100 große Fragen des Lebens

Wie sieht die Mediennutzung der Zukunft aus?

Alexa Burmester mit einem Sprachassistenten und Uwe Hasebrink mit einem Smartphone.

Alexa Burmester mit einem Sprachassistenten und Uwe Hasebrink mit einem Smartphone.

Foto: Marcelo Hernandez

In dieser Folge geht es um die Zukunft von Facebook, Podcasts – und um das Buch, das sich der Digitalisierung widersetzt.

Hamburg. Hat Facebook seine besten Zeiten schon hinter sich? Warum wollen auf einmal so viele Menschen Podcasts hören? Und wie schafft es das Buch, sich der Digitalisierung zu widersetzen? Die Hamburger Wissenschaftler Alexa Burmester und Uwe Hasebrink beantworten, wie wir welche Medien in Zukunft nutzen werden. Und natürlich geht es auch um die Zeitung ...

Hamburger Abendblatt: Wie sieht die Mediennutzung der Zukunft aus? Das ist eine Frage, die mich als Chefredakteur des Hamburger Abendblatts natürlich stark interessiert … Aber bevor wir zur Zeitung kommen, würde ich von Ihnen gern etwas anderes wissen: Sehen Sie noch fern wie früher?

Burmester: Ich persönlich sehe fast gar kein lineares Fernsehen. ARD und ZDF sehe ich im Livestream, ansonsten nutze ich alle Streamingdienste rauf und runter.

Hasebrink: Das Fernsehen ist bei uns nach wie vor ein wichtiger Orientierungspunkt, wir verfolgen stets, was dort geschieht, sehen uns auch einiges an, vieles davon aber zeitversetzt in der Mediathek.

Was wird dann aus dem sogenannten linearen Fernsehen?

Hasebrink: Lineares Fernsehen ist eine gute Erfindung. Das Prinzip, zu wissen, was wann wo gezeigt wird, mag heute vielleicht verpönt sein, ist aber eine unglaubliche Entlastung im Alltag. Die Möglichkeiten, sich vom linearen Fernsehen zu befreien und selbst zu entscheiden, wann man etwas guckt, werden zwar genutzt. Gleichzeitig braucht man aber neue Regelmäßigkeiten und Gewohnheiten, die man sich selbst schafft: Irgendwann fängt man zum Beispiel an, sich zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Umfeld einen Podcast anzuhören. So entstehen neue Routinen.

Burmester: Das lineare Fernsehen wird nicht verschwinden. Es hat erstens seine Berechtigung bei Live-Veranstaltungen und zweitens bei allen Sendungen, die in Serie erscheinen und die man sofort bei der Erstausstrahlung sehen will. Das kann sowohl eine neue Folge vom „Bachelor“ als auch ein „Brennpunkt“ der ARD sein.

Wird man künftig überhaupt noch klassische TV-Geräte haben?

Hasebrink: Das Spektrum der Bewegtbild-Kommunikation weitet sich aus, entsprechend werden wir dafür unterschiedliche Geräte nutzen. Die Menschen wollen einerseits richtiges Heimkino auf großen Bildschirmen, andererseits schätzen sie es, wenn sie bestimmte Inhalte auch auf dem Smartphone in der U-Bahn sehen können. Diese Ausdifferenzierung ist das Entscheidende. Allgemein gilt: Fernsehen ist, wenn Menschen fernsehen. Das kann man nicht mehr am Gerät festmachen.

Kommen wir zum Radio – das scheint am besten durch die Medienkrise gekommen zu sein.

Hasebrink: Das Radio hat seine große Revolution und Krise schon lange hinter sich, als es sich im Zuge der Ausbreitung des Fernsehens und später der Kommerzialisierung des Rundfunkbereichs vom Einschalt- zum durchhörbaren Formatmedium wandelte.

Burmester: Tatsächlich ist die Entwicklung des Radios in den vergangenen Jahren relativ stabil.

Doch jetzt kommen die Podcasts, Hörsendungen im Internet, die man jederzeit abrufen kann und die sich auf einmal größter Beliebtheit erfreuen. Allein beim Hamburger Abendblatt haben wir inzwischen neun solcher Podcasts.

Hasebrink: Das Hörmedium gewinnt die verlorenen Inhalte wieder zurück, genau die Inhalte, die das Radio in der Zeit vor der Einführung des Fernsehens ausgezeichnet haben. Zum Beispiel längere Gesprächsformate, aber auch Lesungen. Man konnte diese Entwicklung schon angesichts des Interesses an Hörbüchern erahnen.

Burmester: Der Vorteil der Podcasts ist, dass man nebenbei andere Sachen machen kann, also zum Beispiel Autofahren oder Sport. Hören ist genauso faszinierend wie Sehen.

Schon lange kein neues Medium sind die sozialen Medien – wie wird sich deren Nutzung verändern? Wird Facebook irgendwann zum Friedhof der ersten Social-Media-Generation?

Burmester: Die Tendenz ist heute schon da. Es bewegt sich eher die ältere Generation auf Facebook, die anderen sind zum Beispiel bei Instagram oder Pinterest.

Hasebrink: Alle Gruppen definieren sich ständig neu und versuchen, sich von anderen abzugrenzen. Das ist für Plattformen, die auf Wachstum ausgerichtet sind, gefährlich. Denn irgendwann können sie diese heimelige Atmosphäre, in der eine bestimmte Klientel unter sich ist, nicht mehr garantieren, und die Nutzer wenden sich ab.

Burmester: Spätestens wenn Jugendliche feststellen, dass ihre Eltern oder Lehrer auf „ihrer“ Plattform unterwegs sind, ist diese für sie nicht mehr attraktiv. Deshalb werden sich die sozialen Medien auch in Zukunft ständig wandeln. Einige werden kleiner oder verschwinden ganz, andere werden größer.

Hasebrink: Die Dynamik bei den sozialen Medien ist enorm. Wenn Sie etwa das Medienverhalten von Kindern oder Jugendlichen in regelmäßigen Abständen untersuchen, fühlt sich das jedes Mal wie neu an.

Es kann also sein, dass die sozialen Medien, die in fünf oder zehn Jahren wichtig werden, heute noch gar nicht erfunden sind?

Burmester: Ja, das kann sein.

Kommen wir langsam zu den klassischen Medien. Das Buch auf Papier hält sich erstaunlich gut, der große und lange vorhergesagte Siegeszug des E-Books ist ausgeblieben. Warum?

Burmester: Das liegt an der Haptik des Buches.

Hasebrink: Und an dem konkreten Leseerlebnis, bei dem wir gleich an ziemlich vieles anderes denken: an Tee, Rotwein, Sessel, das Bücherregal.

Burmester: Und das Buch ist auch die Auszeit, die Möglichkeit, bewusst einmal nicht digital zu sein. Daran wird sich nichts ändern.

Die Haptik wird auch gern als Begründung angeführt, dass es auch die Zeitung auf Papier noch sehr, sehr lange geben wird. Bill Gates hat gesagt, dass die letzte gedruckte Zeitung in zehn Jahren erscheinen wird. Das war 1990, er hat sich also geirrt. Werden wir das Ende der gedruckten Zeitung erleben?

Hasebrink: Ich glaube es nicht. Einerseits sind Zeitungen immer öfter nicht die schnelle Wegwerfware, die sie früher einmal waren. Andererseits ist ein Vorteil der Zeitung, dass sie ein Anfang und ein Ende hat. Sie signalisiert mir: Dies ist alles, was heute in der Welt wichtig ist – und fertig. Das Schlimme an Onlinenachrichten ist ja, dass ich ununterbrochen damit konfrontiert werde, dass ich das meiste nicht mitbekomme.

Burmester: Es geht immer noch weiter, man kann sich in der Nachrichtenflut verlieren. Medien, die ein Anfang und ein Ende haben, haben auch in der digitalen Welt einen Mehrwert.

Hasebrink: Dazu gehört übrigens auch, dass Journalisten nicht nur über Themen berichten, die mich interessieren, sondern vor allem über Themen, die mich interessieren sollten, weil sie für die Gesellschaft wichtig sind. Die Mediennutzer wissen selber um das Problem, dass sie dank der Suchmaschinen nur noch Dinge angeboten bekommen, die sie betreffen. Ihre Erwartung speziell an den Journalismus ist aber, dass er Themen auswählt, von denen sie sonst nie erfahren hätten. Die meisten von uns wollen nicht in einer Filterblase stecken und immer nur mit denselben Themen konfrontiert werden und immer nur mit Menschen zu tun haben, die das Gleiche denken wie sie.

Allmählich scheinen sich auch in der digitalen Welt Abo-Modelle durchzusetzen …

Hasebrink: Der Anteil der Menschen, die von sich sagen, dass sie für Informationen im Netz Geld ausgeben, steigt in unseren Befragungen der vergangenen Jahre kaum. Das widerspricht allerdings der Beobachtung, dass die Online-Umsätze von journalistischen Medien steigen. Offenbar gibt es eine noch recht kleine Gruppe von Menschen, die bereit sind, für Journalismus im Netz Geld auszugeben, die in den letzten Jahren ihre Ausgaben deutlich gesteigert haben. Aber den Normalfall stellen Online-Abonnements bei Weitem noch nicht dar.

Burmester: Das Problem ist, dass wir bei den Nachrichten im Internet vom Preis null kommen. Die Menschen müssen den Wert von Nachrichten wieder neu erlernen. Da hilft tatsächlich, dass man zum Beispiel bereit ist, für Streamingdienste ein Abo abzuschließen.

Was bei aller Digitalisierung auffällt, ist, dass Kinder heute wie vor 50 Jahren glücklich mit Büchern sind und es lieben, wenn man ihnen Astrid Lindgren oder Karl May vorliest. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Burmester: Ich weiß nicht, ob das für alle Kinder gilt.

Hasebrink: Das Interessante am Vorlesen ist für Kinder nicht das Buch, sondern der oder die Vorlesende, die sich Zeit nehmen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihre ganzen Kindheitserinnerungen mitschwingen, wenn sie Karl May vorlesen. Das ist für Kinder traumhaft.

Burmester: Zunächst befürchte ich, dass heutzutage nicht mehr allen Kindern häufig vorgelesen wird. Das wird sich niemals ändern, weil sich der Mensch ja auch nicht so schnell ändert wie die Technik.

Frau Burmester, Sie heißen mit Vornamen Alexa, so wie das bekannte Spracherkennungssystem …

Burmester: … was zu kuriosen Begegnungen führt. Als ein Kellner in einem Restaurant neulich mitbekam, wie ich heiße, sagte er: „Das wird jetzt ein lustiger Abend für mich.“ Und später so was wie: „Alexa, geh mal aus dem Weg.“ Der fand das lustig. Und ich frage mich, warum eigentlich fast alle Assistenten Frauennamen haben …