Kirche

Kelche für den Michel: Hamburger spenden 40 Kilogramm Silber

Schmiedemeisterin Margarete Oehlschlaeger in ihrer Werkstatt in Lübeck.

Schmiedemeisterin Margarete Oehlschlaeger in ihrer Werkstatt in Lübeck.

Foto: Michel-Kelche

Schalen, Löffel und Messer aus dem Edelmetall wurden in Lübeck eingeschmolzen und bekamen dort eine neue Form.

Hamburg/Lübeck.  Die blaue Flamme aus der Lötpistole trifft heiß und zielgenau das Silber. Margarete Oehlschlaeger hantiert routiniert in ihrer Lübecker Werkstatt mit dem Gerät, taucht wenig später das abgekühlte, handtellergroße Stück in ein Bad mit verdünnter Schwefelsäure. Danach kann die 73-Jährige das Silber schmieden, bis daraus ein Werk für die Ewigkeit entsteht.

Es ist kein Schmuck, der in der Lübecker Pfaffenstraße 17 in diesen Tagen Gestalt annimmt, sondern der letzte Abendmahlskelch für den Hamburger Michel. Der Großauftrag, den sie für die Hauptkirche St. Michaelis übernommen hat, steht kurz vor dem Abschluss. Weil die alten Abendmahlskelche marode sind, hatte die Stiftung St. Michaelis die Aktion „Aus Familiensilber werden Michel-Kelche“ ins Leben gerufen.

Mehr als 400 Hamburger spendeten binnen kurzer Zeit Silberschalen, Silbermesser, Silberlöffel. Selbst versilberte Orden waren dabei. Der Silberschatz wurde eingeschmolzen und verarbeitet, sodass Silberschmiedemeisterin Margarete Oehlschlaeger schließlich mit dem angelieferten Material arbeiten konnte: 40 Kilogramm Feinsilber in einer 925er Legierung und gerade mal 1,2 Millimeter dünnen Platten.

Am 1. Advent kommen die Kelche erstmals zum Einsatz

15 Abendmahlskelche, jeweils 23 Zentimeter hoch, werden am Ende die Werkstatt verlassen und pünktlich zum Festgottesdienst am 1. Advent im Hamburger Michel in Gebrauch genommen. „Hunderte von Jahren“, verspricht die Schmiedemeisterin, „werden die vergoldeten Kelche einsatzfähig sein.“

Michael Kutz, Geschäftsführer der Stiftung St. Michaelis und Spendensammler aus Leidenschaft für die kirchliche Arbeit, ist extra von Hamburg in die Lübecker Werkstatt gekommen, um die 13 bereits fertiggestellten Kelche in Augenschein zu nehmen. Sie stehen auf einer feinen Papierrolle auf dem Fußboden eines aus dem 13. Jahrhundert stammenden Hauses in der Lübecker Altstadt, das mal als Fischerbude, mal als Backhaus und Speicherhof fungierte. Bis es zur Silberschmiede wurde.

An der Werkstattwand hängen die gezeichneten Entwürfe der Abendmahlskelche, mit denen die Lübecker Schmiedin sakraler Kunst die Michel-Gremien von ihren Plänen überzeugte. „Die Idee kam mir bei der Autobahnfahrt von Hamburg nach Lübeck“, erzählt sie. Die neuen Michel-Kelche weisen demnach Analogien zum Kirchturm und zum Grundriss von Norddeutschlands schönster Barockkirche auf. Die Kuppa, das vergoldete Trinkgefäß, ähnelt dem Umriss der barocken Turmhaube. Und der Knauf (Nodus) hat die Form des Kirchengrundrisses in Kreuzform. „So ist ein moderner Kelch in barocker Linienführung entstanden“, sagt Margarete Oehlschlaeger sichtlich erleichtert, dass sie jetzt kurz vor der Vollendung dieses Projekts steht.

Namen der Stifter werden eingraviert

Arbeitsreiche Monate liegen hinter der Lübecker Meisterin und ihrem kleinen Team: Es war geballte Frauen-Power für sakrale Trinkgefäße, mit denen die Gläubigen Rotwein oder Traubensaft empfangen werden. Mitgewirkt haben in der kleinen Werkstatt, die über einen beträchtlichen Vorrat an Kaffeebohnen verfügt, Oehlschlaegers Tochter Maya und die langjährige Mitarbeiterin Monika Knorr (77).

Tag und Nacht hätten sie zuletzt gearbeitet, sagt die Geschäftsinhaberin, und der Kaffeeautomat dürfte genauso im Dauerbetrieb gewesen sein. Das Team kann auf jahrzehntelange Erfahrung zurückgreifen, schließlich hat es Abendmahlskelche für Kirchen in New York, Jerusalem, Baltimore und Antwerpen geschaffen.

Stiftungs-Geschäftsführer Kutz ist begeistert von den 13 im Licht funkelnden Kelchen, die in Reih und Glied in der Werkstatt präsentiert werden. Der 14. Kelch erhält derzeit in Schwerin eine Gravur. Sie vermerkt unter dem Fuß beispielsweise den Namen Margarete und zeigt den Lübschen Adler. In zehn Kelchen ist der Name des jeweiligen Stifters eingraviert. Mit einem Betrag von 6000 Euro konnten Interessenten sich im heiligen Silber verewigen. Für sie gibt es, bevor das Sakralgerät zum allgemeinen liturgischen Einsatz gelangt, eine exklusive Präsentation der Kelche.

Familiensilber aus dem Hamburger Feuersturm

Die bisherigen Michel-Kelche stammen aus den 1980er-Jahren und sind stark reparaturbedürftig. Vor allem der Traubensaft, seit 30 Jahren vielfach als Rotweinersatz in Mode, hatte sich in das Metall der Michel-Kelche gefressen. Die Anschaffung von neuem liturgischen Gerät ist unterm Strich preiswerter als die Restaurierung. Also startete der Michel Anfang des Jahres die ungewöhnliche Spendenaktion mit dem Familiensilber. Darunter waren Familienstücke wie das Taufbesteck eines verstorbenen Sohnes und Silberlöffel, die den „Feuersturm“ von 1943 überdauerten.

Insgesamt 150 Kilogramm Silber wurden dem Michel gespendet. 50 Kilo davon wurden zu Feinsilber verarbeitet und später mit Kupferspuren des alten Michel-Daches komplettiert. Aus ihnen sind jetzt die 15 Abendmahlskelche entstanden. Diese neuen Kelche werden einzigartig sein. In einem „identitätswahrenden“ Scheideverfahren wurden Silberspenden aus 450 Familien so verarbeitet, dass Silber aus jeder Familie in den Kelchen enthalten sei, verspricht die Stiftung.

Am 1. Dezember, 10 Uhr, werden die Kelche erstmals im Michel in Gebrauch genommen. Am 29. November können sie nach der Illumination um 16.30 Uhr im Altarraum besichtigt werden.