Hamburg

Am AK Barmbek zerkochen Ärzte Lebertumore

Facharzt Dr. Georgios Makridis in einem OP-Saal im Asklepios Klinikum Barmbek. Links liegt die Apparatur für die Mikrowellenablation.

Facharzt Dr. Georgios Makridis in einem OP-Saal im Asklepios Klinikum Barmbek. Links liegt die Apparatur für die Mikrowellenablation.

Foto: Roland Magunia

Spezialisten des Krankenhauses setzen bei der Leberkrebs-Behandlung zunehmend auf Mikrowellenablation.

Hamburg.  Die Apparatur, die Leben retten kann, liegt eingeschweißt unter einer Folie auf einer DIN-A3-großen Pappe. Weiße Schläuche, Kunststoff-schellen – auf den ersten Blick gleicht das Ensemble einem Kinderspielzeug. Doch der unscheinbare Inhalt kostet knapp 1000 Euro, weshalb Dr. Georgios Makridis für Demonstrationszwecke die Verpackung nicht aufreißen darf. Bestimmt ist sie allein für den Einmal­gebrauch, geöffnet wäre der Inhalt nicht mehr zu verwenden.

Als der Leberchirurg der Asklepios Klinik Barmbek den Abendblatt-Reportern erklärt, wie die Apparatur funktioniert, hört seine Patientin Ilse Müller (60, Name geändert) aufmerksam zu. Dass die Bürokauffrau wieder hoffen darf, den Kampf gegen den Leberkrebs zu gewinnen, hat sie maßgeblich der sogenannten Mikrowellenablation zu verdanken. Dabei wird eine Sonde unter Ultraschall-Kontrolle in die betroffene Stelle der Leber eingeführt. Ein angeschlossenes Gerät erhitzt die Sonde nach dem Mikrowellenprinzip, der Tumor wird regelrecht zerkocht.

Leber im Bauchraum bewegen

Häufig manövrieren Mediziner die Sonde unter Ultraschallkontrolle mittels eines kleinen Schnitts durch die Haut in die Leber. Das Team im AK Barmbek öffnete dagegen Ilse Müllers Bauchraum mit einem sechs Zentimeter großen Schnitt – ein Verfahren, das nur eine Handvoll Kliniken in Deutschland beherrscht. Der Grieche ballt seine rechte Faust, um den Vorteil dieser Methode zu demonstrieren: „Wir können im Bauchraum die Leber bewegen, um die Sonde ganz präzise einzuführen.“ Der Chirurg legt sich das Organ passend hin wie ein Elfmeterschütze den Ball auf den Punkt.

Der feine Unterschied: Ein verschossener Strafstoß kann eine Meisterschaft, einen Pokal oder den Klassenerhalt kosten. Für die Patienten im Zentrum für chirurgische Erkrankungen der Leber in Barmbek geht es sehr oft um Leben und Tod.

Jeder zweite Patient stirbt

Bei Leberkrebs, weltweit eine der häufigsten bösartigen Tumorerkrankungen, ist die Prognose besonders ungünstig. Oft wird der Tumor zu spät erkannt. Unbehandelt stirbt jeder zweite Patient innerhalb von sechs Monaten. Nach einer Lebertransplantation liegt die Überlebensrate nach vier Jahren bei 75 Prozent.

Ilse Müller gehört zu den typischen Betroffenen. 2004 wurde bei ihr Hepatitis C diagnostiziert, eine durch ein heimtückisches Virus ausgelöste Infektionskrankheit, gegen die es keine Impfung gibt. „Wahrscheinlich habe ich mich bei einer Blutübertragung im Ausland infiziert“, sagt sie. Das Virus greift über viele Jahre die Leber an, richtet schwere Schäden in dem Organ an, durch das jede Minute 1,5 Liter Blut gepumpt werden. Die größte Drüse des Menschen, 1,5 Kilogramm schwer, entgiftet den Körper, niemand kann ohne Leber überleben.

Alles wird im Team besprochen

Auch Ilse Müller handelte sich durch die Hepatis C zunächst eine Leberzirrhose, dann den bösartigen Tumor ein. „Wir mussten handeln“, sagt Georgios Makridis. Eine Chemotherapie kann bei dieser Tumorart nicht heilen, sondern nur – falls sie denn anschlägt – das Leben der Betroffenen verlängern.

Möglich wäre eine Teilresektion gewesen, also das Entfernen der vom Tumor betroffenen Leberbestandteile. Denn die Leber wächst nach, der verbliebene Organrest kann die ursprüngliche Größe binnen kurzer Zeit wieder erreichen. In diesem Falle wäre die Operation aber sehr riskant gewesen, weil die Patientin viel Gewebe verloren hätte. „Im Zusammenhang mit ihrer Leberzirrhose wäre das potenziell lebensbedrohlich gewesen“, sagt Makridis.

Die Entscheidung für das schonendere Verfahren der Mikrowellenablation fiel nach intensiven Gesprächen mit der Patientin in der Tumorkonferenz unter der Leitung von Professor Dr. Karl-Jürgen Oldhafer. „Wir besprechen so etwas immer im Team, auch mit Experten aus der Radiologie und der Onkologie“, sagt Makridis.

Kontrollen bislang unauffällig

Im August 2017 operierte das Team der Barmbeker Klinik unter der Leitung von Professor Oldhafer, ein Eingriff, bei dem es auf den Millimeter ankommt. Der Chirurg muss die Sonde extrem präzise einführen, um den Tumor wirklich vollständig zu verkochen, ohne zu viel gesunde Lebersubstanz zu zerstören.

Bei Ilse Müller stehen die Vorzeichen gut, dass die Operation gelungen ist. Die Kontrollen in Abständen von drei Monaten blieben bislang unauffällig. Dennoch warnt Makridis vor zu großer Euphorie: „Diese Erkrankung ist alles andere als trivial.“ Der Tumor könne doch wieder zurückschlagen. Zudem sei das Organ durch die Zirrhose unwiderruflich geschädigt.

Lebertransplantation ist risikoreich

Deshalb bleibt Ilse Müller auch auf der Transplantationsliste. Sollte der Tumor doch zurückkehren, könnte sie von der Organspende eines Verstorbenen oder von einem Teil der Leber eines Gesunden profitieren. Allerdings gilt diese Organverpflanzung als extrem schwierig, die Komplikationsrate durch Abstoßungsreaktionen, Infektionen oder Nichtfunktion ist nicht zu unterschätzen. „Und es gibt nach einer Lebertransplantation keinen Plan B“, sagt Georgios Makridis: „Wenn eine Nierentransplantation nicht den erhofften Nutzen bringt, kann man immer noch zur Dialyse zurück.“

Ilse Müller hofft umso mehr, dass ihr eine Transplantation weiter erspart bleiben wird. Entsprechend angespannt ist sie vor jeder Kontrolluntersuchung: „Da mache ich mir doch jedes Mal große Sorgen.“