Bildung

Schülerzahl auf Rekordhoch – Hamburg hat zu kämpfen

Die Zahl der Schüler in Hamburg steigt zum neuen Schuljahr auf mehr als 200.000.

Die Zahl der Schüler in Hamburg steigt zum neuen Schuljahr auf mehr als 200.000.

Foto: Philipp Schulze / dpa

Erstmals seit Jahrzehnten gibt es mehr als 200.000 Schüler. Debatte um wachsende Schulen und die Einstellung neuer Lehrer.

Hamburg. Seit achteinhalb Jahren ist Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) im Amt, und in dieser Zeit hat der 59-Jährige eine gewisse Routine darin entwickelt, jedes Jahr neue Rekorde zu verkünden. Doch die Zahlen, die Rabe am Dienstag mit Blick auf das am Donnerstag beginnende Schuljahr vorstellte, waren zumindest teilweise auch für den Senator etwas Besonderes: Mit exakt 201.310 Schülern sind erstmals seit Anfang der 80er-Jahre wieder mehr als 200.000 Kinder und Jugendliche an den 414 allgemeinbildenden Schulen angemeldet.

Das sind 2610 oder 1,3 Prozent mehr als im Vorjahr – und das, obwohl die Schülerzahl an den privaten Einrichtungen infolge der Schließung mehrerer katholischer Schulen von 20.400 auf 19.900 zurückgeht.

Hauptgrund für das anhaltende Wachstum ist der Zulauf an den Grundschulen: Mit 15.437 neuen Erstklässlern starten 771 oder 5,3 Prozent mehr ABC-Schützen als noch 2018. Insgesamt gibt es an den 223 Grundschulen 59.100 Schüler – 1300 mehr als 2018. Auch die Vorschulen verzeichnen mit 9100 Kindern ein Plus von 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr (8800).

Hamburger Stadtteilschulen werden beliebter

An den weiterführenden Schulen steigen die Schülerzahlen ebenfalls insgesamt, obwohl für die fünften Klassen mit 14.358 etwas weniger Schüler angemeldet wurden als im Vorjahr (14.499). Dabei steigt die Beliebtheit der Stadtteilschulen: 6964 oder 49 Prozent der Fünftklässler wurden an dieser noch relativ jungen Schulform angemeldet, 7207 an den Gymnasien. Mit 49 zu 51 Prozent ist der Abstand diesmal so gering wie nie zuvor.

„Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung“, sagte Schulsenator Rabe. Nicht nur, weil er von der Stadtteilschule überzeugt sei, sondern auch, weil nach wie vor viele Schüler den Anforderungen an den Gymnasien doch nicht gewachsen seien und diese nach Klasse sechs verlassen müssten. „Wenn man das weiß, ist es doch gut, wenn man sich gleich an der richtigen Schule anmeldet.“ Die Stadtteilschulen ermöglichen alle Schulabschlüsse, das Abitur kann dort nach 13 Jahren abgelegt werden (auf dem Gymnasium nach zwölf).

900 Lehrer müssen pro Jahr eingestellt werden

Als „große Herausforderung“ bezeichnete Rabe, „bei einem derart rasant wachsenden System für ausreichend Lehrer und Schulraum zu sorgen“. 900 Pädagogen müssten pro Jahr eingestellt werden, was zunehmend schwerer werde: „Die Luft wird dünner“, sagte Rabe, da andere Bundesländer ähnliche Bedarfe hätten.

Im kommenden Schuljahr hätten die allgemeinbildenden staatlichen Schulen mit 14.167 Lehrerstellen (plus 333) und 1859 pädagogischen Stellen (plus 25) insgesamt 358 zusätzliche Stellen zur Verfügung. Inklusive der 2500 Vollzeitstellen an den Berufsschulen gebe es an den staatlichen Schulen insgesamt rund 18.500 Vollzeitstellen. Damit seien diese „der größte Arbeitgeber der Stadt“, so die Schulbehörde.

Hamburg könnte Allzeithoch aus den 70er-Jahren knacken

Wie berichtet, geht der Senat von weiter steigenden Schülerzahlen aus. Halte das Wachstum an, könnte die Stadt im Jahr 2030 mit dann 245.000 Schülern das Allzeithoch aus den 70er-Jahren knacken. Zusätzliche 3000 Lehrer müssten bis dahin eingestellt werden. Angesichts erster Proteste gegen den Neubau oder die Erweiterung von Schulen auf zum Teil sechs bis sieben Parallelklassen verwies Rabe zum einen darauf, dass der Platzbedarf auch auf die Verkleinerung der Klassengrößen zurückgehe.

Zum anderen unterscheide sich die Haltung von Standort zu Standort: In manchen Stadtteilen werde die Erweiterung von Schulen abgelehnt, in anderen aber gegenüber Neubau-Plänen bevorzugt: „Es gibt hier keine klare Linie“, so Rabe. Klar sei aber: „25 Prozent mehr Schüler ist ein gewaltiges Wachstum.“ Auch andere Städte hätten damit zu kämpfen. In München würden Schüler bereits auf Schulen außerhalb der Stadtgrenzen ausweichen, und Frankfurt wolle Schulen künftig doppelt bauen – erst ein Provisorium aus Containern, dann ein richtiger Neubau.

Das zeige, wie hoch der Druck auf die Metropolen sei, sagte Rabe und appellierte an Bürger und Politik, nicht nur zu sagen, was nicht gehe, sondern zu bedenken, dass heute geborene Kinder in absehbarer Zeit „an die Schultür klopfen und dann den Anspruch haben, hier eine schöne Schule vorzufinden“. Er sei „zuversichtlich“, dass dieser eingelöst werden könne.

Stöver: "Schüler müssen weitere Wege auf sich nehmen"

Angesichts der großen Herausforderungen warf die Opposition in der Bürgerschaft dem Schulsenator Versäumnisse bei der Planung vor. „Erneut ist deutlich geworden, dass der neue Schulentwicklungsplan viel zu spät begonnen und mit heißer Nadel gestrickt wurde“, sagte Birgit Stöver, schulpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. „So werden auch in diesem Jahr viele Schülerinnen und Schüler nicht auf ihre Wunschschule gehen können und weitere Wege auf sich nehmen müssen. Der jetzt angekündigte Anstieg der Ausbildungsplätze für Lehrerinnen und Lehrer ist richtig, kommt aber zu spät, denn längst fehlen Lehrkräfte, wodurch regelmäßig Unterricht ausfällt.“

Ähnlich äußerte sich FDP-Fraktionschefin Anna von Treuenfels-Frowein: „Der Senator feiert sich vor Beginn des neuen Schuljahrs mit Selbstverständlichkeiten.“ Mit dem Schulentwicklungsplan sei er viel zu spät dran: „Beim Schulbau hinkt Rabe nun den steigenden Schülerzahlen hinterher, obwohl diese Entwicklung absehbar war.“ Treuenfels-Frowein forderte zudem mehr Tempo bei der Digitalisierung an den Schulen.

Die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Sabine Boeddinghaus, warf dem Senat angesichts des Schülerwachstums vor, etliche Schulgebäude in der Vergangenheit „leichtfertig geopfert“ zu haben: „Allein in den letzten sechs Jahren hat Rabe Hamburgs Schulen insgesamt 75.007 Quadratmeter Fläche abgenommen und teilweise anschließend veräußert. Das zeugt von wenig vorausschauendem Regieren. Die Folgen spüren die Schulen, die jetzt mit den massiven Verdichtungsplänen des Senators konfrontiert sind und um ihre pädagogischen Konzepte bangen müssen.“