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Taufe bis Tonnage – über Schiffe weiß dieser Hamburger alles

Der "Schiffspotter" Thomas Kunadt hat die mutmaßlich größte Datensammlung zu Schiffen auf der Elbe. Hier sitzt er am Fenster seiner Wohnung in Blankenese mit Blick auf die Elbe.

Der "Schiffspotter" Thomas Kunadt hat die mutmaßlich größte Datensammlung zu Schiffen auf der Elbe. Hier sitzt er am Fenster seiner Wohnung in Blankenese mit Blick auf die Elbe.

Foto: Sebastian Becht / FUNKE Foto Services

Schiffspotter Thomas Kunadt kennt sogar den Sekt, mit dem Schiffe getauft wurden. Der Blankeneser hat eine riesige Datenbank.

Hamburg. Sein Arbeitsfeld liegt direkt vor ihm. Aus dem Fenster im Arbeitszimmer ergibt sich eine spektakuläre Sicht. Die Elbe liegt Thomas Kunadt in seinem Wohnsitz in Blankenese direkt zu Füßen. Der 51-Jährige ist Fotograf und Wissenschaftler mit Leidenschaft. Dreitagebart, schwarze, runde Hornbrille und ein aufmerksamer Blick.

Wenn Kunadt von seinem Projekt erzählt, ist ihm seine Begeisterung deutlich anzusehen. Der Wissenschaftler, der auch schon mehrere Bücher zum Thema Schiffe publiziert hat, arbeitet seit mittlerweile 24 Jahren an einer Datenbank, die weltweit einzigartig ist.

Thomas Kunadt hat 600.000 Schiffe in der Datenbank

600.000 Schiffe sind darin dokumentiert, bis in die 1850er-Jahre zurück. 173.000 davon sind in eine wissenschaftliche Ordnung gebracht. 28.000 Schiffe der Liste hat der 51-Jährige fotografisch dokumentiert. Alle möglichen Typen sind darin enthalten, vom Massengutfrachter bis zum Fischereischiff. „Länge, Breite, Tiefgang, Antrieb, PS, Datum der Auslieferung, Werften, Baunummern … Kuriosa und Rekorde. All das habe ich zusammengetragen und herausgefunden“, erzählt Thomas Kunadt, während er durch eine Excel-Tabelle scrollt, die scheinbar kein Ende hat.

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Die Frage kommt auf: Wie schafft es jemand, so eine außergewöhnliche Sammlung anzulegen? „Die besondere Atmosphäre an der Elbe hat mich fasziniert, 1992 habe ich mein erstes Schiff fotografiert, ab 1996 begann ich systematisch zu arbeiten“, sagt Kunadt. Nicht abhalten ließ er sich dabei von Personen in seinem Umfeld, die ihm sagten: „Du kannst das einfach nicht schaffen, so viele Informationen zu sammeln ist nicht möglich.“ Durch Aussagen wie diese schöpfte er den Ehrgeiz, das Gegenteil zu beweisen.

Kunadt nutzt Register und hört den Funkkanal der Lotsen mit

Ihn faszinierte die Kontinuität der Schifffahrt: „Es ist interessant, alles ändert sich und bleibt doch gleich.“ Die einen Frachter gehen, die anderen kommen. Mit dem Sammeln der Daten fing Kunadt in einer Zeit an, in der das Internet noch nicht die Informationsquelle für Recherchezwecke aller möglichen Themen war. Der 51-Jährige musste andere Wege zum Sammeln der Daten gehen: „Es gab den ,Täglichen Hafenbericht‘, in dem dokumentiert wurde, welche Schiffe den Hafen angefahren und wieder verlassen haben.

Das war und ist auch heute immer noch eine Quelle“, so Kunadt. Außerdem nutzte er die Lloyd’s Register, gepflegt von der gleichnamigen Schiffsqualifikationsgesellschaft, und recherchierte selbst in Bibliotheken. Ganz aktuell hielt den 51-Jährigen der Funkkanal der Lotsen auf dem Laufenden, „die Frequenz hatte mir mal ein Mitarbeiter verraten“.

Trotzdem sei es alles andere als einfach gewesen, alle benötigten Daten zusammenzutragen. In den ersten Jahren entstand nichtsdestotrotz ein stimmiges Geflecht. Die Anzahl der Schiffe in der Datenbank stieg noch einmal exponentiell, als im weltweiten Netz mehrere Recherchequellen auftraten. Besonders hilfreich war für Kunadt die Datenbank Miramar Ship Index. Diese wird von einem Neuseeländer seit 1992 gepflegt.

Schiffe sind "lebendige Objekte" und wechseln Namen

„So richtigen Kontakt mit anderen Datensammlern hatte ich eigentlich noch nicht. Aber insgeheim ist es doch dann schon eine kleine Meisterschaft, die man gegeneinander führt“, verrät der 51-Jährige. Und er stellte sich in dem Wettkampf nicht hinten an: Während die Datenbank 1996 noch 2500 Schiffe umfasste, waren es 2008 schon 120.000 Schiffe. „Dabei muss ich auch immer den Fakt beachten, dass Schiffe lebendige Objekte sind, die in ihrem Leben beispielsweise mehrmals den Namen wechseln“, sagt Kunadt.

Doch nicht nur die Schifffahrt in Hamburg interessiert den 51-Jährigen. Er unternahm Reisen in andere Länder Europas oder weiter weg nach Hongkong und Shanghai. Dort fotografierte Kunadt nicht nur, sondern sammelte auch Informationen zu den Schiffen. „In Fernost war es ganz spannend Schiffe zu entdecken, die auch schon in Hamburg angelegt hatten“, sagt der 51-Jährige.

Eigentlich sei dies aber keine Sensation gewesen, „denn in der Historie waren schon 4000 Containerschiffe in Hamburg, das ist über die Hälfte der jemals gebauten“. Dies unterstreiche Hamburgs Bedeutung als wirklicher Welthafen. Und genau dieses Potenzial möchte Kunadt mit seiner, bislang unentdeckten Datenbank weiter ausbauen.

„Werden diese Datensätze in einer intelligenten Programmierung anschaulich umgesetzt, können Sie in den verschiedensten Bereichen eingesetzt werden. Sei es ein Wissenstool für Touristen oder eine Entscheidungsgrundlage für Reedereien, die für eine neue Projektplanung sehen können, welche Größenklassen auf welcher Werft gebaut wurden und wie viele weltweit fahren“, sagt der 51-Jährige zu den verschiedenen Umsetzungsmöglichkeiten. Eine solche Tiefendimension wie sein Datenschatz habe sonst kein anderes Schiffsregister, „es sind fast alle Fragen zur Schifffahrt beantwortet“.

Bislang habe er nur einzelne Anfragen von Reedereien erhalten, die Informationen zu Werften recherchierten. Zusammen mit dem Verleger Klaas Jarchow hat sich Kunadt zwar schon an mehrere Museen gewandt, doch hatten diese bislang keine Arbeitskräfte, um die Menge an Zahlen sinnvoll aufzuarbeiten. Hoffnung macht ihnen der frische Kontakt zum neuen Deutschen Hafenmuseum, das in Hamburg entstehen wird.

An der Sammlung hat Kunath insgesamt 100.000 Stunden gearbeitet

„8600 Tage und insgesamt 100.000 Stunden habe ich an dieser Informationssammlung gearbeitet. Und das ist ein Schatz, der für Hamburg bewahrt werden sollte“, wünscht sich Kunadt. Mit den bislang recherchierten Daten gibt er sich allerdings noch nicht zufrieden: „Ich möchte meine Referenz in dieser Geschichte gerne noch ausbauen.“

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