City-Hof

Zu Besuch auf Hamburgs höchster Millionen-Baustelle

Das denkmalgeschützte Ensemble im Schatten des Hamburger Hauptbahnhofs ist spätestens im Juni 2020 Geschichte.

Das denkmalgeschützte Ensemble im Schatten des Hamburger Hauptbahnhofs ist spätestens im Juni 2020 Geschichte.

Foto: HA

Am Klosterwall weicht der denkmalgeschützte City-Hof dem Megaprojekt Johann Kontor. Die Arbeiten sind eine echte Herausforderung.

Hamburg.  Der Bauaufzug ruckelt langsam nach oben – vorbei an leeren Fensterhöhlen, die den Blick auf nackte Betonwände freigeben. Früher waren hier, im Turm A am Klosterwall 2, die Fachämter und das Kundenzentrum des Bezirksamts Hamburg Mitte untergebracht. Heute ragen aus den Wänden nur noch hier und da Leitungen oder Armierungseisen.

Im Frühjahr hat der umstrittene Abriss des denkmalgeschützten City-Hofs begonnen. Mit im Fahrkorb stehen Jan Petersen, Geschäftsführer des Unternehmens Aug. Prien, das den City-Hof durch das Johannis Kontor ersetzen wird: einen verklinkerten Gebäuderiegel mit aufwendig gestalteter Fassade. Im Baubüro hatte er auf mehrere Musterplatten mit verschiedenfarbigen Ziegeln hingewiesen. Demnächst soll Richtung Deichtorplatz eine Musterfassade aufgebaut werden. „Wir wollen nicht dem Chilehaus Konkurrenz machen, müssen und möchten aber der Architektur des Kontorhausviertels gerecht werden“, hatte Petersen gesagt.

Rund 1,5 Millionen Klinker werden verbaut

Welche Klinker es werden, ist noch offen. Die Auswahl werden Oberbaudirektor Josef Höing und Bezirk Hamburg Mitte in den kommenden Wochen treffen. Die Anzahl der Klinker steht aber schon fest. Laut Bauleiter Bastian Kaden, der uns ebenfalls nach oben begleitet, werden für das Johann Kontor rund 1,5 Millionen Ziegel gebraucht. Mit einer Bruttogeschossfläche von rund 47.500 Quadratmeter wird es deutlich größer als das Chilehaus (36.000 Quadratmeter), für das Architekt Fritz Höger sogar 4,6 Millionen Klinkersteine verbaut hat.

Auf Höhe des neunten Stockwerks, hier saß früher der Verbraucherschutz, stoppt der Aufzug. Höher geht es nicht mehr. Die elfte Etage und der Technikaufbau im Geschoss darüber sind bereits abgerissen. Auch von der zehnten Etage ist nicht mehr viel übrig. Nur noch das Treppenhaus und ein paar Wände an der Seite zum Klosterwall hin. Wir haben also keinen 360-Grad-Rundumblick von hier oben, aber doch eine spektakuläre Aussicht auf die Stadt.

Die Hochhäuser am Berliner Tor, die Mundsburg Towers, die Türme von Rathaus und etlichen Kirche, die Hafenkräne und dahinter die Harburger Berge – das ist ein Anblick, der auch Kristof Pawlowski nicht kalt lässt. „Ich liebe diesen Arbeitsplatz“, sagt der Unternehmer, der mit seinem Kollegen Senad Kadusic und ihren beiden ferngesteuerten Husquarna-Kleinbaggern die Wände einreißt. Bis zur achten Etage, dann übernimmt ein Bagger am Boden. „Wir haben zwei Wochen pro Etage“ sagt Pawlowski, der sich nach Turm A den danebenliegenden Turm B vornehmen wird.

Tiefgarage wird mit Schutt verfüllt

Etwa 3000 Kubikmeter Schutt fallen pro Turm an, dazu kommt das Material aus dem Abbruch der niedrigeren Passage dazwischen. Insgesamt rechnet Bauleiter Kader mit 40.000 Kubikmeter Schutt, die nach Materialien getrennt werden: Fenster, Heizkörper, Innenverkleidungen, WC-Anlagen, Ytonsteine, Eisen. Was nicht zum Recycling kommt, wird durch Schächte in die riesige Tiefgarage gefüllt, die sich unter den vier Bürotürmen befindet. Dadurch wird der Boden fest genug für die schweren Baustellenfahrzeuge. Und gibt den Schlitzwänden Halt, zwischen denen später die gigantische Baugrube ausgehoben werden soll. 140 Meter lang, 40 Meter breit und 19 Meter tief wird sie werden, dazu kommt eine kleinere am Deichtorplatz, mit der schon Anfang Oktober begonnen wird.

Das bereits eingerüstete Areal ist die einzige Fläche in der Umgebung, die noch nicht überbaut ist. Daher muss sie zunächst auf Kampfmittel untersucht werden. Auch das Helms-Museum wird hier archäologische Grabungen anstellen. Man rechne jedoch nicht damit, etwas Bedeutsames zu finden, so Petersen.

Grundwasserspiegel 50 Zentimeter gestiegen

Weitere Verzögerungen wünscht er sich jedenfalls nicht. Zwei Monate und einen hohen sechsstelligen Betrag hat ihn schon die PCB-Beschichtung gekostet, die auf den alten Leca-Platten gefunden wurde, mit denen der City-Hof ursprünglich verkleidet war. „Sie musste von jeder Platte per Hand abgeschliffen werden“ – eine Tatsache, die aus seiner Sicht für erhebliche Probleme und Mehrkosten gesorgt hätte, wäre der City-Hof erhalten und saniert worden.

Auch der von den Sanierungsbefürwortern geplante Neubau einer Tiefgarage unter dem Gebäudeensemble wäre aus seiner Sicht nicht realisierbar gewesen; ebensowenig wie das Fortführen des Grundwasserabpumpens, das jahrzehntelang praktiziert wurde, um den City-Hof trocken zu halten, was erst durch das Abendblatt bekannt wurde. „Dafür würde man heute keine Genehmigung mehr bekommen.“

Für den Abbruch mussten die Pumpen abgestellt werden, was in der Umgebung zu einem Anstieg des Grundwassers um etwa 50 Zentimeter geführt hat. Schäden oder gar Wassereinbrüche an den angrenzenden Gebäuden habe es nicht gegeben, sagt Bastian Kaden. Er selbst hat in den vergangenen drei Wochen einen Kollegen vertreten und jeden Morgen im Fußgängertunnel der U-Bahn-Station Steinstraße nach dem Rechten gesehen. „Einmal ist mir allerdings der Schreck in die Glieder gefahren: der Tunnel war komplett nass.“ Doch es war kein Wasser durch die Tunnelwand gedrungen. „Die Anlage war nur gründlich gewaschen worden.“

Bis Juni 2020 soll Abriss beendet sein

Auch die Erschütterungen, die der Abbruch verursacht, werden gemessen. Acht Messgeräte sind in der Umgebung installiert, drei davon im U-Bahn-Tunnel. Auch hier habe es bislang nur Fehlalarme gegeben, so Petersen. In der obersten Etage eines Unternehmens in der Steinstraße habe das Gerät jeden Morgen angeschlagen – immer zur gleichen Zeit. „Es stellte sich dann heraus, dass das genau zur Pausenzeit war, und die zufallende Tür der Teeküche die Erschütterungen ausgelöst hatte.“

Läuft alles nach Plan, ist der Abriss des City-Hofs im Juni 2020 beendet. Dann soll mit dem Johann Kontor ein, laut Petersen, „Kontorhaus 2.0“ entstehen, eine „moderne Interpretation der klassischen Kontorhäuser“. Das 250-Millionen-Euro-Projekt vereint Wohnen, Kita, Hotel, Büros, Gastronomie und Gewerbe sowie Kultur in einem Gebäudeensem­ble. Drei Bauleiter sind für die verschiedenen Bereiche zuständig, einer davon ist Bastian Kaden. Er wird für das 227-Zimmer-Hotel verantwortlich sein, das 2024 eröffnen soll. Genau an der Stelle des Gebäudes, an der heute noch Turm A steht. An ihm entlang ruckeln wir mit dem Bau-Aufzug langsam ieder nach unten.