Hamburger Schmuckstück

Dieser Kutter lässt norddeutsche Herzen höherschlagen

Peter Heinrich, Volker Kreutzfeld, Alwin Meyer, Klaus Jürgensen und Hans Adolf Popp legen am Kutter letzte Hand an.

Peter Heinrich, Volker Kreutzfeld, Alwin Meyer, Klaus Jürgensen und Hans Adolf Popp legen am Kutter letzte Hand an.

Foto: Andreas Laible

Sieben Seebären restaurieren die schwimmende Hamburgensie "Landrath Küster". Was den Hochseekutter so besonders macht.

Hamburg.  Er ist ein Schmuckstück Hamburger Seefahrtsgeschichte, ein exzellent erhaltenes Segelschiff aus einer fast vergessenen Zeit. Wenn sich der 130 Jahre alte Hochseekutter „Landrath Küster“ nun nach einjähriger Restaurierung von formidabler Seite präsentiert, ist Finkenwerder um ein maritimes Juwel reicher. Die „Deichpartie“ an diesem Wochenende, ein Volksfest mit Akzent auf Tradition, Handwerk, Landwirtschaft, Musik und Kunst, ist Anlass für ein Wiedersehen.

Beim Lokaltermin an Bord der schwimmenden Hamburgensie gibt’s zwar Kaffee und Kekse in der Kajüte, doch noch mehr Maloche oben an Deck – plus ein paar Döntjes, versteht sich. Doch erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Die Segel mit einer Gesamtfläche von 211 Quadratmetern müssen angeschlagen, Nagelbretter befestigt sowie der Flaggenstock gesetzt werden.

Gemeinsam geht das prima von der Hand: Die sieben Männer, gestandene Seebären mit reichlich Erfahrung, gehen lustvoll zur Sache. Heinz-Hinrich „Hinnik“ Meyer, Vorsitzender des gut 200 Mitglieder umfassenden Vereins „Freunde des Hochseekutters Landrath Küster“, und sein Freund Uwe Hansen, der Geschäftsführer, halten in einer Kladde Namen und Einsatztage präzise fest. In den vergangenen Monaten, so steht’s unter dem Strich, haben die Mitstreiter 6000 Stunden Freizeit investiert. Ehrenamtlich. Und alkoholfrei. Das traditionelle „Anlegebier“ wird erst gelenzt, wenn Fofftein ist.

Der Kutter ist eine Augenweide

Die Restaurierungskosten von 85.000 Euro stammen etwa zur Hälfte von der Stiftung Hamburg Maritim als Eigentümerin sowie vom Verein als Betreiber. Problemfälle wie ein neues Heck wurden von der Behrens-Werft in Finkenwerder professionell erledigt. Auch wenn aktuell noch ordentlich gehämmert, gesägt, gefeilt und poliert wird: Das Resultat kann sich sehen lassen. Der älteste fahrbereite Finkenwerder Hochseekutter, der einzige übrigens mit einer mit sieben Tonnen Wasser gefüllten Bünn als ehemaliger Fischkasten für den Fang, lässt norddeutsche Herzen höherschlagen. Der 28,50 Meter lange und 6,10 Meter breite Kutter, ein Hingucker erster Klasse, aus Eichenholz ist eine Augenweide. Finkenwerders Alter Kutterhafen hat an zusätzlicher Attraktivität gewonnen.

Derweil Peter Heinrich, Klaus Jürgensen, Volker Kreutzfeld, Alwin Meyer und Hans-Adolf Popp an Bord weiter kräftig und gekonnt Hand anlegen, weisen „Hinnik“ Meyer und Uwe Hansen den Weg Richtung Bug. Die Treppe führt steil abwärts. Auf den ersten Blick ist klar: Kombüse und Kajüte verfügen über gediegenen, urigen Charakter. Backbords und steuerbords des großen Holztisches nehmen wir auf gepolsterten Bänken Platz.

Seeleute zeigen sich in Hochform

Die beiden passionierten Seeleute zeigen sich in Hochform. Uwe war früher Berufsfeuerwehrmann und 14 Jahre Ortsamtsleiter auf Finkenwerder. „Hinnik“ ist ein Kapitel für sich. 1953, im Alter von 15 Jahren, heuerte der Neugrabener als Schiffsjunge auf der „Landrath Küster“ an. Drei Jahre später stieg er als ausgebildeter Matrose von Bord. Später ging er für die Hapag auf große Fahrt, wurde Steuermann und erwarb das Kapitänspatent. Auf gut Deutsch: Heinz-Hinrich Meyer kennt dieses Segelschiff seit 66 Jahren. Die Reise vom Schiffsjungen bis zum Kapitän und späteren Mitarbeiter der Seeberufsgenossenschaft war ein großartiges Abenteuer, das locker ein Buch füllen könnte. „Ich bin an Bord zu Hause“, sagt Hinnik trocken.

Geschrieben indes hat der heute 81-Jährige ein ganz anderes Werk. Titel: „H.F. 231 am Bug“. Es handelt sich um die Geschichte des Hochseekutters „Landrath Küster“ vom Stapellauf im März 1889 bis zur liebevollen, detailgetreuen Restaurierung in der Neuzeit. Dieses Schiff überstand Stürme, Kollisionen, zwei Weltkriege, Jahrzehnte in Holland, Umbauten, Namensänderungen. Das „HF“ für früher „Hamburgisch Finkenwärder“ blieb.

Heinrich Küster wirkte Ende des 19. Jahrhunderts als Landrat im Kreis Jork an der Elbe. In Vertretung des deutschen Reichsfiskus gewährte er den Seefischern Heinrich und Hinrich Wulf einst ein zinsfreies Darlehen in Höhe von 7000 Mark. Damit begründeten die Brüder eine eigene Existenz auf hoher See. Der auf der Sietas-Werft im benachbarten Cranz errichtete Kutter stand bis 1928 unter Segeln; später wurde ein Motor eingebaut. Besonders auf der Nordsee fing die Besatzung Schollen, Steinbutt, Seezungen, Kabeljau und Schellfisch. 1970 war diese Ära vorbei. Mit Umweg Cuxhaven gelangte das Traditionsschiff 1972 in niederländischen Besitz. 1995 ging der Kutter wieder Kurs Heimat.

Kutter bei Gaffelschifftreffen in Glückstadt dabei

Seitdem wurden weder Kosten noch Mühe gescheut, arbeitsame, jedoch aus heu-tigem Blick glorreiche Fischfangzeiten in Erinnerung zu behalten – höchst ansehnlich. Nach ein paar Probefahrten wird die „Landrath Küster“ Ende September an einem Gaffelschifftreffen in Glückstadt teilnehmen. Und unter vollen Segeln Ehre für Hamburg-Finkenwerder einlegen.

Zuvor soll gefeiert werden. Willkommene Gelegenheit ist die jetzt am Wochenende veranstaltete „Deichpartie“. Zum vierten Mal seit 2013 werden auf Finkenwerder Türen, Tore und Gatter einladend geöffnet (Siehe Infokasten). Gäste können eine Menge über einen der spannendsten Stadtteile erfahren. „Die Sinne auf Empfang stellen und nach Herzenslust stöbern“, sagen Brigitte Brauer und Eckart Schmidt im Namen des sechsköpfigen Organisationsteams. Das geht zu Fuß, mit drei Shuttlebussen - und am besten mit dem Fahrrad.

Im Alten Kutterhafen ein paar Fußminuten vom Fähranleger Finkenwerder entfernt wird die „Landrath Küster“ mittenmang sein. Die Crew hat Matjes und Bismarckheringe auf Schwarzbrot im Angebot. An beiden Nachmittagen gibt’s Kaffee und Butterkuchen sowie am Sonnabend um 15 Uhr Musik der „Finkwarder Speeldeel“. Bannig was los auf der betagten Deern. Von wegen abgetakelt.