Hamburg

Ex-Justizbeamter gesteht Überfall auf Eppendorfer Juwelier

Der Angeklagte Dennis M. (rechts) neben seinem Verteidiger Jasper Lehmann beim Prozessauftakt am Donnerstag vor dem Landgericht.

Der Angeklagte Dennis M. (rechts) neben seinem Verteidiger Jasper Lehmann beim Prozessauftakt am Donnerstag vor dem Landgericht.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Dennis M. war finanziell abgesichert und wollte heiraten. Am 28. Februar wurde der Ex-Soldat zum Räuber. Warum bloß?

Hamburg. Was sofort auffällt, ist die enorme innere Distanz des Angeklagten – zu sich selbst und zur Tat. Wenn er über den Raubüberfall auf das Eppendorfer Juweliergeschäft „Luxini Hamburg“ im vergangenen Februar spricht, dann fast nur in der unpersönlichen Form, etwa: „Man ist in das Geschäft gegangen“. Einen Monat später, als die Polizei jene Überwachungsbilder veröffentlichte, die Dennis M. klar erkennbar bei der Tat zeigten, habe er sich gesagt: „Man wusste, dass man verhaftet wird.“ Oder auch: „Man hat auf die Polizei gewartet.“

Ganz ähnlich ist es um die Innenschau des Angeklagten bestellt. Der Überfall, so lässt er seinen Anwalt erklären, sei Ausdruck einer „psychischen Kurzschlussreaktion“. Obgleich die Vorsitzende Richterin Ulrike Schönfelder durchaus energisch nachhakt – Dennis M. fällt zur Frage, was ihn vor dem Raub seelisch so belastet haben könnte, nichts ein. „Da gibt es nichts zu ergänzen“, sagt der 37-Jährige. Richterin Schönfelder guckt irritiert.

Richterin: "Die Hosen runterlassen"

Warum macht der Angeklagte so zu? Hat nicht gerade sein Verteidiger die Verurteilung seines Mandaten wegen Raubes in nur einem minderschweren Fall als Ziel postuliert? Sollte der 37-Jährige jedoch, wie angeklagt, wegen schweren Raubes verurteilt werden, droht ihm eine Mindeststrafe von fünf Jahren. „Wenn Sie auf einen minderschweren Fall kommen wollen“, sagt Schönfelder dann auch, „müssen Sie die Hosen runterlassen, dann muss die Maske runter.“

Dennis M. hingegen reagiert auf die Fragen zunehmend gereizt. Er sagt: „Ich werde nicht um einen minderschweren Fall betteln. Ich stehe zu meiner Tat. Und wenn ich sechs Jahre bekomme, dann sind es eben sechs Jahre.“

Ex-Marinesoldat und Personenschützer

Vor Gericht sitzt am Donnerstag ein muskulöser Mann mit kahlem Schädel und tätowiertem Handrücken. Ein Ex-Marinesoldat, geschult im Nahkampf und darin „Menschen innerhalb von zwei Sekunden mit den bloßen Händen zu töten“, wie er auf Nachfrage bestätigt. Er war als Mitglied der Bordeinsatzkompanie vor der Küste Libanons an einer UN-Mission beteiligt – dabei habe er auch sein Leben riskiert. Zudem arbeitete der kampfsporterprobte Mann als Personenschützer in Beirut.

Nach zehn Jahren bei der Bundeswehr heuerte er Ende 2015 bei der Hamburger Justiz an. Er arbeitete dann als Justizvollzugsbeamter in der JVA Billwerder und im Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis. Als er am 28. Februar die Tat beging, war er Justizvollzugsbeamte auf Probe.

"Völlig unbegreifliche Tat"

Über seinen Verteidiger räumt Dennis M. den Überfall ein. Eine Tat, die für ihn heute „völlig unbegreiflich“ sei. Am 28. Februar habe er bei dem recht günstigen Juwelier an der Eppendorfer Landstraße nach einem Hochzeitsgeschenk für seine Verlobte gesucht. Ein Ring, eine Uhr, Schmuck. So etwas in der Art, entweder als Präsent oder als Wertanlage. Er habe sich zunächst von einer Verkäuferin beraten lassen und das Geschäft nach einiger Zeit verlassen. „Dann bin ich aus mir unerklärlichen Gründen zurückgekommen“, so Dennis M.

Was weiter passiert sei, wisse er nicht. Er wisse nur noch, wie er die Tür geöffnet und wie er den Laden wieder verlassen habe. „Ich hatte einen Blackout.“ Seltsam: Obgleich der Angeklagte die Überwachungskamera in dem Geschäft zuvor erspäht haben will, verbarg er sein Gesicht beim Überfall nicht. Im Gegenteil: Er blickte, wie auf den Fahndungsbildern gut zu erkennen ist, direkt in die Kamera.

Beute: vier Armbanduhren

Was zwischen dem Betreten und dem Verlassen des Geschäfts passiert ist, hat die Staatsanwaltschaft anhand der Bilder und Zeugenaussagen rekonstruiert. Demnach ließ er sich zehn Minuten nach seinem ersten Besuch bei dem Juwelier erneut von einer Verkäuferin beraten. Im hinteren Bereich sprühte er plötzlich zwei Angestellten Tierabwehrspray ins Gesicht und flüchtete mit seiner Beute: vier hochwertigen Armbanduhren im Wert von 14.700 Euro. Seine Opfer erlitten Reizungen der Augen und der Nasenschleimhaut.

„Es tut mir unendlich leid“, sagt Dennis M. Geplant habe er den Überfall aber nicht. Das Pfefferspray habe er eigentlich immer bei sich gehabt – zum Schutz seines Hundes, ein Mops, gegen „die Kampfhunde der Halbstarken“ in seinem Wohnort Neumünster. Im übrigen sei das Spray noch das „mildeste Mittel“ gewesen. Hätte er hingegen seine Kampfkünste eingesetzt, hätte es „böse enden“ können.

Vom Justizbeamten zum Räuber

Warum der Justizbeamte plötzlich zum Räuber wurde, bleibt komplett im Dunkeln. Zum Tatzeitpunkt war Dennis M. finanziell gut abgesichert, verdiente rund 2300 Euro netto. Einen Monat später – ein Tag nach Start der Öffentlichkeitsfahndung – nahmen Beamte den 37-Jährigen in seiner Wohnung fest. Dabei führte er sie zu den Luxus-Uhren, die unangetastet in jener Sporttasche lagen, die er auch beim Überfall benutzt hatte. Versetzt hatte er das Raubgut bis dahin nicht – ein Umstand, der den gesamten Fall noch rätselhafter erscheinen lässt. Zurzeit sitzt der ehemalige Schließer in der JVA Neumünster ein – die Behörden hatten sich aus guten Gründen gegen eine Inhaftierung in seiner alten Wirkungsstätte Hamburg entschieden.

Seiner Verlobten, die im Zuschauerraum sitzt, wirft Dennis M. am Donnerstag immer wieder schmachtende Blicke zu. Auch die Hochzeit mit der Bulgarin hat er fest im Blick. Am 23. September sollen die Glocken läuten. Im Knast.