Beratung bei Missbrauch

Ein Buch, das belasteten Kindern Mut macht

Der Autor und Therabeut Clemens Fobian mit seinem Buch "Soll ich es sagen?"

Der Autor und Therabeut Clemens Fobian mit seinem Buch "Soll ich es sagen?"

Foto: Thorsten Ahlf

Jungen und Männern fällt es schwer, über einen sexuellen Missbrauch zu sprechen. Die Beratungsstelle basis-praevent richtet sich speziell an sie.

Soll ich es sagen? Das ist oft die schwierigste Frage, die sich Kinder stellen, wenn sie sexuell missbraucht wurden. Clemens Fobian hat diese Frage für den Titel seines neuen Bilderbuchs gewählt. „Es ist eine Geschichte über Geheimnisse“, sagt der Sozialpädagoge, der Jungen und Männern bei basis-praevent, einer Beratungsstelle von basis & woge e. V., Gespräche zu diesem Thema anbietet. Doch warum kommt in der Geschichte gar keine Gewalttat vor? „Es geht darum zu erfahren, was Geheimnisse sind, welche Gefühle sie auslösen können und dass man sie manchmal lieber jemandem erzählen sollte, statt sie für sich zu behalten“, sagt Fobian, „denn Kinder wissen oft noch nicht, was ein Geheimnis ist und wie sie damit umgehen können.“

Nachdem die skandalösen Fälle von sexualisierten Gewalttaten in der katholischen Kirche, in Kinderheimen der ehemaligen DDR oder an der Odenwaldschule öffentlich gemacht wurden, wird über das Tabuthema in der Gesellschaft inzwischen etwas freier gesprochen. Zur Beratung bei basis-praevent kommen somit auch Betroffene, die jahrzehntelang schwiegen und mit dem Erlebten immer noch zu kämpfen haben. Wie der 77 Jahre alte Manfred Schmidt (*Name geändert), den die Bilder des Missbrauchs aus seiner Kindheit nie losließen. Schlafstörungen begleiteten ihn ebenfalls seitdem. Er kam in die Beratung, um endlich einmal über diese Last sprechen zu können. Das war ihm wichtig angesichts des nahenden Lebensendes, es half ihm und erleichterte ihn.

Für sexuell missbrauchte Männer gibt es bundesweit wenige Angebote

Die Beratungsstelle basis-praevent gibt es seit 2010. „Wir wollten die Lücke speziell für Jungen und Männer füllen“, sagt Clemens Fobian, denn für männliche Betroffene gibt es trotz großen Bedarfs in Deutschland bisher nur vereinzelt Angebote. Die Stadt Hamburg finanziert die Beratung für bis zu 21-Jährige, die für Ältere wird bezahlt von der Fernsehlotterie und dem Hamburger Spendenparlament. Angehörige und andere Bezugspersonen dürfen sich ebenfalls an basis-praevent wenden. Das Angebot ist kostenlos und auf Wunsch anonym.

Aus seiner Erfahrung als systemischer Therapeut und Fachberater für Traumapädagogik kennt Clemens Fobian die Strategien der Täter und die Wirkung auf ihre Opfer gut. „Sie konstruieren zunächst meist bewusst Geheimnisse, um dem Jungen ein Wir-Gefühl zu vermitteln, gewinnen seine Zuneigung und sein Vertrauen, bevor sie sich weiter vorwagen.“

In dem Buch geht es um eine zerbrochene Fensterscheibe

Solche Geheimnisse können ein verbotenes Videospiel sein oder ein Schluck Alkohol, der Zug an einer Zigarette. „Die Täter sind ja in der Regel keine Monster, sondern sie bevorzugen das Kind, geben ihm das Gefühl, angenommen und gemocht oder geliebt zu werden.“ Doch irgendwann kommt es zum Missbrauch und dann zur Drohung, dass etwas Schlimmes passieren würde, wenn der Junge dieses Geheimnis verrät.

In Fobians Buch geht es nur um eine zerbrochene Fensterscheibe, die ein Jugendlicher mit dem Fußball zerschossen hat. Ein kleiner Junge sieht das und wird von dem Größeren unter Druck gesetzt, das Gesehene nicht zu erzählen. Das wird für den Kleinen zur großen Belastung, weil er weiß, dass es unrecht ist. Schon kleine Kinder können darauf vorbereitet werden, sich bei unklaren und unangenehmen Erlebnissen frühzeitig jemandem anzuvertrauen, sagt Fobian – sein von Mirjam Zels ansprechend bebildertes Buch ist geeignet für Kinder ab vier Jahren. Wer eine Vertrauensperson sein könnte, dafür hätten die meisten Jungen gute Ideen. „Das können zum Beispiel auch Eltern von Schulfreunden sein, der Kinderarzt oder der Imam“, sagt Fobian. Überwiegend geschehen die Übergriffe in Familien, im direkten sozialen Umkreis und es gibt auch jugendliche Täter. Zu 80 bis 90 Prozent sind diese männlich und kennen ihr Opfer bereits, es gibt also kaum Zufallstaten.

Jungen denken immer noch, sie müssen stark sein

Clemens Fobian will dazu beitragen, „Kinder zu stärken, ihren eigenen Gefühlen zu trauen“. Das ist insbesondere für Jungen nicht leicht, da sie oft noch immer lernen, Gefühle zu unterdrücken. Auch heutzutage herrscht in der Erziehung von Jungen ein anderes Rollenbild vor als bei Mädchen. Sie holen sich seltener Hilfe, haben kein großes soziales Netzwerk. Viele denken, sie müssten stark sein, Probleme selbst regeln, und sie sorgen sich, als homosexuell zu gelten, wenn sie etwas erzählen würden. „Auch Jungen haben das Recht, als Opfer wahrgenommen zu werden“, sagt Fobian. Sexueller Missbrauch habe nichts mit Homosexualität zu tun und es gebe keine Hinweise darauf, dass Opfer solcher Übergriffe später selbst häufiger als andere zu Tätern würden.

„Es geht um Macht und Gewalt. Sexualisierte Gewalt ist die größte Möglichkeit, jemanden zu erniedrigen und zu demütigen“, sagt Fobian. Weil die Mauer des Schweigens nur langsam bröckele, hätten Vorurteile in der Gesellschaft und die Lügen der Täter noch immer Gewicht, ist die Erfahrung von Clemens Fobian. Wenn ein Vater zu seinem Sohn sagt, „das, was ich mit dir tue, machen andere Väter auch“, kann ein Kind dem nichts entgegensetzen, da es sich im Leben noch nicht auskennt. Wissen über dieses komplexe Thema vermittelt der Sozialpädagoge zusammen mit seinem Kollegen in Fortbildungen unter anderem an der HAW Hamburg und in Kitas.

Ratgeber und Infos für Betroffene und Fachkräfte

Basis & woge bietet auch auf seiner Webseite viele Informationen und Ratgeber für Eltern, Betroffene und Fachkräfte, die mit Kindern arbeiten. „Es ist immer der Täter, der die Schuld trägt und aus einer Überlegenheit das Kind und vielleicht auch die Eltern manipuliert hat“, ist eine wichtige Information. Deshalb lautet die Antwort auf die Frage „Soll ich es sagen?“ im besten Fall „Ja“, denn damit ist der erste Schritt in Richtung Hilfe getan.

Informationen: www.basis-praevent.de, telefonische Beratung: 39 84 26 62, E-Mail-Beratung: basis-praevent@basisundwoge.de

Bilderbuch von Clemens Fobian und Mirjam Zels: „Soll ich es sagen? – Eine Geschichte über Geheimnisse“, Marta Press, 16 Euro, ab 4 Jahren