UKE-Gesundheitsakademie

UKE-Forscher: Bei Migräne können neue Medikamente helfen

Professor Arne May leitet die Kopfschmerzambulanz am Uniklinikum Eppendorf.

Professor Arne May leitet die Kopfschmerzambulanz am Uniklinikum Eppendorf.

Foto: Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Der Hamburger Neurologe Arne May erklärte an der Gesundheitsakademie, wie man Kopfschmerzen vorbeugen und behandeln kann

Hamburg. Wenn ab und zu leicht der Schädel brummt, muss damit kein ernstes Problem verbunden sein: Kopfschmerzen erwischen fast jeden Menschen einmal. Sei es, weil wir schlecht geschlafen haben oder gestresst sind, weil wir zu wenig gegessen oder getrunken haben – oder einen über den Durst. Wer allerdings regelmäßig unter starken Kopfschmerzen leidet, sollte das ernst nehmen und diese Beschwerden abklären lassen, rät Professor Arne May, Leiter der Kopfschmerz-Ambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).

An der Gesundheitsakademie des UKE erklärte der Neurologe, wie komplex sein Forschungsgebiet ist: Mehr als 220 Kopfschmerzarten seien inzwischen bekannt. Gemeinsam haben sie, dass bei Kopfschmerzen nicht das Gehirn weh tut, denn es besitzt keine Schmerzrezeptoren. Solche Zellen sitzen dagegen etwa in den Blutgefäßen und in der Haut. Wird es an den Fingern sehr heiß, weil wir eine Herdplatte gestreift haben, reagieren die Schmerzrezeptoren darauf mit Impulsen, die über Nervenfasern zum Rückenmark und von dort aus zum Gehirn gelangen, wo uns der Schmerz bewusst wird. Dasselbe kann an den Hirnhäuten entstehen und Kopfschmerzen verursachen.

Ärzte sind auf die Unterstützung der Patienten angewiesen

Diese Wahrnehmung von Schmerzen erklärt nicht, warum genau die Kopfschmerzen so attackenartig auftreten. „Bei vielen Kopfschmerzerkrankungen haben wir immer noch nicht verstanden, wie sie entstehen“, sagte Arne May. Trotzdem könne die Medizin inzwischen vielen Betroffenen helfen.

Dabei seien Ärzte allerdings auf die Unterstützung der Patienten angewiesen: Je genauer diese ihre Beschwerden beschreiben könnten, auch mit Hilfe eines Kopfschmerz-Tagebuchs, desto eher gelinge es, eine passende Therapie zu finden, sagte May. Erster Ansprechpartner sollte der Hausarzt sein. Er schickt den Patienten gegebenenfalls zu einem Neurologen. Wenn dieser nicht mehr weiter weiß, kann er Patienten an eine spezialisierte Kopfschmerzambulanz wie jene am UKE überweisen.

Ärzte unterscheiden zwischen primären und sekundären Kopfschmerzen

Primär bedeutet, der Kopfschmerz selbst ist die Erkrankung; sekundär heißt, der Kopfschmerz ist das Symptom für eine andere Erkrankung, etwa eine Entzündung, Blutungen im Gehirn oder einen Tumor. Primäre Kopfschmerzen treten am häufigsten auf. Weit verbreitet ist die Migräne: Zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung sind nach Angaben der Deutschen Kopfschmerz- und Migränegesellschaft von dieser Erkrankung betroffen. Sie macht sich in unregelmäßigen Attacken bemerkbar, der Schmerz ist oft stechend oder hämmernd. Die Beschwerden können vier bis 72 Stunden dauern, mit Licht- und Lärmempfindlichkeit einhergehen, mit Übelkeit und Erbrechen.

Die Ursachen liegen in den Genen, wie Arne May sagte. Nur wer eine entsprechende Veranlagung habe, könne an Migräne erkranken. Wahrscheinlich, darauf deuten Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren hin, beginnen Migräne-Attacken mit einer Überaktivität von Nervenzellen im Hirnstamm. Als Auslöser der Anfälle fungieren Umwelteinflüsse, etwa Schlafmangel und Stress.

Antikörper zur Vorbeugung gegen Migräne

Bei akuten Migräne-Anfällen können bestimmte Schmerzmittel wie ASS, Ibuprofen und Paracetamol helfen. Gegen schwere Attacken wirken auch sogenannte Triptane. Ein Gebrauch von Schmerzmitteln oder Triptanen an mehr als acht bis zehn Tagen pro Monat könne jedoch entgegen der erhofften Schmerzlinderung sogar Kopfschmerzen auslösen, warnt das UKE. Ab drei Attacken pro Monat können Patienten auch prophylaktisch ein halbes Jahr spezielle Medikamente nehmen, was bei chronischen Beschwerden die Frequenz der Migräne-Attacken reduzieren kann. „Das klappt bei etwa 70 Prozent der Patienten“, sagte May. Dabei handelt es sich um Arzneien, die eigentlich für andere Zwecke entwickelt wurden, etwa um Beta-Blocker, also Wirkstoffe, die vor allem gegen Bluthochdruck eingesetzt werden, und um Antidepressiva, bei denen man dann festgestellt hat, dass sie auch gegen Kopfschmerzen wirken.

Gezielt zur Migräne-Vorbeugung entwickelt worden sind dagegen spezielle Antikörper. Sie wirken gegen einen Botenstoff namens Calcitonin-Gene related Peptide (CGRP), der bei der Migräne eine große Rolle spielt. Die Antikörper werden Patienten nur einmal im Monat gespritzt und könnten etwa 60 bis 70 Prozent der Patienten sehr gut helfen, sagte May. „Wir verschreiben diese Medikamente momentan relativ häufig.“ Dem Neurologen zufolge haben Antikörper kaum Nebenwirkungen. Nach Angaben der Deutschen Kopfschmerz- und Migränegesellschaft (DMKG) zeigen die neuen Arzneien in den bisherigen wissenschaftlichen Studien eine „gute Verträglichkeit“. Ob sich dies im klinischen Alltag bestätigen lasse, bleibe jedoch abzuwarten.

ASS und Ibuprofen nicht immer empfehlenswert

Rund drei Prozent der Menschen leiden nach Angaben der DMKG an chronischen Spannungskopfschmerzen. Diese treten am ganzen Kopf auf und fühlen sich dumpf-drückend an. Auch bei diesen Beschwerden, sagt May, sei die Einnahme von Schmerzmitteln wie ASS und Ibuprofen nur über eine relativ kurze Zeit empfehlenswert, eben weil sie Kopfschmerzen auslösen könnten. Stattdessen kann vorbeugend der Wirkstoff Amitriptylin zum Einsatz kommen.Was wirkt vorbeugend anstelle von Medikamenten, bei Migräne, bei Spannungskopfschmerz und anderen Kopfschmerzarten? Sport, insbesondere Ausdauersport, könne dabei helfen, Kopfschmerzen zu verhindern, sagt May. Das liegt womöglich etwa daran, dass Bewegung zu Entspannung beitragen kann. Ebenfalls wichtig: genügend Schlaf, eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und eine ausgewogene Ernährung. Helfen könnten zudem die sogenannte progressive Muskelentspannung nach Jacobson und eine Verhaltenstherapie. May und sein Team führen etliche Studien zu Kopfschmerzen durch. Wer daran teilnehmen möchte, kann den Forschern eine E-Mail schreiben: kopfschmerz@uke.de.