Bildungsprojekt

Die Pläne für eine „Kinderstadt Hamburg“

In der Spielstadt „Mini-München“ erproben sich Kinder und Jugendliche während der Sommerferien zum Beispiel als Handwerker.

In der Spielstadt „Mini-München“ erproben sich Kinder und Jugendliche während der Sommerferien zum Beispiel als Handwerker.

Foto: Kultur & Spielraum e.V.

Die Patriotische Gesellschaft will ein großes Bildungsprojekt auf die Beine stellen, das Denken und Handeln verbindet.

Hamburg. Wenn die Sommerferien anbrechen in München, zieht es Tausende Kinder zur Arbeit: Sie gießen Pflanzen in einer Gärtnerei, entwerfen Häuser in einem Architekturbüro, sie werden zu Köchen und Taxifahrern, Journalisten und Hochschullehrern, zu Bankern, Künstlern und Politikern. Es gibt Märkte und Wahlen, Müllsammelaktionen und viele Angebote mehr, die den Nachwuchs lehren, wie unser Gemeinwesen funktioniert, welche sozialen und wirtschaftlichen Kreisläufe es prägen. Drei Wochen gehen die Kinder zu „Mini-München“, diesem „großen Fest des eigenwilligen Lernens“, wie es der Hamburger Filmemacher Reinhard Kahl nennt, der eine Dokumentation über die Spielstadt gedreht hat.

Seit vier Jahrzehnten behauptet sich das Bildungsprojekt für Kinder zwischen sieben und 15 Jahren in der bayerischen Metropole, wo es alle zwei Jahre stattfindet. Zuletzt bauten die Veranstalter um den Verein Kultur & Spielraum eine Zeltstadt im Stadtteil Freimann auf. Rund 33.640 Kinder besuchten das Camp 2018, mehr als 60 Betriebe und Einrichtungen boten kostenlose Workshops für den Nachwuchs.

Lernen und Bildung organisieren

Auch in Hamburg könnte ein solches Projekt bald stattfinden. Dafür setzt sich die Patriotische Gesellschaft von 1765 ein. Sie wird in einer Veranstaltung am 13. September ihre Ideen dazu vorstellen. Dabei freut sich der Verein zum einen über Teilnehmer, die das Vorhaben „Kinderstadt Hamburg“ finanziell unterstützen würden, damit genügend Geld etwa für die Verpflegung der Kinder und für Material zusammenkommt. Zum anderen sind Bürger angesprochen, die als ehrenamtliche Helfer mitmachen oder sich als Experten mit Angeboten für die Kinder einbringen möchten. Eine Malerwerkstatt, Theaterspiele, wissenschaftliche Experimente, Umweltprojekte, ein Mini-Rathaus – vieles ist denkbar.

„Wir wollen mit dem Vorhaben ein Nachdenken in Hamburg darüber anstoßen, wie wir Lernen und Bildung organisieren“, sagt Helga Treeß, zweite Vorsitzende der Patriotischen Gesellschaft und Sprecherin des Arbeitskreises Kinder, Jugend und Bildung. In den Schulen werde „das Lernen zerpflückt“, sagt Treeß. Es fehle oft der direkte Bezug zu unserem Gemeinwesen, es mangele an Erlebnissen und damit verbundenen Gefühlen. So bleibe das Lernen oft oberflächlich. Kinder interessierten sich dann in nicht in dem Maße für ihre Umwelt, nicht für ihre Stadt, wie es möglich wäre, wenn kognitives, soziales und emotionales Lernen zusammenkommen.

Eigene Währung in der Spielstadt

Praktiziert wird das hingegen in der Spielstadt in München, wie Filmemacher Reinhard Kahl in einem Beitrag für die Zeitschrift „Pädagogik“ schreibt. „’Mini-München‘ ist ein Labor des Lernens, Denkens und Handelns. Weil sie handeln wollen, denken die Kinder, und dabei lernen sie“, erklärt Kahl. „Tätig sind Menschen in ihrem Element. Und sie wollen zusammen tätig sein. Die Kinder wollen wissen, wie etwas geht, sie wollen gebraucht werden, jeder will sein Ding und seinen Platz finden. Sie sehnen sich geradezu nach Erwachsenen, die etwas gut können und erklären.“

Zu handeln, das wird in der Spielstadt so verstanden, dass die Kinder am politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen. Es gibt eine Bürgerversammlung, in der „Vollbürger“ abstimmen dürfen. Die Vollbürgerschaft kann nach vier Stunden Arbeit, vier Stunden Studieren und einem „Zoff-Kurs“ beantragt werden, in dem es um Streit, Schlichtung und das Zusammenleben geht. Es gibt auch eine Währung in der Spielstadt: den MiMü. In ihr werden Löhne ausgezahlt und Waren bezahlt.

Patriotische Gesellschaft will Schulen einbinden

Bei der Veranstaltung in der Patriotischen Gesellschaft sollen Ausschnitte aus dem Film „Wir bauen eine neue Stadt“ über „Mini-München“ von Reinhard Kahl gezeigt werden. Der Filmemacher selbst soll auch dabei sein. Schon 19-mal haben viele Menschen in München diese Spielstadt auf die Beine gestellt. „Warum sollte das nicht auch in Hamburg gelingen?“, fragt Helga Treeß.

Die Patriotische Gesellschaft will bei ihrem Vorhaben die Hamburger Schulen mit einbinden. Ähnlich wie in München soll die „Kinderstadt Hamburg“ zwei oder drei Wochen lang in den Sommerferien in einem bestimmten Areal der Stadt aufgebaut werden. Es gebe Ideen zu möglichen Veranstaltungsorten, aber noch keine Festlegung, sagt Helga Treeß. Unklar sei auch noch, wie viel Geld nötig sein werde, um das Vorhaben zu bezahlen. „Unser Ziel ist, dass wir ohne Gebühren für die Kinder auskommen“, sagt Treeß. Womöglich könnte eine Hamburger Kinderstadt schon 2020 entstehen, realistischer sei die Premiere für 2021.

Die Veranstaltung „Ein demokratisches Gemeinwesen braucht seine Kinder – Kinderstadt Hamburg“ findet am 13. September ab 17 Uhr in den Räumen der Patriotischen Gesellschaft statt (Kirchhof-Saal, Trostbrücke 6). Anmeldung erbeten: www.patriotische-gesellschaft.de/dabei.