Jugendhilfe

Film über Fall Yagmur soll Zeichen für Kinderschutz setzen

Michael Lezius, Gründer der Yagmur Stiftung, in der Patriotischen Gesellschaft an der Trostbrücke

Michael Lezius, Gründer der Yagmur Stiftung, in der Patriotischen Gesellschaft an der Trostbrücke

Foto: Michael Rauhe

Stiftungs-Gründer Michael Lezius plant einen Film über den qualvollen Tod des Mädchens in Hamburg. Es werden Spender gesucht.

Hamburg.  Als „Fall Yagmur“ wurde der Tod der dreijährigen Hamburgerin im Dezember 2013 bundesweit bekannt. Das Mädchen wurde von seiner Mutter über einen längeren Zeitraum misshandelt und schließlich ermordet. Durch den Fall geriet das Hamburger Jugendhilfesystem in die Kritik. Jetzt soll es einen Film über das Schicksal des kleinen Mädchens geben. Initiiert von Michael Lezius, dem Gründer der Yagmur Gedächtnisstiftung. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, nachhaltig über zehn Jahre zu wirken, um jedes Jahr am 18. Dezember an den qualvollen Tod von Yagmur zu erinnern und damit immer wieder ein Zeichen zu setzen, damit sich so etwas nicht wiederholt.

„Ich war 72 Jahre alt, als mich das Schicksal von Yagmur buchstäblich so umgehauen hat, dass ich bei all dieser Inkompetenz, Dienst nach Vorschrift und mangelnder Zusammenarbeit von 20 Institutionen, die mit Yagmur zu tun hatten, etwas tun musste“, sagt Michael Lezius. Bei 4000 Misshandlungen und 140 Tötungen an Kindern pro Jahr müsse sich in Deutschland endlich etwas bewegen. „Bei brutaler Gewalt müssen die Kinderrechte vor die Elternrechte gezogen werden. Ich kämpfe für die Verankerung der Kinderrechte ins Grundgesetz.“

Gewalttätige Mutter

Der Gesetzgeber aber, so Lezius, sei zu langsam bei der Verankerung der Kinderrechte. Und das, obwohl die Vereinten Nationen Deutschland verklagt haben, weil die Kinderrechte immer noch nicht im Grundgesetz stehen. „Die Kinderschutzpraxis braucht noch Jahre, bis wir einen würdigen Stand erreicht haben.“ Tagungen und Workshops seien „Eintagsfliegen“. „Deshalb jetzt dieser Film“, sagt Lezius. „Ein Film, der bei vielen Zielgruppen über eine lange Zeit gezeigt werden kann, wird die Menschen aufwühlen.“

Erzählt wird die Geschichte der kleinen Yagmur, die alle Yaya nennen und die in Hamburg in belasteten Familienverhältnissen aufwächst. Sie muss schon als Kleinkind Gefahren überstehen, die ihr von einer ebenso überforderten wie gewalttätigen Mutter und durch einen passiven, weitgehend abwesenden Vater drohen. Da ist aber auch das Engagement des Jugendamtes, und bald auch die zeitweilige Betreuung von Yaya in einer Pflegefamilie, bei der sie die ersten unbeschwerten Momente in einer kindgerechten Umgebung verbringt.

Gewalt eskaliert immer häufiger

Im Alter von zweieinhalb Jahren spitzt sich Yayas Situation zu: Die Gewalt ihrer Mutter eskaliert immer häufiger. „Wir zeigen das Kind immer im Zentrum der Erzählung und dokumentieren so die Auswirkungen seines Umfelds auf diesen kleinen, wehrlosen Menschen“, sagt der Creative Producer Torsten Wacker. Die Geschichte beginnt mit der sechs Monate alten Yaya. Der Zuschauer erlebt ihre Welt im Blick über Schultern und Hinterkopf des Mädchens. Es gibt kein Entweichen. Wenn Yaya morgens aufsteht, erhebt sich die Kamera synchron mit ihr: Vom Liegen in den aufrechten Sitz auf der Bettkante. Wenn Yaya geschlagen wird, erschüttert das ihren Körper genauso wie das Kamerabild. Wenn Yaya an ihrem Geburtstag auf dem Trampolin springt, steigt die Kamera zusammen mit ihr vor der Abendsonne auf und ab.

Yaya erscheint trotz der massiven Misshandlungen nicht immer traurig. Sie entwickelt einen Überlebenswillen, weil sie auch die kleinsten Momente der Fürsorge mit großer Freude annehmen kann. „Ich bin Vater von zwei Söhnen und es gibt nichts unerträglicheres für mich, als Gewalt gegen Kinder“, sagt Torsten Wacker. Den am Leben und Sterben von Yaya Beteiligten solle mit dem Film klar werden, wie weit die Verantwortung jedes Einzelnen hätte gehen müssen, um dieses Kind zu retten. Allen Zuschauern soll die Wichtigkeit, soziale Verantwortung zu übernehmen, bewusster werden. Die Geschichte solle aber auch sensibilisieren, um jene Momente im Alltag erkennen zu können, in denen Zivilcourage nötig wäre, um einen kleinen Menschen wie Yaya zu beschützen.

Reines Non-Profit-Projekt

Torsten Wacker erinnert an Steven Spielbergs „Schindler’s Liste“ und den Satz: „Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ Wacker: „Wenn unser Film auch nur einen Menschen dazu bringt, sein Kind nicht mehr zu schlagen oder gegen eine Kindesmisshandlung in seinem Umfeld einzuschreiten und damit ein Kind zu schützen, dann hat er sich schon gelohnt.“

Weil die Stiftung den Film nicht alleine finanzieren kann, sollen mithilfe eines Exposés Spenden gesammelt werden. Die Produktion des Filmes selbst ist ein reines Non-Profit-Projekt. „Der Film soll 52.000 Euro kosten“, sagt Michael Lezius. „10.000 Euro habe ich von meiner Altersvorsorge und meiner staatlichen Rente abgezweigt. Es fehlen noch rund 40.000 Euro. Aber ich bin optimistisch, dass wir Sponsoren finden.“ Vielleicht helfe eine „Crowdfunding“-Gruppe. „Eigentlich müsste sich ein Mäzen in Hamburg finden lassen, denn das Leben und Sterben von Yagmur hängt der Stadt wie ein Betonklotz am Bein.“

Es ist geplant, den Film am 17. Dezember bei der 5. Gedenkveranstaltung für Yagmur im Rathaus zu zeigen. „Das Ziel ist ehrgeizig. Klappt es nicht, wird er im kommenden Jahr im Dezember gezeigt.“ Lezius hofft, dass durch den Film eine Bewegung in Gang kommt, um Yagmurs Tod einen Sinn zu geben. „So können weitere Kindsmorde vielleicht verhindert werden. Der Film hat eine positive Botschaft und ist nicht anklagend.“