Gedenken

Vor 75 Jahren wurde Ernst Thälmann im KZ ermordet

In der Ernst-Thälmann-Gedenkstätte in Eppendorf wird an den Kommunistenführer erinnert.

In der Ernst-Thälmann-Gedenkstätte in Eppendorf wird an den Kommunistenführer erinnert.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Der Hamburger Kommunistenführer starb 1944. Heute erinnern eine Gedenkstätte und zwei Stolpersteine an den umstrittenen Politiker.

Hamburg. Ernst Thälmann zählt zu den berühmtesten Hamburgern - die Erinnerung an den Kommunistenführer ist jedoch schwierig. Am 18. August vor 75 Jahren wurde er im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar ermordet. Sein Tod und seine über elfjährige Haftzeit haben ihn zu einem Opfer des Nationalsozialismus gemacht.

In Hamburg erinnern gleich zwei „Stolpersteine“ an Thälmann. Einer der Gedenksteine liegt im Pflaster vor dem Rathauseingang, der andere befindet sich vor dem Haus in der Tarpenbekstraße 66, wo er mit Frau und Tochter Ende der 20er Jahre wohnte.

Eine Gedenkstätte für den Kommunistenführer Thälmann

In dem Eppendorfer Haus gibt es seit 1969 eine Gedenkstätte, die über viele Jahre Kristallisationspunkt moskautreuer Kommunisten war. 1978 schaute sogar der damalige Führer der Sowjetunion, Leonid Breschnew, während seines Staatsbesuchs in Deutschland vorbei. Als DDR-Machthaber Erich Honecker 1987 Westdeutschland besuchte, ließ er von einer Abordnung ein Blumengebinde an der Gedenkstätte niederlegen.

Den Platz vor dem Haus hat Hamburg 1985 in Ernst-Thälmann-Platz umbenannt. Drei Jahrzehnte zuvor hatte bereits eine Straße den Namen des Stalin-Verehrers getragen. Doch nach der blutigen Niederschlagung des ungarischen Aufstands durch sowjetische Panzer im Jahr 1956 wollte Hamburg lieber eine Budapester Straße haben.

An diesem Sonntag (14.00 Uhr) ehrt der Trägerverein der Gedenkstätte sein Idol als Antifaschisten und legt einen Kranz nieder. Zugleich feiert die Einrichtung ihr 50. Jubiläum mit einer neuen Ausstellung. Als Redner wird der Chef der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), Patrik Köbele, erwartet.

Wie viel Personenkult steckt in Thälmanns Biografie?

Das Archiv der Gedenkstätte steckt voller Dokumente - dennoch ist einiges in Thälmanns Biografie unklar. Unstrittig ist sein Geburtsdatum 16. April 1886. Doch dann hat der bereits zu Lebzeiten organisierte Personenkult manches verklärt.

Kam Thälmann tatsächlich aus ärmlichen Verhältnissen? Seine Eltern hatten ein eigenes Geschäft, einen Kolonialwaren- oder Gemischtwarenladen im Stadtteil Eilbek, wie Knud Andresen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in Hamburg, sagt. Andere Historiker schreiben von einem Fuhrunternehmen oder einer Kutscherkneipe.

Thälmann war Bürgerschaftsabgeordneter

Thälmanns Eltern wurden nach Angaben von Andresen wegen Hehlerei zu Haftstrafen verurteilt und saßen ein oder zwei Jahre im Gefängnis. Nach acht Jahren Volksschule wird Thälmann Gelegenheitsarbeiter im Hafen. Er tritt der SPD und einer Transportarbeitergewerkschaft bei. Am Ende des Ersten Weltkriegs kehrt er von einem Heimaturlaub in Hamburg nicht mehr an die Front in Frankreich zurück. Er schließt sich der USPD an, einer linken Abspaltung der SPD, und fällt als guter Redner auf.

Während der Novemberrevolution von 1918 sei er nicht aufgefallen, sagt Andresen. 1919 beginnt Thälmanns Karriere: Er wird Mitarbeiter des neu gegründeten Arbeitsamts und Abgeordneter in der ersten frei gewählten Bürgerschaft. Zugleich lehnt er die parlamentarische Demokratie ab. „Die Russische Revolution hat ihn tief beeindruckt. Die Diktatur des Proletariats war sein Weg“, sagt Andresen.

1923 ruft Thälmann zur Revolution in Hamburg auf

Noch im selben Jahr wird Thälmann Vorsitzender der USPD in Hamburg. 1920 führt er die große Mehrheit dieser Partei in die KPD. 1921 ist er als Hamburger KPD-Chef bereits hauptamtlicher Funktionär. Im Oktober 1923 ruft die Partei zur Revolution in Hamburg auf. Kommunisten greifen Polizeireviere in Hamburg, Bargteheide und Ahrensburg an. Die Kämpfe kosten mindestens 100 Menschen das Leben, meist Zivilisten. Nach dem Aufstand taucht Thälmann unter, seine Rolle bei der Gewaltaktion wird nie geklärt. „Er war strafrechtlich nicht zu belangen“, sagt Andresen.

Nur wenige Monate später geht Thälmanns Karriere weiter. Im Januar 1924 macht ihn die KPD zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden, 1925 zu ihrem Chef. Führende Moskauer Bolschewisten unterstützen ihn. Als er nach der Reichstagswahl von 1928 wegen einer Finanzaffäre seines Hamburger Genossen John Wittorf zurücktreten muss, sorgt Sowjetführer Stalin dafür, dass sein Verbündeter an die KPD-Spitze zurückkehrt. „Sein Name steht für die Stalinisierung der Partei“, sagt Andresen.

Kontroversen zum Trotz: "Ehrung Thälmanns ist richtig"

Bis zur Machtergreifung Hitlers kämpft Thälmann mit viel Energie gegen „Sozialfaschisten“. Damit sind die Sozialdemokraten gemeint, gegen die der Kommunistenführer auch mal gemeinsame Sache mit Hitlers NSDAP macht.

„Die Ehrung Thälmanns ist richtig“, sagt Andresen dennoch. „Er war ein Opfer des Nationalsozialismus und Mitglied der Hamburger Bürgerschaft - hier nun spezifische Ausschlusskriterien zu formulieren, wäre ein gefährliches Signal für die Erinnerungskultur.“