Klimawandel

Duvenstedter Brook wird für Kraniche zum Winterquartier

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Edgar S. Hasse
Wenn die Graukraniche über Norddeutschland fliegen, wählen sie die westeuropäische Route nach Frankreich und Spanien.

Wenn die Graukraniche über Norddeutschland fliegen, wählen sie die westeuropäische Route nach Frankreich und Spanien.

Foto: dpa

Zehntausende Vögel ziehen über Norddeutschland. Immer häufiger bleiben die Tiere hier. Grund dafür ist der Klimawandel.

Hamburg. Wenn sich die Dämmerung über den Duvenstedter Brook legt, wird die Tierwelt wach. Rothirsche röhren laut und Hirschkühe äsen, während Kraniche auf weichen Wiesen landen. Schemenhaft tauchen die bis zu 1,30 Meter hohen Schreitvögel im Abendnebel auf. Biologin Stefanie Zimmer, Leiterin des BrookHus, schaut durch ihr Fernglas: „Sie werden heute hier schlafen.“

Jedes Jahr im Herbst ziehen die Graukraniche in V-Formationen trompetend von Nordeuropa in wärmere Gefilde. Hunderttausende wählen die westeuropäische Route bis nach Spanien, Frankreich und Nordafrika. Im Oktober und November kann dieses Naturschauspiel beobachtet werden, bei dem der Kranich (Grus grus) bevorzugt die nahrungsreichen Rastplätze im Havelland, in der Rügen-Bock-Region oder der Diepholzer Moorniederung bevölkert.

Doch immer häufiger bleiben Zugvögel hier – wie im Duvenstedter Brook. Grund dafür ist der Klimawandel. „Wenn die Winter generell milder werden, dann wird dieses Verhalten der Tiere belohnt, und Standvogelverhalten kann sich schnell verbreiten“, sagt die Vogelzugforscherin Barbara Helm.

Ideale Bedin­gungen

Seit den erfolgreichen Kranichschutzmaßnahmen fliegen diese Vögel auf den Duvenstedter Brook. Das Naturschutzgebiet mit der Moor-, Gewässer-, Wiesen- und Bruchwaldlandschaft, insgesamt 785 Hektar groß, bietet ideale Bedin­gungen für einen Zwischenstopp, vor allem aber ist die Region zur Kinderstube geworden. In diesem Jahr sind mindestens 15 Junge geschlüpft, zehn bis zwölf haben überlebt. Und neuerdings wird der Brook auch zu ihrem Winterquartier.

Kaum ein Mitarbeiter des Hamburger Naturschutzbundes (Nabu) kennt sich so gut mit den Kranichen aus wie der Tangstedter Verwaltungsfachangestellte Jens-Peter Stödter. Er organisiert seit Jahren die sogenannte Kranichwache. Anfang Oktober, erzählt er, sei er wieder im Brook gewesen und habe vereinzelt Kraniche an ihren Schlafplätzen gesehen. Sie schlummern im Stehen, um an nächsten Morgen fit zu sein. Doch immer mehr Tiere bleiben den Winter über in Deutschland, weil sie dann noch ausreichend Nahrung finden. „Das liegt am Klimawandel“, sagt Stödter.

Auch Sichtungen von anderen Arten

Im vergangenen Jahr, haben Experten beobachtet, sind rund 10.000 Kraniche bis Dezember in Deutschland geblieben. Kranichwächter Stödter schätzt, dass gut drei Viertel der Duvenstedter Brutpaare im Brook und den nahen Naturschutzgebieten überwintern. Sie fliegen erst dann in den Süden, wenn sie keine Nahrung mehr finden. Immer häufiger gibt es im Norden auch Wintersichtungen von anderen Zugvogelarten wie Storch, Zilpzalp und Mönchsgrasmücke.

Die Duvenstedter Kranichwache ist eine Erfolgsgeschichte. In den 1970er-Jahren, erzählt die promovierte Biologin und Umweltpädagogin Stefanie Zimmer, habe es in ganz Deutschland gerade mal 800 Brutpaare gegeben. „Um so überraschender war es, dass 1980 das erste Paar im Brook brütete“, sagt sie. Seitdem setzen sich Naturschützer für diese Spezies ein und schieben in der Brutzeit von März bis Juli Wache. Erst übernachteten die Kranichhüter in einem Wohnwagen, inzwischen ist es ein Försterei-Gebäude. Die Ehrenamtler achten darauf, dass die Tiere ungestört bleiben und schaffen Ruhezonen. Die Nabu-Gruppe Walddörfer betreut das Gebiet und führt Moorrenaturierungsmaßnahmen durch, um Moor und Feuchtbiotope im Brook zu erhalten, betont Stefanie Zimmer.

Jährlich rund 25 Brutpaare

Mit Erfolg. „Wir haben im Brook und Umgebung jährlich rund 25 Brutpaare“, sagt Stödter. „Davon bleiben bis zu drei Viertel, auf jeden Fall mehr als die Hälfte im Winter hier.“ Und wer dennoch in den Süden fliege, kehre häufig an den gleichen Nistplatz zurück. Die Rückkehrer, sagt er, seien standorttreu. Diesen Satz sagt Stödter auch ein bisschen mit Stolz, weil es nicht zuletzt das Verdienst der Kranichwache ist.

Sollte der Winter den heimischen Kranichenmit Schnee und Eis arg zusetzen, werden sie im Brook von Menschen allerdings nicht mit Nahrung versorgt. „Das überlassen wir der Natur“, sagt Stefanie Zimmer.

Wer viele Kraniche an ihren Rastplätzen beobachten will, kann das zum Beispiel an der Elbtalaue tun. Am 18. Oktober veranstaltet der Nabu in Dömitz/Binnendüne bei Klein Schmölen eine Führung. Kontakt: 05861/97 91 71, schuhmacher@nabu-hamburg.de

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