Hamburg

Totes Baby Mohamed: Kinderärztin sagt vor Gericht aus

Nach dem Tod ihres unterernährten Babys Mohamed im November 2017 mussten sich die Eltern im Juni vor dem Hamburger Amtsgericht wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen verantworten.

Nach dem Tod ihres unterernährten Babys Mohamed im November 2017 mussten sich die Eltern im Juni vor dem Hamburger Amtsgericht wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen verantworten.

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Im Prozess gegen die Eltern des toten Säuglings schilderte die Kinderärztin, wie unzuverlässig Marina P. und Said Z. sind.

Hamburg. Unzuverlässigkeit. Immer wieder. In der Kinderarztpraxis von Elke B. war man fast schon gewohnt, dass Marina P. und ihr Mann Said Z. mit ihren Kindern zu einem vereinbarten Termin nicht erschienen. Manchmal hatten sie vorher abgesagt, manchmal auch nicht. „Sie waren sehr unstet. Aber hin und wieder sind sie auch gekommen“, erzählt die Medizinerin im Prozess vor dem Schwurgericht.

Mit ihrem jüngsten Sohn Mohamed, ihrem siebten Kind, sind die Eltern überhaupt nie beim Arzt gewesen. Bis der Junge schließlich tot in seinem Bettchen lag. Mohamed wurde nur zweieinhalb Monate alt.

Mohamed war chronisch mangelernährt

Es ist der zweite Verhandlungstag im Prozess gegen die Eltern des Jungen. Die Staatsanwaltschaft wirft Marina P. (33) und ihrem ein Jahr älteren Ehemann Said Z. vor, sie hätten ihren Sohn nie einem Arzt vorgestellt, obwohl sie erkannt hätten, dass der Säugling chronisch mangelernährt war.

Dieser Zustand sei unter anderem wegen ausgemergelten Gesichts und seinen tief liegenden Augen offensichtlich gewesen, heißt es in der Anklage. Sie dürften sich „zumindest damit abgefunden“ haben, dass ihr Sohn sterben könne - auch wenn dies eigentlich von Marina P. und Said Z. „unerwünscht“ gewesen sei.

Gericht soll klären, ob Totschlag durch Unterlassen vorliegt

Die jetzt zuständige Schwurgerichtskammer muss nun klären, ob das Paar eine fahrlässige Tötung oder einen Totschlag begangen hat, jeweils durch Unterlassen. Ein Foto, das wenige Tage vor Mohameds Tod auf einer Familienfeier aufgenommen wurde, zeigte das Gesicht eines Jungen, das so abgemagert war, dass es greisenhafte Züge trug. Die Eltern hätten erkennen können, so die Vorwürfe, wie dramatisch schlecht es um ihren Sohn stand

Für den 6. November 2017 hatten Marina P. und Said Z. einen Kinderarzttermin für Mohamed vereinbart. Doch plötzlich sagten die Eltern ab. „Es wurde ein neuer Termin für den 14. November vereinbart“, erzählt die Kinderärztin als Zeugin weiter. „Der wurde nicht eingehalten.“

Notruf der Eltern von Baby Mohamed im Gericht vorgespielt

Als die Praxis bei den Eltern anrief und nachhakte, erfuhren sie, dass Mohamed einen Tag zuvor verstorben war. Die anderen sechs Kinder seien in „gutem Pflegezustand gewesen“, schildert die Ärztin. „Aber die Unzuverlässigkeiten der Eltern… Es war sehr schwierig, sie zu erreichen. Ein Wunsch nach Hilfe wurde von ihnen nicht formuliert.“

Das taten sie umso eindringlicher, als es dann zu spät war. „Unser Baby ist still!“ rief Said Z. mit tränenerstickter Stimme in einem Notruf verzweifelt ins Telefon. Und seine Frau ist im Hintergrund zu hören, klagend, weinend: „Es bewegt sich nicht. Es atmet nicht.“ Als dieser Notruf im Prozess abgespielt wird, fließen bei den Eltern Tränen.