Unternehmer

Reinhold von Eben-Worlée: Leise Töne, starke Stimme

Reinhold von Eben-Worlée in der Teeküche seiner Firma.

Reinhold von Eben-Worlée in der Teeküche seiner Firma.

Foto: Andreas Laible

Er kämpft für die deutschen Familienunternehmer. Gern unauffällig und dabei am liebsten immer wirkungsvoll.

Hamburg. Reinhold von Eben-Worlée ist kein Mann der lauten Töne. Sicher, wenn es um die Belange seines Unternehmens oder die des Mittelstandes geht, dann engagiert er sich, wo er kann. Doch lieber im Hintergrund, in inoffiziellen Gesprächen oder Runden. Nicht in Interviews oder Talkshows. Wie viel Gewicht seine Einwände dennoch oder gerade deshalb haben, hat sich in diesem Frühjahr gezeigt. Der Hamburger Unternehmer kritisierte die neue nationale Industriestrategie von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), die der Anfang Februar veröffentlich hatte – und war damit über Wochen bundesweit in den Medien präsent.

„Das hat mit einem Interview angefangen und sich schnell wellenförmig ausgebreitet“, sagt von Eben-Worlée (62). Was der Minister da verfasst habe, sei dermaßen gegen die Interessen des Mittelstandes, da habe er in seiner Funktion als Präsident des Verbandes Die Familienunternehmer (rund 6000 Mitgliedern) einfach einschreiten müssen. „Besonders die Förderung von nationalen Staatskonzernen und das Thema Wettbewerbsrecht bereiten mir dabei Sorgen. Nach Wunsch des Ministers soll das quasi per Dekret ausgehebelt werden können“, sagt der Hamburger. Er hat seitdem dreimal mit Altmaier zusammengesessen. „Der Minister hat versprochen, das Projekt drastisch zu überarbeiten.“

Engagement für die Familienunternehmer

Jeden Tag investiert Eben-Worlée Zeit und Kraft in die Vermittlungsarbeit zwischen Unternehmern und Politik. „Es ist wichtig, für seine Interessen einzustehen“, sagt er. „Alle Entscheidungen nur der Politik zu überlassen, halte ich für sehr gefährlich.“ Immer seien die großen Gefahren für die Wirtschaft eher von dort ausgegangen. „So kann man zumindest versuchen, ein wenig Einfluss auf die Demokratie zu nehmen.“

Neben seinem Engagement für die Familienunternehmer ist von Eben-Worlée unter anderem auch im Verband der chemischen Industrie, im UV Nord (Vereinigung der Unternehmensverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein), in der Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg und im Hamburger Übersee-Club aktiv. Sein Motto: Nicht sagen, die anderen sollen sich kümmern, sondern selbst anpacken.

Die großen Fragen dieser Zeit

Aber nicht nur das treibt ihn an. Ihn beschäftigen die großen Fragen dieser Zeit. Da ist zum Beispiel die Energiewende. „Ich bin der festen Überzeugung, dass die Bundesregierung hier auf dem Irrweg ist“, sagt der Hamburger und spricht von massiven Steuer- und Abgabeverschwendungen. „Wir werden die selbst gesteckten Ziele beim CO2-Ausstoß nie erreichen, wenn wir so weitermachen wie bisher“, so von Eben-Worlée, der schon seit Jahren ein Elektroauto fährt. Zu langsam seien die Entscheidungsprozesse in der Politik, zu spät seien die Dimensionen dieser Fragen erkannt worden. „Jetzt wird umgesteuert. Viel zu spät.“

Aber auch die Entscheidungen hier in der Hansestadt beobachtet er genau. Schließlich ist hier der Sitz seines Familienunternehmens, das mit seinen drei Sparten sowohl getrocknete Rohstoffe wie Tees, Gemüse und Gewürze für die Nahrungsmittelindustrie herstellt und veredelt, aber auch die Kosmetik- und Chemieindustrie mit synthetischen Harzen und Zusatzstoffen beliefert. Hier lebt er mit seiner Frau. Hier hat er seine drei Töchter in einer Doppelhaushälfte in Alsterdorf großgezogen.

Ausbildung zum Industriekaufmann

Und hier wurde er 1957 als Jüngster von drei Geschwistern geboren. Dass er die Firma von seinem Vater Albrecht eines Tages übernehmen würde, war nicht von vornherein klar. „Ich kann mich nicht erinnern, dass die Firmennachfolge zu Hause ein Thema gewesen wäre“, sagt er. Sein Vater sei bis heute mit Leib und Seele Unternehmer und habe das den Kindern täglich vorgelebt. „Natürlich wurde über das gesprochen, was gerade in der Firma passierte. Aber er hat nie versucht, einen von uns in das Unternehmen rein zu reden.“

So absolvierte der junge Mann nach dem Abitur erst einmal eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei der Aurubis AG. Erste Auslandserfahrung sammelte er in der Provinz an der portugiesischen Grenze, wo er ein Industrievolontariat in einer Gemüsefabrik absolvierte, mit der das Worlée Geschäftsbeziehungen pflegte. Zurück in Deutschland, zog er nach Berlin, um Lebensmitteltechnologie an der Technische Fachhochschule zu studieren. „Damit hatte ich genau die beiden Bereiche kennengelernt, die für unser Unternehmen von Bedeutung sind. Ich habe das Beste aus zwei Welten mitgenommen.“

Keine Unternehmerromantik verbreiten

Aber erst danach sei der Plan in ihm gereift, ins Familienunternehmen einzusteigen. Sein Vater habe ihm aber erst einmal „offen und ehrlich“ gesagt, was dies bedeute. Keine Illusionen machen, keine Unternehmerromantik verbreiten. „Er wollte einfach deutlich machen, welch große Verantwortung mit großem Risiko das ist. Und dass man durch die komplexe Gesetzgebung als Inhaber quasi täglich gefühlt mit einem Bein vor Gericht steht.“

Den jungen Mann konnten alle diese Einwände nicht abschrecken. 1984 stieg er bei seinem Vater ein. Arbeitete zuerst ein Jahr im firmeneigenen Labor. Danach auf den verschiedenen Stationen des Unternehmens: Einkauf, Verkauf, Außendienst und dann eine kleine firmeneigene Fabrik in Lübeck. Klingt wie eine eigene kleine Ausbildung. Später folgte die Leitung des Werks in Lauenburg. Parallel dazu begann der junge Mann bereits, sich in den einzelnen Verbänden zu engagieren. „Hier habe ich viel lernen können.“ Denn wie man eine Firma leitet, die heute jährlich einen Umsatz von rund 300 Millionen Euro erwirtschaftet und 600 Mitarbeiter beschäftigt, das bekommt man in keinem Studium und in keiner Ausbildung vermittelt.

Er fährt bescheiden einen Elektro-Golf

1995 stieg von Eben-Worlée zum Partner und Geschäftsführer auf. Heute hält er 85 Prozent der Anteile, sein Vater die restlichen 15. Albrecht von Eben-Worlée kommt mit seinen mittlerweile 95 Jahren noch immer jede Woche im Schnitt an vier Tagen ins Büro. Der Sohn will es anders machen. „Spätestens mit 62 fängt man an zu planen, wie es weitergehen soll“, sagt er und lehnt sich zurück. Er habe das Ziel, künftig eine bessere Work-Life-Balance zu erreichen. Dazu gehört, dass er sich nun Stück für Stück aus einigen Ämtern zurückziehen will. Das Präsidentenamt für die Familienunternehmer beispielsweise will er höchstens weitere vier Jahre machen. Andere Aufgaben gibt er noch in diesem Jahr ab. Weitere sollen folgen. Auch aus der eigenen Firma, so hat er sich es zumindest vorgenommen, will er sich früher zurückziehen, als es sein Vater getan hat. „Irgendwann braucht die nächste Generation freie Bahn“, sagt er. So schön der enge Austausch bis heute sei. „Ich möchte später nicht meinen Nachfolgerinnen immer über die Schulter gucken.“

Der Unternehmer befindet sich allerdings auch in einer komfortablen Situation. Seine drei Töchter zeigen bisher alle Interesse an den Belangen der Firma. Die Älteste beendet gerade ihren BWL-Masterstudiengang in München. Die Zweite studiert Logistic and Supply Chain Management, und die Jüngste hat in diesem Jahr Abitur gemacht und wird in den kommenden Wochen eine kaufmännische Ausbildung in Hongkong beginnen. „Bilanzen lesen werden sie also alle eines Tages können“, sagt er und lacht. Praktika im eigenen Unternehmen haben die drei natürlich längst absolviert. Alles andere mussten sie sich übrigens selbst organisieren. Hilfe vom Papa – Fehlanzeige. Von Eben-Worlée ist wichtig zu betonen: „Sie werden sich hier allerdings nicht ins gemachte Nest setzen können.“ Es gebe nichts geschenkt, den Erfolg sollen sich die Mädchen selbst erarbeiten.

Konkrete Pläne

Für sich selbst hat von Eben-Worlée auch Pläne. Ziemlich konkrete sogar. „Ich möchte noch einmal neu anfangen,“ sagt er. „Noch einmal etwas aufbauen.“ Als Kapitalinvestor Start-ups begleiten. Oder als Berater. „Es gibt so viel zu tun. Ich werde mich sicherlich nicht langweilen.“ Und schließlich sei da ja auch noch seine Frau Ulrike. Die habe ihm nun über 30 Jahre den Rücken zu Hause freigehalten. „Es ist an der Zeit, dass wir auch wieder mehr zusammen unternehmen. Reise machen, die Welt erkunden.“

Bis dahin will er versuchen, jede freie Minute mit ihr im Ferienhaus an der Schlei zu verbringen. Die Familie hat das Haus in der Nähe von Kappeln seit vielen Jahren gemietet. Besitz scheint den Hamburger nicht zu interessieren. Sein Elektroauto ist ein schlichter Golf. Dort an der Schlei liegt an einem Steg ein Boot, mit dem von Eben-Worlée an den Wochenenden im Sommer gern mal rausfährt. Eine kleine Plastikjolle, wie er berichtet. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. „Nirgends kriege ich den Kopf so klar wie dort oben.“ Um sich dann am Montagmorgen wieder voller Energie in die Arbeit zu stürzen. Für die Firma. Für die Mitarbeiter. Für den Mittelstand.

Nächste Woche: Klaus Uphoff, Chefplaner der neuen U-Bahnlinie 5