Hamburg

Der Kampf um ein leer stehendes Haus in Altona

Marc Meyer (Mieter helfen Mietern), Dirk Ahrens (Diakonie) und Tobias Behrens (Stattbau) vor dem Wohnhaus an der Sommerhuder Straße.

Marc Meyer (Mieter helfen Mietern), Dirk Ahrens (Diakonie) und Tobias Behrens (Stattbau) vor dem Wohnhaus an der Sommerhuder Straße.

Foto: Roland Magunia

Neues Bündnis beklagt Mangel an Angebot für vordringlich Wohnungsuchende. Immobilie in Altona steht exemplarisch für das Problem.

Hamburg.  Die Hausnummern-Beleuchtung ist leicht beschädigt, die Regenrohre sind mit Aufklebern „verziert“, und auf einer Fensterbank hat jemand seinen Kaffeebecher entsorgt. Doch sonst macht das Gebäude an der Sommerhuder Straße einen ordentlichen und völlig intakten Eindruck. Aus drei der zwölf Briefschlitze ragen sogar Werbeprospekte heraus. Doch die werden niemanden zum Kauf animieren. Denn an der Sommerhuder Straße 4 in Altona holt schon seit Jahren niemand mehr die Post ab, jedenfalls kein Mieter.

Nach Informationen des „Hamburger Bündnisses für eine neue soziale Wohnungspolitik“, das die kirchlichen Werke Diakonie und Caritas, der Mieterverein „Mieter helfen Mietern“ und die Stadtentwicklungsgesellschaft Stattbau ins Leben gerufen haben, stehen die Wohnungen seit „mindestens fünf, wahrscheinlich sogar seit sieben Jahren leer, nachdem die alten Mieter aus den Wohnungen herausgekauft worden sind“, so Marc Meyer vom Mieterverein. „Wir haben das angezeigt, weil nach unserer Ansicht ein Verstoß gegen das Wohnraumschutzgesetz vorliegt.“

Nach seinen Informationen gehören die Immobilie und das angrenzende Hotel denselben Eigentümern, die offensichtlich die Hotel-Aktivitäten auf das Wohnhaus ausdehnen wollten. Tatsächlich liegt bereits seit Mai 2017 eine Baugenehmigung des Bezirksamts Altona für ein Boarding House vor. „Das wäre wohl deutlich gewinnintensiver“, glaubt Meyer. „Aber hier wird nicht gebaut, und wir fragen uns, warum die Behörde nicht eingreift.“ Zumal die Nachfrage nach Wohnraum in unmittelbarer Nähe zu S-Bahn, Grundschule und Kindergärten enorm sein dürfte.

Druck auf die Politik

Es sind Fälle wie dieser, die das Bündnis veranlasst haben, die Kampagne #einfachwohnen ins Leben zu rufen und damit die Aufmerksamkeit auf einen speziellen Mangel zu lenken: „Uns liegt am Herzen, besonders auf diejenigen hinzuweisen, die am Mietmarkt benachteiligt sind“, sagte Diakonie-Chef und #einfachwohnen-Sprecher Dirk Ahrens. „Das sind vordringlich Wohnungsuchende, das sind Menschen, die Hilfe benötigen, weil sie zum Beispiel eine Behinderung haben, Alleinstehende, die mehrere Kinder zu betreuen haben, oder Frauen aus Frauenhäusern.“ 12.000 Haushalten sei im vergangenen Jahr trotz eines Dringlichkeitsscheins für sozial geförderten Wohnraum seitens der Stadt keine Wohnung vermittelt worden. „Weil es keine gab“, so Ahrens. „Das wollen wir ändern, deshalb machen wir Druck auf die Politik.“ Zum Vergleich: Nach Auskunft der Stadtentwicklungsbehörde wurden 2018 an 3738 vordringlich wohnungsuchende Haushalte Wohnungen vermittelt.

Nach Schätzungen des Bündnisses stehen in Hamburg rund 3500 Wohnungen leer. Das bedeute: „Mindestens der Hälfte der Menschen in Wohnungsnot könnten wir ziemlich schnell ein Zuhause verschaffen“, so Ahrens. Meyer ergänzte: „Die Stadt sollte dafür sorgen, dass Leerstand viel stärker verfolgt wird.“ Als Vorbild dient dem Bündnis das Meldeportal „Raum für München“, auf dem Bürger Leerstände oder illegale Ferienwohnungen anzeigen können. 1500 Anzeigen seien dort im vergangenen Jahr eingegangen, 370 Wohnungen seien so wieder vermietet worden. In Hamburg seien dagegen 2017 nur 42 Leerstände beseitigt worden.

Kampagne will nicht lockerlassen

Warum das Bezirksamt Altona an der Sommerhuder Straße nicht tätig wurde, erklärte Sprecher Martin Roehl: „Das Problem ist: Für diese Immobilie liegt eine Baugenehmigung vor, damit fällt sie nicht unter das Wohnraumschutzgesetz.“ Die insgesamt drei Jahre gültige Baugenehmigung gelte noch bis Mai 2020 und könne theoretisch noch verlängert werden. Auch die Soziale Erhaltungsverordnung für Altona-Nord, die eigentlich die Umwandlung in ein Boardinghouse verhindert oder zumindest deutlich erschwert hätte, greife nicht, da sie erst seit 2018 gelte, also nach Ausstellen der Baugenehmigung.

Unklar blieb, warum das Bezirksamt in den zwei bis drei Jahren zwischen dem Auszug der letzten Mieter und der Ausstellung der Baugenehmigung nicht tätig wurde – möglicherweise fehlte es schlicht an einem Hinweis auf den Leerstand. Eine Anfrage des Abendblatts an den Besitzer der Immobilie, warum er das Gebäude so lange leer stehen lasse und was er nun damit plane, blieb unbeantwortet.

Die Kampagne #einfachwohnen werde dagegen nicht lockerlassen, betonte Marc Meyer: „Wir wollen alles dafür tun, dass dieses Haus möglichst schnell wieder beziehbar wird.“