Rekord-Institut

Ist das ein Weltrekord? Das entscheidet ein Hamburger

Einer von vielen Rekorden: Die größte 90er-Party auf Schalke mit 58.123 Gästen.

Einer von vielen Rekorden: Die größte 90er-Party auf Schalke mit 58.123 Gästen.

Foto: Julian Huke Photography

Im Schanzenviertel hat eine kleine Firma ihren Sitz, die sich vor allem um Höchstleistungen kümmert – und seien sie noch so verrückt.

Hamburg. Das Büro bekäme keine Preise, so viel steht fest. Sehr klein, tiefe Decken, alte Leitungen und Wandfliesen im Flur, die den Begriff Retro gerade so verpassen. Aber Olaf Kuchenbecker und Alexander Matzkewitz wollen selbst auch keine Urkunden abstauben, sie vergeben welche. Als Mitarbeiter des Rekord-Instituts für Deutschland (RID) sind sie stets auf der Suche nach außergewöhnlichen Leistungen.

Sie unterstützen Rekordjäger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, indem sie ihre Rekorde abnehmen, listen und auf ihrer Internetseite präsentieren. Dabei soll es vor allem um Unterhaltsames gehen, um ungewöhnliche Wettbewerbe. Knallharte Verbands-Sportrekorde spielen eher keine Rolle.

Rekord-Institut im Schanzenviertel: "Eine Art Prüfheiligenschein"

Doch wenn ein Dickschädel mit seinem Kopf 43 Wassermelonen in einer Minute zerteilt, ein Breakdancer ein bayerische­s Sprichwort („Ein blindes Huhn findet auch ein Korn“) fehlerfrei auf seinem Mobiltelefon als SMS schreibt, während er sich dabei ununterbrochen in einem sogenannten Headspin auf dem Kopf dreht, ein Brandschutztechniker 250 Meter brennend rennt, um so die „längste Laufstrecke als lebende Fackel“ zu bewältigen – dann sind Kuchenbecker und Matzkewitz am Start.

„Unser Institut ist eine Art Prüfheiligenschein“, sagt Kuchenbecker, der sein halbes Berufsleben mit Rekorden zu tun hat. „Ich komme einfach nicht weg von ihnen. Und es gibt da einen solchen Bedarf, also bediene ich diese Nachfrage.“

Gründer des Instituts arbeitete 13 Jahre lang für Guinness World Records

Kuchenbecker arbeitete 13 Jahre lang für Guinness World Records. Als die deutsche Dependance geschlossen wurde, wollte er eigentlich wieder in seinem ursprünglichen Beruf als Marketingexperte Fuß fassen, doch er erhielt immer noch täglich Mails und Anfragen von Rekordwilligen, die irgendeinen unabhängiges Prüfsiegel brauchten, das ihnen attestierte: Ja, in dieser einen speziellen, oftmals komischen Sache sind Sie der oder die Beste.

Also gründete Olaf Kuchen­becker 2014 das Rekord-Institut für Deutschland. Vier fest angestellte und drei freie Mitarbeiter kümmern sich um so wichtige Höchstleistungen wie den längsten Lebkuchen der Welt (1052,30 Meter), die größte Bollerwagen-Parade über eine Autobahn (1051 Wagen) oder das schnellste Austrinken einer Flasche Ketchup (32,37 Sekunden).

Wer über ein ungewöhnliches Talent verfügt, kann kostenfreie Anfrage an das Institut stellen

Der Aufwand für die offizielle Dokumentation eines Rekords ist sehr unterschiedlich. Wer über ungewöhnliche Talente verfügt, der kann zunächst eine kostenfreie Anfrage auf der Internetseite des RID stellen, und dann legt das Team vor Ort mit der Recherche los: Wo liegt der aktuelle Rekord in dieser Kategorie, falls es schon einen gibt? Oder welche Leistung müsste für die Aufstellung eines Erstrekords erbracht werden? Welche Beweisdokumente (zum Beispiel ein eindeutiges Video oder die Dokumentation von volljährigen Zeugen wie etwa eines Bürgermeisters oder Notars) sollten eingereicht werden? Ist ein Sachverständiger erforderlich?

Bei vielen Rekorden gönnen sich die Antragsteller einen Rekordrichter vor Ort, weil das natürlich ein viel größeres Spektakel darstellt. Dann reist der oberste Rekordrichter höchstpersönlich an, und mit diesem Service verdient sein Institut dann Geld (5000 Euro pro Versuch). Gerade kommt Kuchenbecker aus Berlin zurück, wo er „den größten Kinobesuch mit Kaffee und Kuchen“ (3341 Zusehende) abnahm, den ein Filmverleih angemeldet hat – natürlich um PR für den Start des Films „Ich war noch niemals in New York“ nach den Liedern von Udo Jürgens („Aber bitte mit Sahne“) zu machen.

Und als Nächstes fährt der Rekordrichter nach Usedom, wo ein Koch die größte Fischsoljanka der Welt herstellen will. 250 Liter. Die Portionen sollen dann verkauft und ein Teil des Erlöses an ein Kinderhospiz gespendet werden. „Jeder Rekordversuch sucht die Öffentlichkeit, denn es geht entweder um eine bestimmte Botschaft oder um Beachtung. Der Mensch will gesehen werden“, erklärt Matzkewitz. Manchen geht es um die Überhöhung der eigenen Person.

Institut befriedigt nicht nur persönliche Eitelkeiten

Das Institut befriedigt nicht nur persönliche Eitelkeiten, es ist quasi auch eine Schnittstelle zwischen unterschiedlichsten Menschen und der Unterhaltungsbranche. ,,Häufig melden sich bei uns Menschen mit kuriosen Fähigkeiten und hohem Unterhaltungswert. Die sind natürlich gerade für TV-Shows interessant“, so Matzkewitz.

Wenn in der ARD-Sendung „Immer wieder sonntags“ die „Burning Ropes“ den Seilsprungweltrekord holten mit 44 Froschsprüngen pro Minute, wenn in derselben Sendung Elmshorner Cheerleader einen „Flug-Wäsche-Weltrekord“ aufstellen, oder in Heidi Klums Casting-Show „Germany’s Next Topmodel“ 50 Kandidatinnen den Weltrekord für die „weiteste Laufbandstrecke in High Heels (256,6 km in einer Stunde) aufstellen – dann ist das Publikum begeistert.

Es gab Rekordversuche auf Festivals, unter denen der Rekordrichter selbst dann von den Zuschauern gefeiert wurde wie ein Held: „Olaf Kuchenbecker, schalalala!“ Das sei schon irritierend, gibt der Hamburger zu, der optisch eher an einen Bankangestellten als an einen Rockstar erinnert. Und auch, dass immer mehr Leute jetzt Selfies mit ihm machen wollen, erschließt sich dem Rekordrichter nicht so ganz.

Toast-Tauben-Schießen ja, das größte Geschlechtsteil nein

Manchmal ist er auch die Spaßbremse. Wenn er beschummelt werden soll zum Beispiel. Nicht mit ihm, dem alten Hasen im Zirkus „Höher, schneller, weiter!“ Die Zählweise bei Massenrekorden stellen immer wieder eine Herausforderung dar; kürzlich versuchten ein paar witzige Kerlchen sich bei einer „längsten Polonaise“ wieder hinten anzustellen. „Das merke ich natürlich.“

Manche Rekordversuche sind außerdem so unsinnig, dass das RID sie nicht zulässt. Der „längste Penis“ wurde abgelehnt. „Das schnellste Kondomüberziehen über ein Stück Gemüse“ hingegen wurde zugelassen, weil damit bei einer Musikveranstaltung auf lustige Art und Weise „Safer Sex“ propagiert werden sollte. Es gewann eine Frau (sie benötigte 27 Sekunden).

Die meisten Rekord-Aspiranten bereiten sich akribisch und mit größtem Ernst auf ihren großen Auftritt vor. Dennoch: Nicht immer gelingen die Versuche. Schade war etwa einmal, wie ausgerechnet ein Hamburger den Weltrekord im Toast-Tauben-Schießen verfehlte. Er hätte aus acht Metern Entfernung mit Pfeil und Bogen in zwei Minuten drei Scheiben Toast in der Luft durchschießen müssen, die aus Toastern in die Höhe geschleudert wurden. Große Enttäuschung.

2762 als Schlumpf verkleidete Menschen, die in einem Schwimmbad um einen herum singen

Traurig war auch, als Kuchenbeckers „Lieblingsnasenbär“ vor Kurzem das Zeitliche segnete. Nasenbärdame Sunny hatte er beim Rekordtag in Hamburg 2014 kennengelernt, als sie in nur einer Minute elf Zwei-Euro-Münzen in einer Spardose versenkte. „Leider ist Sonny kürzlich an einem Lebertumor erkrankt und verstorben“, sagt Kuchenbecker.

Doch meistens sei sein Beruf höchst unterhaltsam. Wenn 2762 als Schlumpf verkleidete Menschen in einem Schwimmbad um einen herum singen etwa, oder wenn ein Lkw-Fahrer mit Rauschebart unter dem Gebrüll seines ganzen Dorfes ein über 1080 Kilo schweres Fahrrad die Hauptstraße entlangfährt. „Ich lerne so viele interessante Menschen und Typen kennen, manche werden richtige Volkshelden“, sagt der Rekordrichter.

Alle Jahre wieder: Wer hat die meisten Weihnachtsbäume?

Er freue sich schon jetzt wieder auf die kommende Weihnachtszeit, wenn sich manche Experten im „die meisten Weihnachtsbäume im eigenen Zuhause aufstellen“ batteln. Ein ihnen bekannter Rekordinhaber beginnt bereits im August mit den Vorbereitungen, weil es alle Jahre wieder Kandidaten gibt, die ihm diesen wichtigen Titel streitig machen wollen.

Olaf Kuchenbecker selbst hat natürlich auch schon einen Rekord aufgestellt, und zwar mit seiner Band. Mit großer logistischer Vorbereitung und guten Ohrenstöpseln schafften sie es, die meisten Auftritte in zwölf Stunden hinzulegen. 27 Gigs! Leider wurde der Rekord inzwischen zweimal überboten. Eine Kölner Band schaffte jüngst sogar 35 Auftritte.

Wiegt die Freude über das Aufstellen eines Rekordes die Schmach über den Verlust desselben auf? Aber so ist es eben in diesem Business. Rekorde sind da, um gebrochen zu werden.