Prozess der Woche

Mann droht, Amok zu laufen – Richterin stellt Verfahren ein

29-Jährige will sein Geld von einem Anbieter für medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) zurückhaben und droht Mitarbeitern.

Hamburg.  Amoklauf. Dieses Wort weckt düstere, furchterregende Assoziationen. Vor dem geistigen Auge erscheint ein zu allem Entschlossener, den nur eines antreibt: so viele Menschen wie möglich zu töten. Wir erinnern uns an schockierende Szenen an amerikanischen Schulen oder beim Massenmord in Norwegen, wenn mit diversen Schusswaffen ausgerüstete Männer drauflosfeuern und ein Blutbad anrichten. Es ist kaum vorstellbar, dass jemand, dem ein Amoklauf angedroht wird, entspannt und verständnisvoll lächelnd zur Tagesordnung übergeht.

Doch Hassan M. (alle Namen geändert) scheint genau dies zu erwarten. Mit Anzug, Krawatte und Unschuldsmiene sitzt der 29-Jährige als Angeklagter vor dem Amtsgericht und wirkt so, als könne er die ganze Aufregung um seine Person nicht verstehen. Dass er im Frühjahr bei drei Telefonaten mehreren Verwaltungsangestellten einen Amoklauf angekündigt und sie damit bedroht haben soll, löst bei dem Mann nur mehr Achselzucken aus. „Bedroht soll ich jemanden haben?“, fragt er nach. „Ich habe doch nur mit jemandem telefoniert und wollte mein Geld zurück!“

Angeklagter will wissen was ein Amok ist

Der Hamburger hatte Monate zuvor seinen Führerschein abgeben müssen und sollte nun eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) absolvieren, um die Fahrerlaubnis zurückzuerhalten. Nachdem er sich für einen Anbieter entschieden und bereits 700 Euro bezahlt hatte, wollte er doch lieber zu einer anderen Firma wechseln und dort die Untersuchung vornehmen lassen. Dass die Rückerstattung der 700 Euro nicht im Handstreich geschehen konnte, schien Hassan M. nicht akzeptieren zu wollen. „Ich habe mich verarscht gefühlt“, bringt der schmale, aufgeregte Mann seine Gemütsverfassung auf den Punkt.

Erst habe er sein Anliegen am Telefon vorgetragen, „sehr höflich“, wie er meint. „Und wahrscheinlich habe ich auch gesagt, dass ich da hinkomme.“ Vielleicht, überlegt er schließlich, „bin ich doch etwas unfreundlicher geworden“. Aber bedroht habe er niemanden. „Was ist das überhaupt, ein Amoklauf?“, möchte Hassan M. definiert haben. „Dass man jemanden erschießt, zum Beispiel“, erklärt die Vorsitzende. Der Angeklagte schüttelt energisch den Kopf. „Ich bin doch kein Krimineller.“

Erstattung dauert vier bis sechs Wochen

Antje D. kannte den Mann nicht, der seinerzeit am Telefon auf sie einschrie. Die Verwaltungsangestellte hörte nur seine immer bedrohlicher klingende Stimme. „Er war vollkommen außer sich“, erinnert sich die 43-Jährige. „Er schrie, er wolle sein Geld zurück und dass er seine vier Kinder ernähren müsse. Dann drohte er mit dem Amoklauf und dass es jetzt gleich losgeht.“ Auch zwei Kolleginnen von Antje D. hatte Hassan M. diesen beängstigenden Satz schon entgegengeschleudert.

Sie könne ja verstehen, dass der Mann sein Geld brauche, meint die Zeugin. Üblicherweise nehme so ein Verwaltungsakt vier bis sechs Wochen in Anspruch. Im Fall des 29-Jährigen habe es länger gedauert. „Ich finde schon, dass das ein langer Zeitraum ist, wenn man sein Geld braucht.“

Aber eine Ankündigung eines Amoklaufs rechtfertige das nicht. „Ich habe das schon ernst genommen. Es ist ja nicht so, dass man so etwas einfach dahersagt.“ Vor Wut rasende Menschen, die etwa bei Behörden einen Mitarbeiter verletzen und sogar töten: Das hat es schließlich schon gegeben. Die Angst saß so tief, dass Antje D. an jenem Tag lieber sofort ihren Arbeitsplatz verließ. „Sicher ist sicher!“ Auch Kolleginnen der 43-Jährigen fuhren schockiert nach Hause, um sich nicht weiter in Gefahr zu bringen.

Angeklagter entschuldigte sich noch am selben Tag

Hassan M. selber muss nach seinem wütenden Auftritt gespürt haben, dass er wohl zu weit gegangen ist. Am selben Tag noch schrieb er der betroffenen Mitarbeiterin eine Mail, in der er sich für seinen Ausraster entschuldigte. „Es war zu keinem Zeitpunkt meine Absicht, Sie zu bedrohen oder Ihnen Angst zu machen“, versicherte er. Aber er habe vier Kinder, für die er sorgen müsse. Er habe sich „durch Frustration verleiten“ lassen. Später, bei einer sogenannten Gefährderansprache durch die Polizei, schien der Mann überrascht, dass die Beamten sich überhaupt der Sache angenommen hatten.

„Ich wollte doch nur mein Geld“, sagte er kleinlaut. Und jetzt vor Gericht versucht er, seine Drohung im milderen Licht erscheinen zu lassen. „Ich habe es nicht als so schwerwiegend angesehen“, sagt der Hamburger. Die Redewendung, dass er gleich „Amok laufe“, benutze er auch im Freundeskreis. „Ich meine das in dem Sinne, dass ich durchdrehe und vielleicht losschreie.“ Aber natürlich habe er die Firmenmitarbeiterin nicht töten wollen, betont er. „Die hat mir doch nichts getan!“

Die Einsicht des Angeklagten und die damalige zügige Mail, in der sich Hassan M. entschuldigt hatte, bringen die Richterin dazu, das Verfahren einzustellen. „Mit einem Amoklauf ist körperliche Gewalt gemeint. Und natürlich war das nicht der richtige Weg, wie Sie mit Ihrem Ärger umgegangen sind“, redet die Vorsitzende dem 29-Jährigen ins Gewissen. „Das nächste Mal, wenn Sie wütend sind, atmen Sie dreimal tief ein und aus.“