Golf von Oman

USA machen Iran für Angriff auf Tanker verantwortlich

"Kokuka Courageous" von der Reederei Bernhard Schulte Shipmanagement attackiert. Video veröffentlicht. EU warnt vor Eskalation.

Hamburg. Dramatische Stunden für ein Schiff mit Verbindungen nach Hamburg und die sicherheitspolitische Stabilität einer ganzen Region: Im Golf von Oman ist es zu einem schweren Zwischenfall gekommen, bei dem auch eine deutsche Reederei betroffen ist.

Zwei Tanker sind etwa 14 Meilen vor der Küste des Iran mit einem Torpedo oder einer Haftmine angegriffen worden und in Seenot geraten. Der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) sprach von einer "Bedrohung für den Frieden". Der Vorfall sei außerordentlich beunruhigend.

USA sieht Iran als verantwortlich für Angriffe

Die USA machen derweil den Iran direkt für die mutmaßlichen Angriffe auf die Schiffe verantwortlich. "Es ist die Einschätzung der US-Regierung, dass die Islamische Republik Iran verantwortlich für die Angriffe ist, zu denen es heute im Golf von Oman kam", sagte US-Außenminister Mike Pompeo am Donnerstag in Washington bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz. Diese Einschätzung basiere unter anderem auf Geheimdienstinformationen, auf den eingesetzten Waffen und auf ähnlichen Angriffen in jüngster Vergangenheit.

Auf Twitter schrieb Pompeo, die Angriffe seien eine Bedrohung für den internationalen Frieden und die Sicherheit und eine "nicht hinnehmbare Eskalation der Spannung durch den Iran". Bei einer auf Antrag der USA durchgeführten Befassung des UN-Sicherheitsrates sind die Vereinigten Staaten trotz der öffentlichen Schuldzuweisungen an Teheran offensichtlich Belege für die Verantwortung des Irans schuldig geblieben.

"Wir haben keinerlei Beweise diskutiert", sagte der kuwaitische UN-Botschafter Mansur al-Otaibi nach einem Treffen des Gremiums am Donnerstag. Kuwait steht dem Gremium momentan vor. Auch habe der Sicherheitsrat zunächst keine Maßnahmen angesichts der steigenden Spannungen beschlossen. Es müsse seiner Ansicht nach eine unabhängige und gründliche Untersuchung des Vorfalls im Golf von Oman geben.

Iran fordert Ende der "US-Kriegshetze"

Der Iran wies die "haltlose Behauptung" der USA kategorisch zurück. In einer Mitteilung der Vertretung Irans bei den Vereinten Nationen hieß es: "Der ökonomische Krieg und Terrorismus der USA gegen das iranische Volk sowie ihre massive Militärpräsenz in der Region sind weiterhin die Hauptursachen für Unsicherheit und Instabilität in der weiteren Persischen Golfregion."

Der Iran forderte: "Die USA und ihre regionalen Verbündeten müssen die Kriegshetze stoppen und die schädlichen Verschwörungen sowie die Operationen unter falscher Flagge in der Region beenden." Damit schien der Iran andeuten zu wollen, dass die USA und ihre Alliierten selber für die Angriffe verantwortlich sein könnten. Mit "Operationen unter falscher Flagge" (false flag operations) sind Angriffe gemeint, die einem Gegner in die Schuhe geschoben werden sollen, um damit etwa einen Anlass für einen militärischen Konflikt zu schaffen.

Video soll Revolutionsgarden belasten

Das US-Militär veröffentlichte ein Video, das die iranischen Revolutionsgarden belasten soll. Das US-Zentralkommando Centcom, das die amerikanischen Truppen im Nahen Osten führt, teilte am Donnerstag (Ortszeit) mit, das Video zeige, wie ein Boot der Revolutionsgarden auf den Tanker "Kokuka Courageous" zufahre. Die Menschen an Bord des iranischen Schnellbootes vom Typ "Gaschti" seien dabei "beobachtet und aufgenommen" worden, wie sie eine nicht explodierte Haftmine wieder vom Schiffskörper entfernten.

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Auf dem Video ist zu erkennen, wie sich Menschen an Bord eines Schnellbootes an der Wand eines Öltankers zu schaffen machen und von dort etwas zu entfernen scheinen. Das Boot fährt danach wieder weg von dem Tanker. Centcom sprach von einem "Haftminenangriff" im Golf von Oman.

Ein Tankschiff wird von Hamburg aus bereedert

Eines der beiden Tankschiffe ist die von der Hamburger Bernhard Schulte Shipmanagement bereederte, Methanol transportierende "Kokuka Courageous". Die Hamburger Reedereigruppe Bernhard Schulte Shipmanagement teilte am Donnerstag in Singapur in einer Dringlichkeitsmeldung mit, ihr Tanker „Kokuka Courageous“ sei bei einem "Sicherheitsvorfall" am Rumpf beschädigt worden.

21 Seeleute wurden sofort in Sicherheit gebracht; ein Besatzungsmitglied sei leicht verletzt worden, hieß es zunächst. Die Crew habe das Schiff in einem Rettungsboot verlassen und sei von einem benachbarten Schiff namens "Coastal Ace" aufgenommen worden. Der leicht verletzte Seemann habe dort Erste Hilfe bekommen. Bei den Seeleuten handele es sich ausnahmslos um Philippiner. Deutsche seien keine an Bord gewesen, sagte ein BSM-Sprecher Die Hülle des Schiffes habe auf der Steuerbordseite ein Loch. Dennoch bestehe derzeit keine Gefahr des Sinkens. Auch die Ladung sei intakt.

Schiff wird in Emirate geschleppt

Wie Bernhard Schulte Shipmanagement am Nachmittag mitteilte, sei die Besatzung der "Kokuka Courageous" von einem US-Marineschiff aufgenommen worden. "Die Crew ist in Sicherheit", so ein ein Londoner Sprecher. des in Singapur ansässigen Schiffsmanagement-Unternehmens. Er betonte, dass sich die 21 Besatzungsmitglieder nicht in Obhut der iranischen Behörden befänden. Mittlerweile sind alle 21 Seeleute wieder an Bord – einschließlich des leicht Verletzten.

Die Besatzung habe das Schiff nur aus Sicherheitsgründen verlassen. Ob es ein Feuer an Bord gegeben habe, könne er nicht sagen. "Ich weiß nicht, was wirklich passiert ist." Die Behörden in der Region würden darauf achten, dass das Schiff sicher sei. Das Schiff soll nun in den Hafen Khor Fakkan in den Vereinigten Arabischen Emiraten geschleppt werden, hieß es am Freitag.

"Das Schiff wird nicht von Deutschland aus betrieben"

Wer der Eigner ist, konnte der Sprecher nicht sagen. Angesichts von Berichten über ein deutsches Schiff erklärte die Hamburger Staatsanwaltschaft, dass sie Kontakt mit der Reederei aufgenommen habe. Dabei sei festgestellt worden: "Das Schiff wird nicht von Deutschland aus betrieben oder verwaltet", sagte Oberstaatsanwältin Nana Frombach. Die Bernhard Schulte Shipmanagement gehört zur Schulte Group, deren Holdinggesellschaft die Hamburger Bernhard Schulte GmbH & Co. KG ist.

Der Verband Deutscher Reeder zeigte sich über die Vorfälle im Golf von Oman besorgt: "Die zivile Schifffahrt, insbesondere unschuldige Seeleute, derartig feige und brutal zu attackieren, ist verantwortungslos", erklärte Verbandspräsident Alfred Hartmann. "Wir sind froh zu hören, dass zumindest kein Besatzungsmitglied schwer verletzt worden ist." Hartmann fügte hinzu: "Wir hoffen, dass sich alle Beteiligten vor Ort jetzt um Aufklärung und Deeskalation bemühen."

Die norwegische Seefahrtsbehörde bestätigte auch einen Angriff auf den Öltanker "Front Altair" im Golf von Oman. "Das Schiff ist derzeit in Brand und Maßnahmen, um die Situation zu lösen, wurden eingeleitet", hieß es gegen 11.30 Uhr in einer schriftlichen Stellungnahme. Die Behörde rief alle norwegischen Schiffe zu einer "extremen Vorsicht" im Bereich des Vorfalls auf. Auch wenn der Hintergrund der Attacken nicht vollständig klar sei, rät die Seefahrtsbehörde "allen Schiffen, eine sichere Distanz zu iranischen Gewässern zu wahren".

Schiffe der US-Navy leisten Unterstützung

Ein Sprecher der Reederei der "Front Altair" widersprach ersten Informationen, nach denen der Tanker mit 75.000 Tonnen Rohbenzin an Bord infolge des Angriffs gesunken sei. Darüber hinaus machte er noch keine weiteren Angaben zum Zustand des Schiffes und der Situation vor Ort. Die "Front Altair" fährt unter der Flagge der Marshallinseln, die norwegische Reederei hat ihren Hauptsitz inzwischen in Bermuda.

Die in Bahrain stationierte fünfte Flotte der USA berichtete von zwei Notrufen, Schiffe der Navy würden Unterstützung leisten. Die "Coastal Ace" wartet nun auf weitere Instruktionen von der United Kingdom Maritime Trade Operations, die den Verkehr von Handelsschiffen im Arabischen Meer überwachen.

Ölpreise steigen stark nach Zwischenfall

Die Ölpreise sind am Donnerstag nach den schweren Zwischenfällen mit den beiden Handelsschiffen stark gestiegen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete am Mittag 62,05 US-Dollar. Das waren 2,05 Dollar mehr als am Mittwoch. Der Preis für ein Barrel der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 1,49 Dollar auf 52,63 Dollar. Zeitweise waren die Ölpreise noch stärker gestiegen.

Der Vorfall könnte die Spannungen zwischen den USA und seinen arabischen Verbündeten einerseits sowie Iran andererseits zusätzlich anfachen. "Die USA könnten den Iran oder mit dem Iran verbündete Milizen dafür verantwortlich machen", kommentierte Commerzbank-Fachmann Carsten Fritsch. Die USA befinden sich mit Iran im Streit wegen dessen Atomprogramm. Ein Abkommen zur Eindämmung des Programms hatten die USA vor gut einem Jahr gekündigt und Wirtschaftssanktionen verhängt.

EU warnt vor vorschnellen Reaktionen

Brisant für den Ölhandel ist der Ort der Zwischenfälle: Der Golf von Oman liegt in der Nähe der Meeresenge von Hormus, der die ölreiche persische Golfregion mit dem offenen Meer verbindet. Über diese Verbindung läuft ein erheblicher Teil des weltweiten Rohöltransports per Schiff. Iran hat mehrfach gedroht, die Straße von Hormus zu blockieren. Fachleute rechnen in diesem Fall mit starken Preissteigerungen.

Die EU warnte nach den Vorfällen vor vorschnellen Reaktionen. "Die Region braucht keine weiteren Elemente der Destabilisierung und keine weiteren Spannungen", sagte die Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini in Brüssel. Das norwegische Seefahrtsamt erhöhte seine Sicherheitsstufe für das betroffene Gebiet. "Wegen der Angriffe und der unklaren Umstände" rate man Schiffen unter norwegischer Flagge, sich von iranischen Territorialgewässern fernzuhalten.

"Kokuka Courageous" von BSM bereedert

Bereits vor vier Wochen hatten die Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) Sabotageakte gegen vier Handelsschiffe im Golf von Oman gemeldet. Die USA hatte den Iran als Urheber des Angriffs beschuldigt. Teheran wies die Vorwürfe zurück.

Die "Kokuka Courageous" ist ein 170 Meter langer und knapp 27 Meter breites Tankschiff, das unter der Flagge Panamas fährt und von der BSM Bernhard Schulte Shipmanagement bereedert wird. BSM ist eine der größten deutschen Bereederungsgesellschaften, die derzeit den Betrieb von160 Massengutfrachtern, 162 Containerschiffen, 190 Chemie-Tankern und 90 Gas-Tankschiffen organisiert. BSM ist ein Teil der Schulte Gruppe mit Hauptsitz am Vorsetzen in Hamburg. Die BSM betreibt zehn Zentren fürs Schiffsmanagement weltweit.