Tag der Alphabetisierung

Mit welchen Alltags-Problemen Analphabeten zu kämpfen haben

Torsten R. ist  jeden Montag in der Volkshochschule. Sein Ziel: besser lesen und schreiben können.

Torsten R. ist jeden Montag in der Volkshochschule. Sein Ziel: besser lesen und schreiben können.

Foto: HA/Roland Magunia

Torsten R. kann kaum lesen und schreiben. In Billstedt fand er trotzdem einen Job. Wie lebt es sich als Analphabet?

Bargteheide/Billstedt. Diktate im Deutschunterricht waren am schrecklichsten. „Sie waren die Hölle“, sagt Torsten R. Egal, wie sehr er sich anstrengte, egal, wie viel Mühe er sich gab, immer war er zu langsam, immer gab es eine Sechs. „Ich hatte gleich im ersten Satz schon zehn Fehler.“

Der Bargteheider ist funktionaler Analphabet. Sprachlich korrekt heißt es mittlerweile: Mensch mit geringer Literalität. Diese Menschen brauchen sehr viel mehr Energie, um zu lesen. Sie brauchen mehr Zeit und sind schneller erschöpft. Dass Torsten R. heute einen Beruf hat und selbstbewusst mit seiner Schwäche umgeht, war ein langer Weg.

Jeden Montag nach Feierabend geht es für ihn in die Volkshochschule an der Billstedter Hauptstraße in Billstedt. Denn er will sich verbessern, will noch mehr dazugehören. Wer schlecht in Mathe ist, gibt das offen zu. Das scheint nichts zu sein, wofür man sich schämen muss. Aber nicht richtig lesen und schreiben zu können hat eine andere Dimension. Es grenzt aus.

Berufliche Hürden durch Rechtschreibschwäche

Zwei Ausbildungen musste der 35-Jährige wegen seiner schlechten Rechtschreibung bereits abbrechen. Die Chefs sagten, so könne er doch keinen Kundenkontakt haben. Klempner wollte er lernen. Nach dem zweiten Rauswurf wurde Torsten R. aktiv. „Es konnte so nicht weitergehen“, sagt er. Das war vor 14 Jahren. An der Volkshochschule holt er seitdem nach, was ihm seine Lehrer nicht beibringen konnten. „Ich habe in der Schule zwar lesen und schreiben gelernt, verstanden habe ich es aber nie.“

Torsten R. ist einer von 6,2 Millionen Menschen in Deutschland im Alter von 18 bis 64 Jahren, die nicht oder nur sehr wenig lesen und schreiben können. Das ist das Ergebnis der Grundbildungsstudie unter Leitung der Hamburger Professorin Anke Grotlüschen. Menschen mit geringer Literalität können zwar oft Buchstaben, Wörter und auch einzelne Sätze lesen und schreiben, doch nur mit viel Mühe können sie einen längeren Text überhaupt verstehen.

Analphabeten-Häme verletzte Torsten R. tief

Also brütet Torsten R. an der VHS in kleinen Gruppen von höchstens zehn Teilnehmern derzeit über den vier Fällen in der deutschen Grammatik, über den Nominativ, Genitiv, Dativ oder Akkusativ. Einmal in der Woche geht es für zweieinviertel Stunden um nichts anderes. Torsten füllt Lückentexte aus und liest in jeder Stunde laut vor. Dinge, die er in der Schule nie richtig gelernt hat, weil er viel langsamer war als die anderen. Dass er dennoch den Realschulabschluss geschafft hat, liegt unter anderem daran, dass er gut in Mathematik ist. Irgendwie konnte er seine miese Rechtschreibung kompensieren. Eine Förderung gab es für ihn nicht. Seine Mutter war krank, der Vater zu ungeduldig, und die Lehrer unternahmen auch nichts.

Hier an der Volkshochschule hat er überhaupt erst begriffen, nach einem Punkt Luft zu holen und zu verschnaufen beim Lesen. Bis dahin hatte er das Gelesene nie begriffen. Die Verletzungen aus der Kindheit bleiben unvergessen. „Als ich einmal ein Buch mit in die Schule brachte und daraus vorlas, haben meine Mitschüler mich ausgelacht.“ Aber er ist jetzt selbstbewusst und stark. Sein jetziger Chef weiß von seiner Schwäche und hat ihn trotzdem eingestellt. Genau wie mehr als 60 Prozent der Betroffenen ist Torsten R. berufstätig. Er arbeitet als Zerspanungstechniker in Stapelfeld im Kreis Stormarn.

Viele der Menschen mit geringer Literalität haben gelernt, ihre fehlenden Fähigkeiten zu verbergen. „Häufig trauen sie sich gar nicht, Hilfe zu suchen“, sagt Susanne Kiendl. Sie konzipiert seit mehr als 16 Jahren bei der VHS Lese- und Schreibkurse. „Wichtig ist vorab eine individuelle Erstberatung, um einen passenden Kurs zu finden.“ Denn: Analphabet ist nicht gleich Analphabet. Es gibt vier verschiedene Level – manche können gar keine Buchstaben, andere können nur Wörter bilden.

200 Hamburger nehmen an dem Kurs teil

Der Einstieg in einen der Kurse ist jederzeit möglich. Derzeit sind es in Hamburg 200 Teilnehmer. Die Hälfte von ihnen sind Menschen mit Migrationshintergrund ohne Deutschkenntnisse. Susanne Kiendl: „Wichtig ist eine vertrauensvolle Lernatmosphäre. Fehler sind erlaubt und normal.“ Es gibt kein Curriculum. Jeder kann hier im eigenen Tempo lernen, ohne Leistungsdruck.

Warum muss es überhaupt so weit kommen? Susanne Kiendl übt Kritik am Schulsystem: „Wenn es die Möglichkeit an den Schulen gäbe, die langsamen Kinder zu fördern, müssten diese Kinder nicht erst als Erwachsene lesen und schreiben lernen.“ Torsten macht Fortschritte: „Ich kann meine Texte besser lesen und per WhatsApp kommunizieren.“ Und: Er geht mit seiner Schwäche, die heutzutage wohl als Legasthenie eingestuft werden würde, sogar an die Öffentlichkeit. Fertig ist er aber noch lange nicht. „Ich möchte am Ball bleiben. Es macht jedes Mal Spaß.“