viele Autofahrer als Ausweichroute nutzten.

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Angst, dass Kinder Abgase einatmen

Ständig werde gehupt und die Luft sei extrem schlecht. „Wir können schon kein Fenster mehr aufmachen“, sagte Zymelka. „Ich will nicht, dass mein Kind Abgase einatmen muss.“ Sie selbst würde eigentlich gern öffentliche Verkehrsmittel nutzen, doch das sei auch fast unmöglich. „Der Bus hat zum Teil 68 Minuten Verspätung.“

Immerhin: Von dem städtischen Verkehrskoordinator Christian Merl, dem sie ihr Leid geklagt hatte, fühlte sie sich ernst genommen. „Ich kannte das Problem noch nicht“, räumte Merl gegenüber dem Abendblatt offen ein und kündigte an: „Wir werden uns das jetzt anschauen.“ Vielleicht liege es nur an einer Ampelschaltung, die nicht an die Baustellensituation angepasst sei.

Einem älteren Ehepaar aus Eimsbüttel konnten die Experten hingegen vorerst nicht helfen. „An der Kreuzung Eimsbüttler Marktplatz, Heußweg und Lappenbergsallee ist seit fünf Monaten eine Baustelle, aber man sieht niemanden arbeiten, da wachsen schon Bäume“, berichtete die Dame, die lieber ungenannt bleiben wollte. Auf die Frage, wer denn da baue, lachte ihr Mann: „Wenn wir das wüssten.“

Viele Anwohner waren angereist

Doch weder die anwesenden Betreuer der Internetseite hamburg.de/baustellen, auf der eigentlich alle größeren Baumaßnahmen verzeichnet und Informationen über Art, Dauer und Auftraggeber der Arbeiten hinterlegt sind, noch die Experten von Stromnetz Hamburg kannten diese Baustelle. Immerhin: Die freundlichen Vertreter des städtischen Netzbetreibers notierten sich die Telefonnummer des Paares und versprachen, sich zu melden.

Ganz so gesittet ging es zwischen den zahlreich angereisten Anwohnern des Ehestorfer Heuwegs und den Vertretern der Stadt nicht zu. Uwe Hansen von der örtlichen Bürgerinitiative, die sich gegen die Vollsperrung der wichtigen Verbindungsstraße im Süden der Stadt wehrt, nahm gleich neben dem Eingang Antje Schulzki vom LSBG ordentlich ins Gebet: „Raubrittertum“ sei das Verhalten der Stadt, die Verantwortlichen gehörten weggesperrt, schimpfte Hansen. „Ich würde eigentlich gern frei blieben“, sagte Schulzki und versuchte, das Gespräch in geordnete Bahnen zu lenken, indem sie auf einen anderen Stand verwies, der sich eigens der Verkehrssituation im Süden widme.

Menschen kommen kaum noch zur Arbeit

Dort wurde dann noch länger intensiv debattiert. Wie berichtet, werfen die Anwohner der Stadt vor, ihre Hinweise auf unterirdische Stollen eines ehemaligen Bergwerks nicht ernst genommen zu haben. „Da ist 40 Jahre lang Schwerlastverkehr drübergefahren, inklusive der Panzer aus Fischbek, und nichts ist passiert“, meinte Hansen. Doch dann sei die Stadt gekommen und habe zu tief gebuddelt – mit dem Ergebnis, dass ein Stollen eingestürzt sei. Dieser muss nun erst aufwendig verfüllt werden, bevor die eigentlichen Arbeiten weitergehen können, weswegen die Straße an der heiklen Stelle gesperrt ist.

Die Anwohner kämen teilweise kaum noch zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen, beklagte Hansen – wobei noch erschwerend hinzukomme, dass auch an der B73 und am Moorburger Elbdeich gebaut werde. „Da überhaupt von Koordination zu sprechen, ist schon grenzwertig“, so der Initiativen-Sprecher. Auch Absackungen von Häusern wurden schon beklagt.

Stadt stellt Sachlage anders dar

Die Stadt stellt die Sachlage naturgemäß etwas anders dar. Sie sei davon ausgegangen, dass die Stollen verfüllt und die Böden tragfähig sind. Dass sie unter Straße buddeln muss, sei nur der Tatsache geschuldet, dass auf Nebenflächen überraschend alte Versorgungsleitungen gefunden wurden, die in keinem Register verzeichnet waren. Wirklich näher kamen sich beide Seiten jedoch nicht.

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Verkehrssenator Michael Westhagemann (parteilos) begrüßte das Format „Mobilitätstag“ dennoch: „Es ist wichtig, Verkehrs- und Mobilitätsplanung transparent zu machen und mit den Bürgerinnen und Bürgern darüber ins Gespräch zu kommen“, sagte er. „Wir lernen daraus und können uns verbessern. Auf der anderen Seite haben wir die Chance, die Komplexität des Themas zu erläutern und vielleicht an der einen oder anderen Stelle ein besseres Verständnis zu erzeugen. Wir bauen ja nicht, um die Bürger zu ärgern, sondern weil es unsere Verantwortung ist, die Infrastruktur in Schuss zu halten.“

Stadtteile zeitweise kaum noch erreichbar

Das Thema Baustellen-Koordinierung ist auch politisch betrachtet eine Dauer-Baustelle. Nachdem 2018 zeitweise ganze Stadtteile wegen schlecht aufeinander abgestimmter Arbeiten kaum noch erreich- oder passierbar waren, hatte sogar Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) auf einem Parteitag bekannt: „Das nervt ja schon.“ Beschlossen wurde, das Thema nun mit Macht anzugehen. Ende 2018 präsentierte der Senat dann einen 24-Punkte-Plan: Er sieht unter anderem vor, dass die sieben Bezirksämter eigene Verkehrs- und Baustellenkoordinatoren erhalten – sie wurden kürzlich vorgestellt.