Hamburg

So wollen Manager Hamburg zur E-Sport-Metropole machen

| Lesedauer: 5 Minuten
Jens Meyer-Odewald
Fantastische Unterhaltung in der Barclaycard Arena. Virtuelle Helden aus der Spielwelt „Dota 2“ präsentieren sich ausnahmsweise ganz real: Phantom Assassin, Brewmaster und Luna.        FOTO: Marcelo Hernandez

Fantastische Unterhaltung in der Barclaycard Arena. Virtuelle Helden aus der Spielwelt „Dota 2“ präsentieren sich ausnahmsweise ganz real: Phantom Assassin, Brewmaster und Luna. FOTO: Marcelo Hernandez

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

25.000 Zuschauer beim Turnier ESL One am Wochenende in der Barclaycard Arena. Es geht um viel Geld – für Spieler und Konzerne.

Hamburg.  Sprechchöre hallen durch die Arena, rhythmisches Klatschen, Anfeuerungsrufe. Unter Applaus laufen zwei Fünferteams auf, gefolgt von je einem Flaggenträger. Die Stimme des Hallensprechers überschlägt sich. Zuschauer stehen auf ihren Sitzen. Konfetti fliegt. Zehn junge Männer nehmen nebeneinander vor ihren Computern Platz. Farbspots flackern. Das Publikum in der Barclaycard Arena ist kurz vorm Ausrasten. Licht aus. Das Spiel beginnt – übertragen auf einem gewaltigen Monitor. Laien würden sagen: Die Jungs zocken ein Videospiel, und 157.000 gucken zu. Ein paar Tausend live in der Arena, die anderen vor ihren PC-Bildschirmen zu Hause. Alles ist präzise messbar.

ESL One mit 300.000 Euro dotiert

Willkommen im faszinierenden Kosmos des E-Sports, einer für viele noch neuartigen, internationalen Unterhaltungssparte. Nicht wenige Experten meinen, dass dem sportlichen Wettstreit zwischen Menschen mithilfe von Computerspielen die Zukunft gehört. Noch guckt Hamburg nur zu, doch wird hinter den Kulissen daran gearbeitet, zügig ins Geschäft zu kommen. Die Präsentation des mit 300.000 Euro dotierten Turniers ESL One in der Barclaycard Arena am Wochenende ist ein Schritt in diese Richtung. An drei Veranstaltungstagen kamen 25.000 Besucher. Die Premiere der Gamevention Ende November auf dem Messegelände am Fernsehturm soll ein weiterer sein. Unter dem Strich dreht es sich um ein gigantisches Geschäft.

„In Zukunft wird E-Sport auf einer Ebene mit klassischem Sport stehen“, meint Florian Merz vom Fernsehsender Sport1. Der 29-Jährige, ein gelernter Informatiker, ist Abteilungsleiter E-Sport. Er verantwortet den Inhalt und den digitalen Auftritt. Als Geschenk zum sechsten Geburtstag gab es einen Gameboy. Daraus wurde eine Leidenschaft, die Hobby und Beruf auf einen Nenner bringt. Sport1 überträgt aus Bahrenfeld teilweise frei empfangbar sowie komplett auf seinem Bezahlsender eSports1.

Gaming ist sexy geworden

Fast unbeachtet von Teilen der Bevölkerung befindet sich eine neue Freizeitsparte im Schnellwachstum. Zu den Hauptsponsoren der ESL One gehören neben Mercedes-Benz Konzerne wie DHL oder Vodafone. Goldgräberstimmung herrscht. In Hamburg präsentieren sie sich in der Eishalle nebenan. Vor zwei Monaten in Shanghai, bezeichnenderweise in der Mercedes-Benz-Arena, ging es um 34 Millionen Dollar. Die fünf Sieger kassierten als Mannschaft 15,6 Millionen. Die fünf jungen Männer des zweitplatzierten Teams Liquid aus den USA erhielten 4,4 Millionen Dollar. Dieses Quintett ist auch in Hamburg präsent. Einer der blutjungen Millionäre stammt aus Deutschland. Ansonsten gilt das Prinzip des großen Vereinsfußballs: Beim Engagement spielt das Herkunftsland keine Rolle. Hier wie dort gibt es einen Betreuerstab: Coach, Mentaltrainer, Ernährungsberater, Fitnessbetreuer.

Es geht lautstark, fröhlich und kreativ zur Sache. Dieses Turnier ist ein Spektakel. Das Online-Strategiespiel „Dota 2“ führt durch eine Fantasiewelt, in der mehr als 100 Helden den Ton angeben. Es geht um Intelligenz, Spielwitz, Stärke und Zauberkraft. Man braucht einen Plan – wie beim Schach. Auf der Computertastatur kommt es auf Tempo, Teamgeist, Kombinationsvermögen und blitzgescheite Reaktionen an.

„Nur wer körperlich und geistig hellwach ist, hat eine Chance“, weiß Steve Schwenkglenks, Chef der Barclaycard Arena und privat leidenschaftlicher Freizeitspieler. Durchgeknallte Typen stehen ebenso im Abseits wie Alkohol oder Drogen. Klare Köpfe sind gefragt. „Mich fasziniert besonders der Respekt vor den Gegnern“, sagt Schwenkglenks. „Spieler und Fans leben Sportsgeist vor.“

Auch Hamburg möchte international mitspielen

Nach dem stimmungsvollen Tohuwabohu in der Arena ist Atemholen auf den Gängen angesagt. In den Pausen erfreuen sich die Zuschauer an Currywurst, Pommes, Pizza, aber auch an veganen Burgern oder Brause der Geschmacksrichtung Gurke/Limette. An Ständen werden teilweise sündhaft teure Werbeartikel angesagter Teams wie Virtus pro, Vikin.gg, Ninjas in Pyjamas, TNC Predators oder Fighting Pandas offeriert. Marketingmitarbeiter und Besucher sind wie beliebte Spielfiguren kostümiert.

Eine Menge ist dem Bundesligafußball ähnlich – allerdings friedfertiger und harmonischer. Merkwürdig nur: Die in Hamburg aktiven 60 Spieler aus einem Dutzend Teams sind ausschließlich männlich. Das Publikum indes ist gemischt. Alter: 18 bis 40 Jahre. Ein Ticket am Sonnabend kostet 29 Euro.

Mit großen, wachen Augen sind Manager namhafter Konzerne auf der Pirsch. Sie möchten im neuen Zeitalter wirtschaftlich mitspielen. „Gaming ist sexy geworden und sozial akzeptiert“, weiß Ijon Mattner, Unternehmer und Vizepräsident des vor einem Jahr gegründeten Vereins E-Sport Hamburg. Ziel ist es, die Spielerseite, Hamburgs Politik und die Wirtschaft zu vernetzen. „Noch spielt die Hansestadt international nicht mit“, sagt Mattner. „Wir möchten das ändern und langfristig ein Hamburger Team aufbauen.“

Laute Musik und Sprechchöre sind das Signal: zurück in die Arena. Auf der Bühne kommentieren und analysieren Experten die Aussichten des nächsten Duells. Alles in diesem Sport läuft auf Englisch. Dann geht’s auf dem Monitor für eine knappe Stunde verschärft zur Sache. Auf drei Wegen muss ein Team die Bastion des anderen erobern. Behalten der Alchemist, ein Löwe, der Braumeister und der Affenkönig als Helden die Oberhand? Oder gebührt Zeus der Triumph? Als Neuling versteht man nur wenig, beeindruckt ist man durchaus.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg