Hamburg

Raubkunst der Nazis: Forscher ermitteln die wahren Erben

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Lena Thiele
Historikerin Anneke de Rudder und Ingrid Mertens, die Enkelin Hans Sternheims, mit einem Buch aus der Sammlung Sternheim bei der Übergabe in der Staatsbibliothek.

Historikerin Anneke de Rudder und Ingrid Mertens, die Enkelin Hans Sternheims, mit einem Buch aus der Sammlung Sternheim bei der Übergabe in der Staatsbibliothek.

Foto: Roland Magunia / FUNKE Foto Services

Vor 1945 kaufte die Hamburger Staatsbibliothek beschlagnahmte Werke von Juden. Die Suche nach den Erben ist eine Detektivarbeit.

Hamburg. Ihren Großvater Hans Sternheim hat Ingrid Mertens 1942 das letzte Mal gesehen. Er wurde gemeinsam mit seiner Ehefrau nach Theresienstadt deportiert. „Als ich aus der Schule kam, waren sie nicht mehr da“, erinnert sich die heute 90-Jährige. „Dass jetzt Eigentum von meinem Großvater aufgetaucht ist, hat mich sehr berührt.“ Am Donnerstag hat sie in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek fünf Bücher, die Hans Sternheim gehörten und als NS-Raubgut identifiziert wurden, entgegengenommen und sie der Bibliothek geschenkt – ergänzt um Bücher und Dokumente ihrer Familie, die eng mit Theodor Fontane verbunden war.

Es ist die 34. Rückgabe von Raubgut der Bibliothek, 634 Bücher sind bisher an Erben der früheren Besitzer übergeben worden. Immer wieder entscheiden sich Erben, Werke als Dauerleihgaben oder Schenkungen der Bibliothek zu überlassen. Die Übergabe ist der Abschluss einer monatelangen Spurensuche.

Alle Ankäufe und Schenkungen in Verzeichnis der Hamburger Staatsbibliothek aufgeführt

Anneke de Rudder forscht in der Arbeitsstelle Provenienzforschung der Bibliothek. Wenn sie sich an die Arbeit macht, gleicht dies einer Detektivarbeit. Die Historikerin sichtet Kataloge, sammelt Hinweise, vertieft sich in Akten – und landet immer wieder dort, wo es nicht weitergeht. In diesem Fall gestaltete sich die Suche besonders zäh.

Die 52-Jährige schlägt ein dickes Buch mit abgenutztem Leinen­einband auf, es nimmt den halben Schreibtisch ein. Im Zugangsverzeichnis der Bibliothek sind alle Ankäufe und Schenkungen aufgeführt, handschriftlich in blauer Tinte. Von 1941 an sind seitenweise Zugänge gelistet, die aus umfangreichen „Schenkungen“ der „Geh. Staats-Polizei“ stammen.

Die meist jüdischen Besitzer waren in Konzentrationslager deportiert oder ins Ausland vertrieben worden. Ihr Hab und Gut wurde von der Gestapo beschlagnahmt. In der Hamburger Bibliothek ist dies sehr offen dokumentiert. In anderen Einrichtungen ist oft auch „Alter Bestand“ oder nur „J“ angegeben.

Auf die Sternheim’schen Bücher stößt die Forscherin in einem anderen Teil des dicken Journals, bei den Ankäufen. „Ab 1935 kann man davon ausgehen, dass es sich um Notverkäufe handelte. Die Juden mussten ihren Besitz verkaufen, weil sie dringend Geld brauchten. Damit sind diese Bücher NS-Raubgut.“

Im Mai 1939 kauft die Bibliothek 78 Bücher vom Hamburger Auktionshaus Hauswedell, darunter Sachbücher, Romane und Biografien. 39 gehörtem zuvor – das ergeben weitere Recherchen in alten Auktionskatalogen – „St. in Berlin“. Sie stammen aus „nicht-arischem Besitz“, einem von den Nationalsozialisten eingeführten Vermerk.

Anneke de Rudder prüft, ob sie noch im Besitz der Bibliothek sind. Doch nur fünf Werke haben die vergangenen Jahrzehnte überstanden. Sehr wahrscheinlich wurde ein Teil schon 1943 zerstört. Beim Bombenangriff auf Hamburg verlor die Bibliothek etwa zwei Drittel ihres Bestands. Allein für den Wiederaufbau wurden noch während des Krieges etwa 30.000 Bücher aus jüdischem Besitz übernommen.

Erst in den 1990er-Jahren begann die systematische Provenienzforschung. Die lang verschleppte Aufarbeitung hat wohl mehrere Gründe. So war über viele Jahre noch Personal aus der NS-Zeit beschäftigt. Auch seien seriell produzierte Bücher weniger öffentlichkeitswirksam als teure Kunstwerke, sagt Maria Kesting, Leiterin der Arbeitsstelle, die 2005 eingerichtet wurde. „In erster Linie geht es um den ideellen Wert.“

Die Familien Sternheim und Fontane waren eng verbunden

Bei der sogenannten Autopsie der fünf Fundstücke entdeckt Anneke de Rudder etwas, was für ihre Forschung ein Glücksfall ist. In einem der Bücher klebt ein Exlibris, ein kunstvoll gestalteter Eigentumsnachweis. Die kleine Zeichnung beinhaltet die vollständigen Namen des Ehepaars Sternheim. Die Forscherin macht sich auf die Suche nach den Erben. Dieser Schritt ist oft noch mühsamer als die eindeutige Identifizierung als Raubgut. Nach und nach bringt die Suche eine ganz besondere Geschichte zum Vorschein. „Hier verzahnen sich zwei Seiten der deutschen Geschichte, die schönste und die schrecklichste“, sagt Anneke de Rudder.

Jacob Hans Sternheim wurde 1880 in eine Berliner Bankiersfamilie geboren. Seine Eltern waren vom Judentum zum Protestantismus übergetreten und enge Freunde der Familie Theodor Fontanes. Als Hans getauft wurde, übernahm der Literat die Patenschaft. Hans Sternheim wurde ein angesehener Druckereibesitzer in Berlin. 1905 heiratete er die aus dem Hamburger Grindelviertel stammende Ida Marie Eschwege und bekam mit ihr 1906 eine Tochter: Käthe.

Das Ehepaar Sternheim wurde 1944 in Auschwitz ermordet

In der NS-Zeit wurden die Sternheims als „Volljuden“ verfolgt, sie mussten mit Tochter und Enkelin mehrfach umziehen, und als sie im Mai 1939 einen Teil ihrer Bücher verkauften, geschah dies im Zuge wachsender finanzieller Not. 1942 wurde das Ehepaar nach Theresienstadt deportiert, 1944 in Auschwitz ermordet. Käthe, geschiedene Frau eines nichtjüdischen Berufsoffiziers, leistete in Berlin Zwangsarbeit, tauchte unter und überlebte den Krieg mit ihrer Tochter in der Oberlausitz.

„Wenn wir Bücher zurückgeben, kennen wir die Familiengeschichte oft besser als die Erben“, sagt Anneke de Rudder. Die Informationen zu den Sternheims setzen sich aus verschiedenen Dokumenten zusammen. Die Historikerin sucht zunächst in Online-Datenbanken, findet jedoch zunächst nichts. Sie besucht Archive in Potsdam und Berlin, entdeckt Anträge auf Wiedergutmachung, sieht Verfolgungsakten ein. Dann der entscheidende Hinweis: Die Enkelin hatte in den 1990er-Jahren Akteneinsicht beantragt, dort ist ihr Name und Berlin als Wohnort notiert.

Anneke de Rudder sieht alte Telefonbücher durch, fragt beim Meldeamt nach und hält schließlich einen Zettel mit Adresse und Telefonnummer in den Händen. Sie schreibt Ingrid Mertens einen Brief, will sie nicht überfordern. Zwei Tage später kommt eine E-Mail zurück, vom Smartphone der alten Dame. Die Forscherin und die Enkelin telefonieren, dann macht sich Anneke de Rudder auf den Weg nach Berlin. Im Gepäck hat sie die Bücher von Hans Sternheim.

Ingrid Mertens schenkt der Staatsbibliothek Bücher und Gegenstände aus Familienbesitz

Ingrid Mertens entscheidet sich, diese in Hamburg zu belassen. In einer großzügigen Geste schenkt sie der Bi­bliothek weitere Dinge aus Familienbesitz, die nun als Teilnachlass Hans Sternheim zu den Sondersammlungen gehören. Es sind Familienfotos, Briefe und Originaldokumente, darunter Geburtsurkunden, ein Taufschein, Ausweise, Lebensläufe sowie ein Leutnantspatent. Auch zwei Bände mit Fontane-Gedichten sind Teil des Geschenks. In einem steht eine persönliche Widmung des Autors – „in herzlicher Freundschaft“ – an Hans Sternheims Mutter Marie.

Die Generation von Ingrid Mertens ist die letzte, die den Nationalsozialismus miterlebt hat. Die 90-Jährige macht sich Sorgen über die derzeitige Entwicklung in Deutschland. „Leider leben wir in einer Zeit, in der der Antisemitismus wieder zunimmt“, sagte sie bei der Übergabe in der Bibliothek. „Das macht mich nachdenklich und traurig. Möge auch durch Ihre Wachsamkeit nicht aus dem ,Nie wieder‘ ein ,Doch wieder‘ werden.“

Selbstverpflichtung

Die Washingtoner Erklärung von 1998 sieht vor, dass Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und nicht zurückerstattet wurden, identifiziert werden. Mit den Erben soll jeweils eine „gerechte und faire Lösung“ gefunden werden.

Deutschland hat sich in der „Gemeinsamen Erklärung“ 1999 verpflichtet, in Museen, Archiven und Bibliotheken nach NS-Kulturgut zu suchen und es, wenn möglich, den Erben zurückzugeben. Das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste för­dert die Pro­ve­ni­enz­for­schung und do­ku­men­tiert Kul­tur­gut­ver­lus­te in der Da­ten­bank Lost Art.

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