Hamburg

Mysteriöser Kunstdeal: Justiz lässt Goldschatz verstauben

Ein schlichtes Gold-Rhyton (l.) und ein Rhyton mit Pferdemotiv (r.) aus den Königsgräbern der Skythen. Ähnliche Exponate verstauben derzeit in der Asservatenkammer des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg.

Ein schlichtes Gold-Rhyton (l.) und ein Rhyton mit Pferdemotiv (r.) aus den Königsgräbern der Skythen. Ähnliche Exponate verstauben derzeit in der Asservatenkammer des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg.

Foto: Tobias Hase/Maurizio Gambarini / dpa picture alliance

Fünf Männer wollten 2500 Jahre alte Raubkunst der Skythen an ein Museum verkaufen. Seit Jahren beginnt der Prozess nicht.

Hamburg. Es sind antike Kostbarkeiten von unschätzbarem Wert, ein echter Schatz. Dazu gehören ein mehr als 2500 Jahre altes goldenes Trinkhorn, ein goldener Becher, ein goldener Teller, eine griechische Stele und ein römischer Bronzetorso. Was eigentlich in ein Museum gehört, liegt allerdings in der Asservatenkammer der Hamburger Staatsanwaltschaft – und das seit fünf Jahren.

Die Schätze der Antike stammen vermutlich aus Raubgrabungen. Ein Verfahren gegen fünf Angeklagte wegen „gewerbsmäßiger Hehlerei und gewerbsmäßigen Betrugs“ liegt allerdings auf Eis. Die Justiz ist überlastet und konzentriert sich auf die Fälle, in denen die Beschuldigten in Untersuchungshaft sitzen – das ist hier nicht der Fall.

Goldschatz-Räuber meldeten sich bei Hamburger Museum

Es ist einer der ganz großen Fälle von mutmaßlichem Kunstraub, den das Hamburger Landeskriminalamt in den letzten Jahrzehnten bearbeitet hat. Im Frühjahr 2014 meldeten sich die Anbieter der antiken Gegenstände beim Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Schnell war dem zuständigen Leiter der Antikensammlung klar, dass es sich um unrechtmäßig angeeignete Kulturgüter aus einer längst vergangenen Zeit oder aber auch um Fälschungen handeln könnte. Beides wird immer wieder angeboten.

Viel illegal ausgegrabene antike Kunst stammt, wie vermutlich auch die in dem Fall offerierten Teile, aus dem Schwarzmeerraum. Dort tummelten sich vor rund 2500 Jahren die Kulturen, inklusive der Skythen, eines asiatischen Reitervolkes, das seine Könige in Gräbern mit prunkvollen, goldenen Grabbeigaben beizusetzen pflegte.

„Raubgrabungen sind dort nicht selten“, sagt ein Experte. „Dort geht eigentlich jeder, der einen Metalldetektor besitzt, illegal auf Schatzsuche.“ Daneben werden immer wieder hervorragend angefertigte Fälschungen in Umlauf gebracht. Sie lassen sich durch Goldanalysen allerdings oft entlarven.

Verhandlungsführer war Experte des Landeskriminalamtes

Was schließlich im Juni 2014, nach zähen Verhandlungen, an das Museum für Kunst und Gewerbe verkauft werden sollte, halten Experten allerdings für echt. Zehn Sachverständige haben sich zwischenzeitlich mit den sichergestellten Exponaten beschäftigt, bevor sie sich sicher waren.

Der Sicherstellung durch die Polizei war ein langes Hin und Her vorausgegangen. Ursprünglich hatten die Anbieter einen zweistelligen Millionenbetrag gewollt. Schließlich hatte man sich auf 1,5 Millionen Euro für das goldene Trinkhorn, eine Million für einen goldenen Becher und noch einmal etwas über eine Million für eine griechische Stele und den römischen Bronzetorso runterhandeln lassen.

Was die Anbieter nicht ahnten: Einer der Verhandlungsführer war ein Experte des Landeskriminalamtes. Dort gab es damals eine kleine zweiköpfige Fachdienststelle für alle Delikte, die mit Kunst oder antiken Gütern zusammenhingen. Dort war beispielsweise auch der Diebstahl des Störtebeker-Schädels 2010 aus dem Museum für Hamburgische Geschichte aufgeklärt worden.

"Kunstdeal": Männer wurden bei Übergabe festgenommen

Im Juni 2014 war einer der Ermittler bei einem Treffen mit den Anbietern dabei. Er hatte einen Koffer voller Bargeld. Geld, das zum Vorzeigen gedacht war, wenn die antiken Gegenstände übergeben werden sollten.

Dass es zu dem „Kunstdeal“ tatsächlich kommen würde, war bis zuletzt unsicher, da nicht klar war, ob die Anbieter die angebotenen Kunstgüter tatsächlich dabei hatten. Als sicher war, dass die angebotenen Schätze (sie waren in Plastiktüten verpackt) tatsächlich übergeben werden sollten, wurden die Männer festgenommen. Bei anschließenden Hausdurchsuchungen bei den fünf Beschuldigten in Deutschland, aber auch in Genf, darunter ein Antikhändler, wurden noch ein goldener Teller und ein Teil einer antiken Schutzausstattung für Pferde sichergestellt, deren Herkunft ebenfalls ungeklärt ist.

Bislang wurde der Vorwurf nicht verhandelt. Die Staatsanwaltschaft brauchte drei Jahre, um die schließlich über 60 Seiten lange Anklage zu erheben. Mittlerweile wird der komplizierte Fall vom dritten Staatsanwalt betreut. Seine Vorgänger waren jeweils versetzt worden und hatten den Fall an ihre Nachfolger übergeben.

Der älteste Beschuldigte ist mittlerweile 84 Jahre alt

Das zuständige Gericht, die Große Strafkammer 16 beim Landgericht Hamburg, hat den Fall bis heute nicht terminiert. Er hat keine Priorität. „Vorrang haben Strafsachen, bei denen sich der Beschuldigte in Untersuchungshaft befindet“, heißt es aus der Gerichtspressestelle. Eine Untersuchungshaft für die Beschuldigten sei nicht zu erwarten. Der zuständige Richter wird den Fall nicht mehr verhandeln. Er geht bald in Pension. Sein Nachfolger wird sich neu einarbeiten müssen. Ein Verhandlungstermin ist weiter nicht absehbar. „Wir haben nur begrenzt Personal“, heißt es. „Wir arbeiten ab, was wir können.“

Wie das Verfahren ausgehen wird, ist unklar. Die fünf Beschuldigten haben nie eingeräumt, die angebotenen Kunstschätze illegal in ihren Besitz gebracht zu haben. Auch das macht es kompliziert und absehbar langwierig. Ob alle Beschuldigten sich überhaupt verantworten müssen, ist ebenfalls unklar – auch wenn die Verjährungsfrist bei gewerbsmäßigem Betrug zehn Jahre beträgt. Der älteste der Beschuldigten ist mittlerweile 84 Jahre alt.

Kommt es zu einem Schuldspruch, würde die antike Kunst eingezogen. Dann würde man versuchen, sie dem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Das dürfte wahrscheinlich einer der Staaten sein, die rund um das Schwarze Meer liegen. Es gibt Hinweise darauf, dass zumindest ein Teil der Gegenstände im Gebiet der heutigen Türkei ausgegraben wurden.