100 Fragen des Lebens

Frage an Hamburger Uni-Professoren: Wie werde ich reich?

| Lesedauer: 15 Minuten
Insa Gall
Eine Geste, abgeschaut von Dagobert Duck, dem bekanntesten Reichen von Entenhausen: Soziologieprofessor Rolf von Lüde und Volkswirtin Prof. Ingrid Größl.

Eine Geste, abgeschaut von Dagobert Duck, dem bekanntesten Reichen von Entenhausen: Soziologieprofessor Rolf von Lüde und Volkswirtin Prof. Ingrid Größl.

Foto: Thorsten Ahlf

Experten erklären die besten Strategien, um Vermögen anzuhäufen. Und wie die Deutschen jährlich 75 Milliarden Euro verpulvern.

Hamburg. Diese Frage bewegte nicht nur Dagobert Duck: Wie werde ich reich? Ein Patentrezept haben auch unsere beiden Experten von der Universität Hamburg, die Volkswirtin Prof. Ingrid Größl und der Soziologe Prof. Rolf von Lüde, nicht – wohl aber viele interessante Einsichten und wertvolle Tipps.

Wie werde ich reich? Haben Sie darauf eine allgemeingültige Antwort?

Rolf von Lüde Diese Frage stellen sich viele Menschen. Aus soziologischer Sicht ist die erste Voraussetzung, sich die richtigen Eltern auszusuchen. All diejenigen, für die das zu spät ist, können noch eine geniale Idee haben, sie in der Garage zur Serienreife entwickeln und dann einen Großkonzern gründen. Man kann Profi-Fußballer werden und in einem Jahr so viel verdienen wie Normalbürger in ihrem ganzen Leben nicht. Oder YouTuber oder Influencer – aber auch dafür braucht man gewisse Talente. Wenn man weder die Idee noch die Talente hat, kann man noch Lotto spielen, aber da liegen die Chancen, reich zu werden, bei eins zu 140.000.000. Das zeigt, dass das für die allermeisten von uns ein schöner Traum bleibt und wir andere Wege finden müssen, um sinnvoll ein Vermögen aufzubauen.

Welche Wege sind das? Und kann es mit dem durchschnittlichen Bruttojahreslohn eines deutschen Arbeitnehmers, der bei 34.000 Euro im Jahr liegt, tatsächlich gelingen, reich zu werden?

Prof. Ingrid Größl: Das ist möglich, wenn einem der Zufall gewogen ist. Das heißt: Wenn man an der Börse spekuliert und einen großen Gewinn macht. Nur: Auf diese Weise kann man auch sehr viel verlieren. Wenn man Reichtum plant, dann sind Investitionen erforderlich, die Zeit brauchen und deren Erträge höchst unsicher sind. Man muss bereit sein, viel Zeit reinzustecken in den Erwerb bestimmter Kompetenzen. Ich habe gelesen, dass, wenn man als Blogger oder Influencer das große Geld verdienen will, es zehn Jahre dauert, bis man begriffen hat, wie das geht und die Besucher der Website tatsächlich zu Kunden geworden sind. Mir ist wichtig: Reichtum fällt normalerweise nicht vom Himmel. Er erfordert harte Arbeit. Leute, die es gewagt haben, Unternehmen zu gründen, erzählen, dass sie 100 Stunden in der Woche gearbeitet haben. Und dann ist es nicht sicher, dass auch etwas erreicht wird. Klar ist aber, dass soziale Kontakte vernachlässigt worden sind – ein hoher Preis.

Von Lüde: Die meisten Menschen haben nicht das Ziel, wie Onkel Dagobert in Gold zu baden. Sie vergleichen sich nicht mit den Superreichen, sondern schauen sich ihre Freunde und Nachbarn an und wollen so gestellt sein wie sie oder etwas besser. Nach Daten der Deutschen Bundesbank beträgt das Durchschnittsvermögen eines deutschen Haushalts 232.000 Euro. Was dramatisch ist: Die meisten Menschen legen dieses Geld auf Sparkonten und Festgeldanlagen an, wo es derzeit nur 0,01 Prozent Zinsen bringt. Volkswirtschaftlich gesehen kommt da der gewaltige Betrag von 2,5 Billionen Euro zusammen, die als Bargeld oder auf diesen Konten ohne jede Erträge herumliegen. Auf diese Weise sparen sich viele arm. Wenn man das mit einer dreiprozentigen Verzinsung vergleicht, gehen ihnen jährlich 75 Milliarden Euro verloren. Sparen entwertet Geld durch Inflation, eventuell kommt noch ein Negativzins hinzu.

Um Vermögen anzusammeln, muss man erst einmal weniger ausgeben, als man verdient – also auf Konsum verzichten, oder?

Von Lüde: Ja. Reichtum oder zumindest Wohlstand anzusparen, bedeutet immer Konsumverzicht. Wer mit steigendem Einkommen immer sofort seinen Lebensstandard anpasst und entsprechend mehr ausgibt, hat wenig Chancen, reich zu werden.

Größl: Es bedeutet auch Verzicht auf Freizeit. Man tauscht Zeit in Geld um. Ich kann Zeit verwenden, um Freundschaften aufzubauen, und bin dann reich an sozialen Kontakten. Oder ich wühle und arbeite, um mir Kompetenzen anzueignen, die mir die Tür öffnen zu Geld. Diese Entscheidung muss ich früh treffen. Will ich reich an Geld werden oder an anderen Dingen?

Gibt es einfache Strategien, wie man Geld anlegen sollte?

Größl: Einfach sind die Strategien nicht, weil es nicht mehr funktioniert, zur Bank zu gehen und ihr sein Geld zu überlassen. Jeder von uns benötigt deshalb mittlerweile finanzielle Kompetenz, denn man bekommt keine gute Verzinsung ohne Risikoübernahme. Je höher die versprochene Rendite, desto höher ist auch das Risiko. Wichtig ist, nicht alles auf eine Karte zu setzen, sondern zu diversifizieren. Empfehlenswert sind für eine längerfristige Vermögensanlage Exchange Traded Funds (ETF), bei denen man sein Geld in einem Korb von Aktien anlegt. Außerdem muss man Geduld mitbringen und sich darauf einstellen, dass man nicht jederzeit auf das angelegte Geld zugreifen kann. Anlagen, die Rendite bringen, sind nicht jederzeit ohne Verluste kündbar – und die Kurse können fallen, sodass ein Verkauf zeitweise wenig ratsam ist. Studien zeigen, dass die Deutschen gern jederzeit auf ihr Geld zugreifen können wollen. Davon muss man sich verabschieden, wenn man Rendite haben möchte.

Von Lüde: In Deutschland ist die Anlage in Aktien traditionell verpönt; sie gilt als etwas für Spekulanten. Der deutsche Anleger scheut in hohem Maße das Risiko und traut sich kaum, in etwas anderem anzulegen, als dies in seiner Familie schon immer üblich war. Geld für unvorhergesehene Fälle des Lebens zurückzulegen ist sehr vernünftig. Es gilt eine Faustregel: Drei Nettomonatsgehälter sollte man als eiserne Reserve für Notfälle zur Seite legen. Alle weiteren Ersparnisse aber nur in Form unverzinslicher Anlagen auf Sparbüchern oder Festgeldkonten zu halten, funktioniert heute nicht mehr. Auch Staatsanleihen bringen keine vernünftige Verzinsung.

Zu welchen Anlagen würden Sie raten, und was ist eine vernünftige Renditeerwartung?

Größl: Wenn es um eine Altersvorsorge geht, ist es sinnvoll, in Aktien zu investieren; am besten in Fonds. Man kann auch Obligationen in Erwägung ziehen. Wichtig ist die Streuung. Bei der zu wählenden Anlagestrategie ist auch folgende Frage entscheidend: Wie viel Verlust kann ich notfalls ertragen? Kann ich einen Totalausfall tatsächlich verkraften? Denn klar ist: Je höher die mögliche Rendite, desto größer ist das Risiko.

Von Lüde: Wer jetzt noch überhaupt nicht auf dem Kapitalmarkt engagiert ist, sollte erst mal nur einen Teil seines Geldes in Aktien oder Fonds anlegen, um in diese neue Anlageform hineinzuwachsen. Aber es ist absolut notwendig, das zu machen, weil alle anderen Anlageformen so gut wie keine oder sogar negative Zinsen bringen. Es gibt noch einen Vorteil: Man kann selbst entscheiden, welche Anlagen man mit seinem Angesparten auch nach ethisch-ökologischen Gesichtspunkten unterstützen möchte und so Einfluss nehmen auf die zukünftige Entwicklung unserer Produktion und unserer Gesellschaft. Das wird vielen Menschen immer wichtiger.

Was ist von Finanzberatern zu halten? Und wieso sind die nicht selbst stinkreich?

Von Lüde: Das ist eine wunderbare Frage, die ich den Beratern auch immer selbst gestellt habe. Wir wissen aus empirischen Untersuchungen, dass der Durchschnittsbürger über finanzielle Zusammenhänge wenig informiert ist – da kann man von finanziellem Analphabetismus sprechen. Das Wissen über grundlegende Zusammenhänge in Wirtschaft und Finanzen müsste schon in der Schule stärker vermittelt werden. Wir haben erlebt, dass viele Banken vor der Finanzkrise ihren Kunden Papiere verkauft haben, von denen sie selbst wussten, dass sie toxisch waren.

Größl: Wir Verbraucherschützer fänden es gut, wenn die Berater nicht Provisionen für den Verkauf bestimmter Anlagen bekommen würden, sondern vom Kunden für die Beratungsleistung bezahlt würden. Es heißt aber, das sei dem deutschen Kunden nicht vermittelbar. Beratungsleistungen würden von uns nicht als wertvolle Dienstleistung wahrgenommen.

Wie gehe ich konkret vor, wenn ich etwas Geld anzulegen habe und meine Bank mir bestimmte Anlageprodukte verkaufen will? Kann ich dem Berater vertrauen?

Größl: Der beste Rat ist, Finanztests lesen, beispielsweise von Stiftung Warentest. Die Verbraucherschutzszene stellt Ratings zur Verfügung, die sehr hilfreich sind.

Von Lüde: Die Ausgabe dafür lohnt sich wirklich. Zweiter Tipp: Niemals nur einem Bankberater vertrauen, sondern zwei oder drei verschiedene Angebote einholen. Dritter Tipp: Für Anfänger ist es sehr schwer, erfolgreich auf einzelne Aktien zu setzen; besser ist es, in einen Fonds oder einen Exchange Trading Fund (ETF) zu investieren, also Aktienwarenkörbe. Unbedingt den Berater danach fragen, wie ein Fonds in der Vergangenheit abgeschnitten hat, insbesondere auch in Krisenzeiten. Gut sind Fonds, mit denen man über die letzten 15 Jahre – einen so langen Zeitraum sollte man betrachten – eine Verzinsung von etwa drei bis fünf Prozent erzielen konnte.

Was ist der Zinseszinseffekt und wie wichtig ist er beim Reichwerden?

Von Lüde: Um Wohlstand für die Zukunft aufzubauen ist es entscheidend, dass man die Erträge aus den Anlagen wieder reinvestiert. Also: Von den Erträgen nicht schön essen gehen oder nach Mallorca fliegen, sondern sie nutzen, um die Anlagebasis Stück für Stück zu verbreitern.

Wie groß ist die Gefahr einer neuen Krise angesichts von Brexit und drohendem Handelskrieg der USA mit China? Müssen wir unsere Anlagestrategie darauf einstellen?

Von Lüde: Meiner Ansicht nach nicht. Möglicherweise bieten die derzeit gesunkenen Aktienkurse sogar eine Einstiegsgelegenheit. Aber die Frage geht ja tiefer. Aktien als Anlageform kann Krisen überdauern, das hat sich in der Finanzkrise gezeigt. Diese hat tiefe Löcher gerissen, doch anschließend haben sich die Aktienkurse sehr schnell wieder erholt. Und diejenigen, die während der Krise investiert haben, haben sogar profitiert. Auf keinen Fall darf man am tiefsten Punkt aussteigen, aus Angst, dass es noch weiter bergab gehen könnte.

Größl: Ich möchte mal mit einer Illusion aufräumen, nämlich der, dass es absolut sichere Vermögensanlagen gibt. Auch Banken können nur die Sicherheit unserer Einlagen versprechen und durch ein geeignetes Risikomanagement dafür sorgen, dass sie ihr Versprechen halten können. Und derzeit wird ja diskutiert, Negativzinsen einzuführen. Einlagen bei Banken sind also derzeit keine Alternative zu Wertpapieren, wenn es um die längerfristige Vermögensanlage geht. Wichtig ist es zu diversifizieren, also unterschiedliche Anlagetypen zu mischen, und in einer Krise durchzuhalten.

Kann man mit Immobilien noch viel Geld verdienen oder sind die Preise ausgereizt?

Größl: Die Immobilienkredite sind fast zum Nullzins zu bekommen, deshalb ist das von der Finanzierungsseite her noch immer sehr lukrativ. Andererseits sind die Kaufpreise sehr gestiegen, Grundstücke und Handwerker teuer. Ich würde daher eher verneinen: Mit dem Kauf von Immobilien ist es derzeit nicht möglich, reich zu werden. Vor zehn Jahren war das anders, wenn man ein Haus oder eine Wohnung im attraktiven Speckgürtel Hamburgs oder in der Innenstadt gekauft hat.

Von Lüde: Auch Fachleute sind sich nicht sicher, ob es eine Immobilienblase gibt. Wenn man längere Entwicklungen betrachtet, so kann man feststellen, dass diejenigen, die in Immobilien investiert haben, profitiert haben – nicht nur wegen der steigenden Preise. Es ist auch eine Form des Zwangssparens: Man geht eine Verpflichtung ein, und jede Tilgung des Kredits ist eine Investition in das eigene Vermögen. Das hindert uns, das Geld für unseren Konsum auszugeben.

Größl: Das ist allerdings nicht für alle empfehlenswert. Viele Menschen haben ihr Haus gerade abbezahlt, wenn sie in den Ruhestand gehen. Dann aber beginnen die Renovierungen, und die Rente reicht nicht aus, um diese zu bezahlen. Ausziehen will man nicht und angesichts des Renovierungsstaus wäre der Erlös ohnehin begrenzt. Für diese Menschen eignet sich eine selbst genutzte Immobilie nur sehr bedingt als Anlageobjekt.

Kann es klug sein, Schulden zu machen, um reich zu werden?

Von Lüde: Ich würde sagen: Ja. Bei sehr niedrigen Zinsen kann es ertragreich sein, eine Immobilie zu kaufen und sich dafür zu verschulden – wenn man etwas gutes, wertstabiles gefunden hat. Viele verschulden sich aber für den Konsum, das ist hochproblematisch.

Größl: Noch viel gefährlicher ist es, Aktien auf Kredit zu kaufen. Zwar bekommt man derzeit Geld fast zu Nullzinsen, während sich langfristig durch die Anlage in Aktien Renditen von drei, fünf oder mehr Prozent erzielen lassen. Aber das ist keineswegs sicher. Und der Kreditgeber kann im Fall einer Krise, wenn die Kurse in den Keller rauschen, kündigen, weil die Aktien der Bank als Sicherheit dienen. Wenn die an Wert verlieren, zieht die Bank die Notbremse. Dann muss man zur Unzeit die Aktien verkaufen und läuft Gefahr zu verarmen. Damit sind selbst Profis baden gegangen.

Von Lüde: Dies ist eine Warnung vor kreditfinanzierten Aktienkäufen. Das spricht aber nicht gegen die derzeit fast alternativlose Anlage in Aktien und Fonds, wenn man seine Ersparnisse renditebewusst zu einem Vermögen aufbauen will.

Die Experten

Die Volkswirtin Ingrid Größl
ist Professorin im Ruhestand mit dem Schwerpunkt Geld und Kredit. In ihrer Forschung hat sie sich viel mit der Stabilität von Finanzsystemen beschäftigt. Parallel ist sie im Verbraucherschutz tätig: Größl ist Vorstand und Forschungsdirektorin im Institut für Finanzdienstleistungen e.V. (iff).

Prof. Rolf von Lüde ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Hamburg mit einer wissenschaftlichen Ausbildung in Volkswirtschaftslehre und Soziologie. In Forschung und Lehre hat er sich unter anderem mit der Finanzsoziologie befasst und hierzu zahlreiche Aufsätze veröffentlicht. Er ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Weltweite Wissenschaft.

Die Serie

Jede Woche stellt das Hamburger Abendblatt eine der 100 großen Fragen des Lebens: Was ist Glück? Was ist gerecht? Wie viele Informationen braucht man?

Beantwortet werden diese Fragen im Gespräch mit Professoren und Experten der Uni Hamburg.

In der nächsten Folge wird es um diese Frage gehen: Welche Bedeutung hat Musik?

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