Mitten ins Herz – Hermann Reichenspurner und John Neumeier

Choreograph und Ballettdirektor John Neumeier (r.) und Chirurg Prof. Hermann Reichenspurner im Hotel Elyéee

Choreograph und Ballettdirektor John Neumeier (r.) und Chirurg Prof. Hermann Reichenspurner im Hotel Elyéee

Foto: Marcelo Hernandez

Es ist eine Premiere für zwei der bekanntesten Hamburger: John Neumeier, Ballett-Chef von Weltrang, und Hermann Reichenspurner, Chirurg von Weltrang, sprechen erstmals in einem gemeinsamen Interview über ihr Leben und ihre Arbeit, ihre erste Begegnung – und ihre Pläne, nach 15 Jahren eindlich zusammenzuziehen.

Hamburg. Als kurz vor Beginn des Gesprächs im großen Festsaal des Hotels Grand Elysée durchgesagt wird, dass ganz vorn noch fünf Plätze frei sind, springen ein paar Frauen aus den hinteren Reihen auf. Laufen, ja stürmen durch den langen Gang, um sich direkt vor der Bühne hinzusetzen. Und strahlen, als sie es geschafft haben.

Nein, in diesem Text geht es nicht um ein Popkonzert. Es geht um das erste gemeinsame Interview von Hamburgs Ehrenbürger John Neumeier (80), legendärer Chef des Hamburg Balletts, und seinem Ehemann Hermann Reichenspurner (60), nicht weniger legendärer Herzchirurg aus dem Universitätsklinikum Eppendorf. Was heißt hier Interview? Das Gespräch, das für den Abendblatt-Podcast „Entscheider treffen Haider“ im Elysée-Hotel aufgezeichnet wurde, war ein Ereignis: Der Festsaal des Elysée war ausverkauft, 600 Zuschauer und Zuhörer wollten dabei sein. Sie erlebten zwei Männer, die sehr offen, tiefgründig und unterhaltsam über ihr (gemeinsames) Leben sprachen. Über die Liebe zur Musik und die Liebe an sich, über ihre Leidenschaft für die Arbeit und für Hamburg, über das Herz und das Hirn. Und alles beginnt mit einer vermeintlich simplen Frage …

Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Hermann Reichenspurner: Ich kam 2001 nach Hamburg. Damals haben Freunde von mir gesagt: Du musst hier nicht nur in die Oper gehen, was ich sowieso immer getan habe, du musst auch ins Ballett gehen. Bei einer der Aufführungen im Ballettzentrum lief mir John dann im Foyer über den Weg. Und ich dachte: Man kann ja mal Hallo sagen. Ich habe mich vorgestellt und ihm meine Visitenkarte gegeben. Das kam zu dem Zeitpunkt nicht so gut an, weil John vor einer Vorstellung immer sehr konzentriert ist.

John Neumeier: Ich war völlig irritiert, muss ich ehrlich sagen. Ich war wirklich konzentriert, und dann kam dieser Mann auf mich zu und redete. Ich dachte: Was will der eigentlich? Er gab mir seine Karte und sagte: Wenn Sie mal eine medizinische Frage haben, rufen Sie mich ruhig an.

Und das haben Sie dann getan?

John Neumeier: Am Ende der Spielzeit bin ich nach einer Gala-Vorstellung zu Hause hingefallen und mit dem Kopf auf einen Tisch geschlagen. Ich blutete, und meine Haushälterin meinte, dass ich ins Krankenhaus müsste. Krankenhaus? Da dachte ich an diesen Mann, der mir seine Karte gegeben hatte. Ich habe ihn angerufen, bin ins Universitätsklinikum Eppendorf gefahren. Und da hat dann eine ganze Truppe von Ärzten auf mich gewartet. Die Platzwunde ist genäht geworden, und Professor Reichenspurner sagte: In ein paar Wochen müssen die Fäden gezogen werden. Als es so weit war, musste ich aber nach Florenz. Deshalb habe ich noch mal im UKE angerufen und Professor Reichenspurner gefragt, ob er jemanden in Florenz kennt, der die Fäden ziehen könnte.

Hermann Reichenspurner: Und ich habe versprochen, dass ich mich erkundigen werde.

John Neumeier: Um dann wenig später zurückzurufen und zu sagen: Es tut mir leid, ich habe niemanden in Florenz gefunden, der das machen kann. Ich werde selber kommen.

Und Sie haben dann tatsächlich in Florenz die Fäden gezogen?

Hermann Reichenspurner: Natürlich.

Und sind dann gleich wieder nach Hause gefahren?

Hermann Reichenspurner: Ich bin schon wieder nach Hause gefahren, aber nicht gleich.

Sie haben erst Ende vergangenen Jahres geheiratet, obwohl Sie damals schon 14 Jahre zusammen waren. Der Grund war angeblich, dass Sie keinen Termin gefunden haben …

Hermann Reichenspurner: Das stimmt. Wir haben viel darüber gesprochen, schon lange bevor es die Ehe für alle gab. Irgendwann habe ich dann zu Johns Assistentin gesagt: Wir schaffen es nicht, wir finden keinen Termin. Da hat die Assistentin gesagt: Soll ich das mal in die Hand nehmen? Und ein paar Tage später hieß es dann: Ihr heiratet am 21. Dezember.

Was Sie beide seit so langer Zeit verbindet, ist eine unglaubliche Leidenschaft für Ihre Berufe und für das Herz.

Hermann Reichenspurner: Ein Leben voller Leidenschaft ist gut fürs Herz. Das Schlimmste fürs Herz ist das, was wir als negativen Stress bezeichnen: wenn man in dem, was man macht, keine Erfüllung findet, wenn es einen frustriert. Wenn man Erfüllung in seinem Job findet, ist das eher gut fürs Herz. Wir beide sind so zufrieden, weil wir glücklich sind mit dem, was wir machen.

John Neumeier: Jeder Tag ist ein Abenteuer. Ich könnte nicht arbeiten, wenn ich jeden Tag das Gefühl hätte, das Gleiche zu tun. Dieses Abenteuer, jeden Abend ein Stück auf der Bühne lebendig werden zu lassen, ist fantastisch.

Deshalb haben Sie Ihren Vertrag als Chef des Hamburg Balletts auch bis 2023 verlängert; Sie werden dann 84 Jahre alt sein. Herr Reichenspurner, wird so etwas vorher besprochen?

Hermann Reichenspurner: Grundsätzlich ist unsere langfristige Planung, dass John 120 Jahre alt wird und ich 100 (lacht). Es war seine Entscheidung, der Beruf ist seine Erfüllung, deshalb unterstütze ich ihn komplett. Es gibt viele Ballettkompagnien auf der ganzen Welt, die sich gefreut hätten, wenn John in Hamburg aufgehört hätte, weil er dann ihnen zur Verfügung gestanden hätte.

Ist die Gefahr nun ein für alle Mal gebannt, lieber Herr Neumeier, dass Sie Hamburg irgendwann doch noch verlassen?

John Neumeier: Man weiß ja nie.

Sie haben mal gesagt, dass der Moment kommen kann, in dem Sie feststellen: Ich muss doch noch einmal was anderes machen.

John Neumeier: Das denke ich fast jeden Tag. Wenn ich so etwas nicht denken würde, würde ich wahrscheinlich nicht in Hamburg bleiben. Man muss jeden Tag infrage stellen, das hält dich frisch.

Kann man als Herzchirurg auch so lange im Job bleiben, bis 84?

Hermann Reichenspurner: Es gibt dafür ein paar berühmte Beispiele; zwei amerikanische Herzchirurgen haben bis 86 beziehungsweise 91 operiert. Ich persönlich halte das für keine gute Idee. Mein Job braucht eine extreme Feinmotorik und ein gutes Auge, deshalb ist es eher nicht sinnvoll, bis ins hohe Alter zu operieren. Aber man kann ja auch auf andere Weise Arzt bleiben.

Sie wollten eigentlich was anderes werden ...

Hermann Reichenspurner: Als Kind wollte ich Opernsänger werden, mein Großvater war ausgebildeter Tenor.

Was war die erste Schallplatte, die Sie sich gekauft haben?

Hermann Reichenspurner: Das 1. Klavierkonzert von Beethoven, das ich bis heute mitdirigieren kann. Meine Eltern waren keine großen Fans von klassischer Musik. Während sie vor dem Fernseher saßen, habe ich über einen Kopfhörer immer und immer wieder Beethoven gehört.

Sie haben sogar Schallplatten mit klassischer Musik gesammelt.

Hermann Reichenspurner: Das stimmt, und die Sammlung gibt es auch noch.

Wie viele Schallplatten haben Sie?

Hermann Reichenspurner: Ich habe keine Ahnung. Aber John hat 14.000 Bücher, so viele Schallplatten habe ich lange nicht.

John Neumeier: Es sind inzwischen 15.000.

Ich habe gehört, dass Ihre Sammlung rund um das Ballett insgesamt 30.000 Exponate umfasst.

John Neumeier: So ungefähr kommt das hin. Und die Sammlung wächst täglich. Gestern war zum Beispiel ein sehr guter Tag. Es gab eine tolle Auktion in Frankreich mit Briefen von berühmten Choreografen. Es waren 18 Lose. Ich habe sie alle bekommen. Es war sehr spannend.

Ihr Haus muss für die Sammlung viel zu klein sein.

John Neumeier: Das ist es.

Ist das auch der Grund, warum Sie beide auch als Ehepaar immer noch nicht zusammenwohnen? Kein Platz?

Hermann Reichenspurner: Wir sind gerade zusammen mit der Stadt auf der Suche nach einer größeren Räumlichkeit für die Sammlung. Und dann ist es Zeit, zusammenzuziehen.

John Neumeier: Das ist eigentlich noch sehr geheim.

Hermann Reichenspurner: Wir wollen verschiedene Dinge zusammenführen. Wir brauchen Räume, in denen die Sammlung ausgestellt wird, wir brauchen aber auch Platz für Johns Archiv und die Bibliothek. Und all das wollen wir für Wissenschaftler der Universität zugänglich machen.

Wenn ich jetzt die Frage stellen würden, was Sie, Herr Neumeier, mit dem Geld gemacht haben, das Sie verdient haben …

John Neumeier: … dann müssten Sie nur zu mir nach Hause kommen. Da könnten Sie es sehen.

Hermann Reichenspurner: Wenn man sich den Wert der Sammlung heute anschaut, hätte John sein Geld gar nicht besser investieren können.

John Neumeier: Aber ich würde niemals etwas verkaufen.

Welche Rolle spielt Geld überhaupt in Ihrem Leben?

Hermann Reichenspurner: In der Medizin haben wir zum Glück in den vergangenen Jahren eine Umverteilung erlebt. Die Zeiten, in denen Chefärzte Millionen gescheffelt haben, sind vorbei, und das ist auch richtig so. Trotzdem haben wir bei uns im Krankenhaus immer noch verschiedene Berufsgruppen, die zu wenig verdienen, und das ist ungerecht. Ich möchte an vorderster Front die Pflegekräfte nennen. Sie werden zu schlecht bezahlt, und wir müssen aufpassen, dass wir überhaupt noch Menschen finden, die in der Pflege arbeiten wollen. Ich bin der Meinung, dass die Pflegekräfte mindestens 30 Prozent mehr verdienen sollten als heute.

John Neumeier: Ich bin nicht Tänzer geworden, um viel Geld zu verdienen. Ich wollte es werden, weil ich es werden wollte, ja, musste. Als ich Ballettdirektor wurde, war ich ganz überrascht, wie viel Geld mir dafür gezahlt wurde. Das war toll. Aber ich habe noch nie einen Job gemacht wegen des Geldes. Und wenn man dann viel Geld verdient, hat meine eine große Verantwortung, wie man damit umgeht, was man mit dem Geld macht, damit sich etwas in dieser Welt ändert.

Wie machen Sie das eigentlich mit der Steuerklasse?

Hermann Reichenspurner: Wir werden gemeinsam veranschlagt, aber der Steuerberater meinte, dass das bei uns beiden keinen Unterschied macht.

Sie, Herr Reichenspurner, sind ja sehr oft im Ballett. Waren Sie, Herr Neumeier, auch schon mal im OP?

John Neumeier: Nein.

Hermann Reichenspurner: Er würde in den entscheidenden Momenten sowieso die Augen zumachen. Ich genieße es auf jeden Fall, seinen Aufführungen zuzusehen.

John Neumeier: Ich bin so voller Bewunderung für das, was Hermann und seine Kollegen machen. Wenn er erzählt, dass er ein Herz und eine Lunge in einer Nacht transplantiert hat, bin ich sprachlos. Es bewegt mich, dass es Menschen möglich ist, so etwas für andere Menschen zu machen.

Für Sie ist das alltäglich, Herr Reichenspurner?

Hermann Reichenspurner: Nicht immer. Das Beispiel, von dem John spricht, war eine Transplantation von einem Herzen und beiden Lungen. Wenn Sie dann vor einem komplett leeren Brustkorb stehen, in dem nur noch die Speiseröhre zu sehen ist, haben Sie schon eine Hochachtung vor dem, was Sie machen. Der Patientin geht es übrigens gut. Da verspürt man eine große Dankbarkeit.

Sie sind beide in Ihren Bereichen Führungskräfte. Was können Sie voneinander lernen?

John Neumeier: Ich kann von Hermann lernen, wie man sehr präzise mit dem Messer umgeht …

Hermann Reichenspurner: Wobei ich meine Mitarbeiter selten mit dem Messer bedrohe … Aber neulich habe ich mich so geärgert, dass ich ausnahmsweise einmal richtig ausgeflippt bin, und danach habe ich John gefragt, wie er in der Situation gehandelt hätte. Wir achten schon beim anderen darauf, dass kein Sonnengott-Phänomen entsteht.

John Neumeier: Wir sind beide sehr emotional mit dem verbunden, was wir machen, und reagieren deshalb sehr subjektiv. Deshalb können wir gut darüber sprechen, was man im Zweifel falsch gemacht hat.

Wie ist der Ton beim Ballett und im Operationssaal?

Hermann Reichenspurner: Die Zeiten, in denen Chirurgen rumgeschrien und mit den Skalpellen um sich geworfen haben, sind vorbei, Gott sei Dank. Klare Ansagen sind wichtig, aber der Ton ist es auch. Ich kann durchaus auch mal streng sein, gehe grundsätzlich aber sehr freundschaftlich mit Mitarbeitern um. Denen soll es ja auch Spaß machen, mit mir zusammenzuarbeiten.

John Neumeier: Tänzer muss man nicht zu etwas zwingen, sie tanzen, weil sie tanzen wollen. Es ist nicht mein Job, Menschen zu etwas zu zwingen. Weil ich viel Spaß an dem habe, was ich tue, sind mir Humor und Fröhlichkeit in den Proben sehr wichtig.

Sie haben in jedem Ihrer Operationssäle Musikanlagen, Herr Reichenspurner. Das heißt, Ihre Kollegen müssen Ihre Lieblingsmusik mit anhören …

Hermann Reichenspurner: Der Operateur entscheidet. Ich höre klassische Musik beim Operieren, bin da aber relativ flexibel. Bei Routine-Eingriffen läuft NDR Kultur oder Klassik Radio. Bei ganz schwierigen Operationen bringe ich immer dieselbe CD mit, was meine Mitarbeiter etwas wahnsinnig macht: das Wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach. Das ist eine Musik, bei der ich zu maximaler Konzentration fähig und gleichzeitig völlig entspannt bin. Aber sobald ich den Saal verlasse, kommt moderne Musik, das dauert keine zwei Sekunden.

Gibt es dann auch Helene Fischer oder Rammstein?

Hermann Reichenspurner: Ja, absolut. Wir haben auch Kollegen, die Hardrock hören, aber solange sie ihren Job gut machen, habe ich nichts dagegen. Und der Patient ist ja in Narkose, den stört es nicht.

Sie sind beide Alphatiere, Anführer. Wie ist das privat?

Hermann Reichenspurner: Privat sind wir ganz anders. Über Pfingsten haben wir ein paar Tage freigehabt, waren mit Freunden unterwegs und haben genossen, dass die gesagt haben, wo es langgeht. Privat lassen wir uns gern treiben.

Sie wirken in der Kombination aus Zurückhaltung bei gleichzeitiger Top-Leistung wie Bilderbuch-Hanseaten. Dabei sind Sie gar keine Hamburger …

Hermann Reichenspurner: Ich komme aus München, bin seit 2001 in Hamburg. Ich hatte 2009 das Angebot, in meine Heimat zurückzugehen, habe aber abgelehnt. Einer der Gründe ist, dass Hamburg die schönste Stadt Deutschlands ist. Die Art der Menschen, ihre Zurückhaltung verbunden mit der extrem hohen Professionalität, fasziniert mich viel mehr als Schickimicki anderswo. Die Bereitschaft der Hamburger, Institutionen wie ihr Herzzentrum und ihre Ballettschule zu unterstützen, ist einzigartig. In München reden viele immer nur davon, machen aber nichts. Außerdem bekommen wir einen tollen Neubau des universitären Herzzentrums!

Herr Neumeier, als Sie 1973 nach Hamburg gekommen sind – was wussten Sie über die Stadt?

John Neumeier: Ich wusste überhaupt nichts. Ich bin aus Amerika nach London gekommen und wollte eigentlich nach Dänemark. Und auf einmal hatte ich ein Angebot, nach Stuttgart zu gehen. Ich hatte vorher noch nie diesen Namen in meinem Leben gehört. Aber ich dachte, ich gehe da mal hin, Stuttgart ist näher an dem schönen Florenz …

Florenz ist wirklich nicht unwichtig in Ihrem Leben ...

John Neumeier: Ich dachte damals, ich bleibe ein Jahr in Deutschland. Ich kam in Stuttgart an, jemand hat mich am Bahnhof abgeholt und gesagt: Wir müssen schnell nach Sindelfingen. Und ich habe gesagt: Sindelfingen, was ist das? Es war sehr komisch. Und dann habe ich erst das Angebot erhalten, nach Frankfurt und später dann nach Hamburg zu kommen. Hier bin ich geblieben, weil hier der Ort ist, an dem ich meine Vision am besten verwirklichen kann.

Und an dem Sie Ehrenbürger geworden sind.

John Neumeier: Das war sehr bewegend, aber auch witzig. Zwischendurch gab es das Gerücht, dass ich Hamburger Ehrenbürger werde, meine Haushälterin hat mir schon gratuliert. Aber ich war es noch gar nicht. Ich wurde es erst anderthalb Jahre später.

Wie geht das eigentlich: Das Telefon klingelt, der Bürgermeister ist dran und sagt: Sie sind Ehrenbürger?

John Neumeier: Ja. Mehr oder weniger. Und er hat mir gesagt, dass ich künftig in Hamburg umsonst mit der U-Bahn fahren könne.

Hermann Reichenspurner: Aber er fährt nie U-Bahn.

Herr Reichenspurner, als John Neumeier Ehrenbürger wurde, waren Sie schon an seiner Seite. Aber haben Sie ihn eigentlich noch als aktiven Tänzer erlebt?

Hermann Reichenspurner: Ja, das habe ich, und das macht mich sehr stolz. Wir waren in Baden-Baden, es waren vier Aufführungen der Matthäus-Passion, in denen er den Jesus getanzt hat. Man muss sich das vorstellen: Jede Aufführung dauert viereinhalb Stunden. Damals war ich nicht nur Partner und Mentor, sondern auch ein bisschen Arzt, weil das für John schon extrem anstrengend war.

Sie waren damals schon über 60.

John Neumeier: Ich weiß es nicht. Ich messe Dinge nicht in Jahren, ich messe Dinge in Ereignissen oder in Menschen, die man trifft. Ich weiß nicht, wie alt ich war.

Sie haben sich zu Beginn Ihrer Laufbahn ja auch mal etwas jünger gemacht ...

John Neumeier: Ich hatte Angst, dass ich in London nicht in die Ballettschule aufgenommen werde. Deswegen habe ich mich etwas jünger gemacht, und das ist dann so geblieben, bis Olaf Scholz zu Ehren meines 75. Geburtstages ein Senatsfrühstück geben wollte. Da musste ich dann zugeben, unter vier Augen, dass ich gar nicht 75 bin. Er hat sehr gelacht.

Sind Sie sicher, Herr Reichenspurner, dass Sie John Neumeiers richtiges Alter wissen?

Hermann Reichenspurner: Mir hat er es ganz früh erzählt, als wir auf einem unserer ersten Urlaube in Bayern waren.

Ich habe Sie angekündigt als zwei Männer, die die Herzen der Menschen erreichen wollen …

Hermann Reichenspurner: Ohne Herz geht gar nichts, ich liebe es und finde es faszinierend. Aber dass das Gehirn das wichtigste Organ ist, darüber müssen wir nicht streiten.

John Neumeier: Ich kann die Herzen bewegen. Hermann kann sie heilen.