Hamburg

Impfwoche: Ohne Schutz gegen Masern drohen bald Geldstrafen

Vorbeugung vor Masern: Ein Mädchen erhält beim Kinderarzt eine Impfung (Symbolfoto).

Vorbeugung vor Masern: Ein Mädchen erhält beim Kinderarzt eine Impfung (Symbolfoto).

Foto: imago images / Sven Simon

Bund plant Impfpflicht. Hamburger Behörde bietet kostenlose Immunisierung an. Krankenkasse: Etliche Kinder ohne jede Impfung.

Hamburg. Mit einer Impfwoche und einem Großimpftag will die Gesundheitsbehörde für einen besseren Schutz vor ansteckenden Krankheiten wie etwa Masern sorgen. In der kommenden Woche wird mit Plakaten und Social-Media-Beiträgen geworben, Senatoren lassen sich öffentlich impfen, die Gesundheitsämter bieten kostenlose Beratungen und Impfungen an. Zuletzt haben Masern­fälle in Hamburg wieder zugenommen.

Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) sagte dem Abendblatt: „Ziel ist es, durch Impfen Infektionskrankheiten einzudämmen und auszulöschen, wie es schon einmal bei den Pocken gelungen ist.“ Das sei aber nur möglich, wenn die Impfquoten weiterhin auf hohem Niveau seien. „Denn wenn genügend Personen in einer Bevölkerung geimpft oder immun gegen eine Erkrankung sind, werden Mitmenschen geschützt, die aus verschiedenen Gründen nicht selbst geimpft werden können.“

Impfpflicht gilt vermutlich ab März

Und dieses Ziel ist in Gefahr. In den Jahren von 2014 bis 2018 gab es in Hamburg 133 Masernfälle. Die Impfquote lag bei den Schuleingangsuntersuchungen 2017 bei nur 93,5 Prozent. Einen sicheren Schutz liefert nur eine Quote von mindestens 95 Prozent. Prüfer-Storcks verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Impfpflicht, die vermutlich ab März kommenden Jahres gelten wird. Das Gesetz dazu wird gerade im Bundestag beraten. Eltern, die für ihre Kinder beim Eintritt in Schule oder Kita keine Masernimpfung nachweisen können, droht eine Geldstrafe von bis zu 2500 Euro.

Wichtigster Tag der Impfwoche ist Mittwoch, 6. November. Alle Gesundheitsämter (außer in Mitte) nehmen von 15 bis 18 Uhr kostenlose Impfungen vor. Am Vortag lassen sich Mitglieder des Senats impfen. Unterdessen zeigt eine neue Studie der Barmer Ersatzkasse, dass die Hamburger Masern-Impfquote sogar unter 93,3 Prozent liegen könnte.

Hamburgs Kinder deutlich seltener geimpft als gedacht

Viele Kleinkinder und Jugendliche in Hamburg sind nicht ausreichend geimpft – zu diesem Schluss kommt zumindest die Barmer nach einer Auswertung von Daten zu ihren Hamburger Versicherten, die bis 2017 durchgängig bei der Krankenkasse versichert waren. So galt 2017 etwa für die 919 Kinder im Alter von sechs Jahren, die bei der Barmer versichert waren: Für keine der 13 von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Impfungen etwa gegen Tetanus, Keuchhusten und Kinderlähmung wurde eine Impfquote von 90 Prozent oder besser erreicht.

Damit liegen zumindest die Werte der Barmer-Versicherten deutlich unterhalb der Impfquoten, die das Robert-Koch-Institut (RKI) 2017 bei den Schuleingangsuntersuchungen von 18.199 Kindern in Hamburg ermittelt hatte, wohlgemerkt nur anhand von Impfausweisen. Laut RKI waren damals 93,1 Prozent der Hamburger Kinder im einschulungsfähigen Alter gegen Tetanus geimpft, die Barmer kommt für ihre Versicherten auf 86,8 Prozent.

Dem RKI zufolge waren 86,2 Prozent dieser Kinder gegen Hepatitis B geimpft, die Barmer kommt auf 76,9 Prozent. Gegen Masern, Mumps und Röteln waren laut RKI 93,3 Prozent dieser Kinder geimpft, die Barmer ermittelte für ihre Versicherten einen Wert von 89,9 Prozent.

Herdenimmunität erst bei Impfquote von 95 Prozent

Erst bei einer Impfquote von 95 Prozent wird eine sogenannte Herdenimmunität erreicht, das heißt, die Impfquote ist so hoch, dass auch die Kinder geschützt sind, die sich nicht impfen lassen können. „Um bestimmte Infektionskrankheiten auszurotten, muss noch viel getan werden“, sagte Frank Liedtke, Geschäftsführer der Barmer in Hamburg bei der Präsentation der Studie am Dienstag. „Da immer noch Skepsis und mögliche Ängste vor Impfungen vorhanden sind, brauchen wir zielgruppenspezifische Impfkampagnen, um diese abzubauen.“

Nach Ansicht der Barmer zeigt ihre Studie ein realistisches Bild der Impfquote. Das RKI berücksichtige nicht den Impfstatus von Kindern, die keinen Impfpass vorlegen. „Das führt zu höheren, unrealistischen Impfquoten, denn nicht geimpfte Kinder haben natürlich auch keinen Impfpass“, teilt die Krankenkasse mit.

Mehr als 3000 Zweijährige mit unvollständigem Masernschutz

Die Barmer hat einige ihrer Daten für Hamburg hochgerechnet, also angenommen, dass die Impfquoten bei Hamburger Kindern und Jugendlichen, die bei anderen Kassen versichert sind, auf einem ähnlichen Niveau liegen. Beispiel Masern: Von 1327 Barmer-Versicherten im Alter von zwei Jahren waren 215 (16,2 Prozent) in den ersten beiden Lebensjahren nicht oder unvollständig gegen Masern geimpft

. Hochgerechnet auf die insgesamt 19.374 Zweijährigen in Hamburg im Jahr 2017 könnte das bedeuten, dass in diesem Jahr 3138 Zweijährige in der Hansestadt keinen vollständigen Masernschutz hatten.

Von den bei der Barmer versicherten Kindern in diesem Alter hatten 45 überhaupt keine der 13 empfohlenen Impfungen bekommen. Hochgerechnet hieße das: In ganz Hamburg könnten 660 Zweijährige im Jahr 2017 überhaupt nicht gegen 13 Infektionskrankheiten geimpft worden sein.

Die Barmer hat die Daten ihrer Versicherten bundesweit verglichen. Für Hamburg zeigt sich dabei, dass der Impfstatus der sechsjährigen Kinder bei den meisten der 13 von der STIKO empfohlenen Impfungen etwa im Bundesdurchschnitt liegt, mit zwei Ausnahmen. Die Masern-Impfquote liegt mit 89,9 Prozent in Hamburg über dem Bundesdurchschnitt von 88,8 Prozent.

Deutlich schlechter schneiden die bei der Barmer versicherten Mädchen bezüglich der Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) ab, die schlimmstenfalls Gebärmutterhalskrebs auslösen können. In Hamburg hatten nur 44,4 Prozent der 12-jährigen Mädchen im Jahr 2017 einen vollständigen HPV-Schutz – der Bundesdurchschnitt liegt bei 53,1 Prozent, wie die Barmer mitteilt.