Hamburger Autorin

Leben von Wiebke Lorenz ist wie Drama aus dem Bestseller

Autorin Wiebke Lorenz in einer Buchhandlung.

Autorin Wiebke Lorenz in einer Buchhandlung.

Foto: picture alliance/dpa

Krimi oder Liebesroman – was sie schreibt, wird erfolgreich. Das bewegte Leben der bekannten Autorin aus Hoheluft.

Hamburg. Es klingt ein bisschen wie ein Männertraum. Eine Verabredung mit gleich drei Frauen auf einmal. Mit Anne Hertz, Charlotte Lucas und Wiebke Lorenz. Physisch anwesend ist an diesem Vormittag in der Bäckerei an der Hoheluftchaussee, in der wir spontan gelandet sind, weil im Lieblingscafé kein Tisch mehr zu bekommen war, aber nur Letztere. Denn Wiebke Lorenz ist gleichzeitig Charlotte Lucas und zur Hälfte auch Anne Hertz.

So erfolgreich sie unter ihrem wirklichen Namen packende Psychothriller wie zuletzt „Einer wird sterben“ schreibt, die von Krimi-Koryphäen wie Sebastian Fitzek und Melanie Raabe gepriesen werden, so stark verkaufen sich auch die Romane aus der Feder von Charlotte Lucas, die Buchhändler gern in das Regal mit der Rubrik „Happy Tears“ einsortieren. „Diese Geschichten sind immer ein bisschen bittersüß, aber am Ende wird alles gut“, sagt die 47-Jährige, die gerade mit „Fünf Sterne für dich“ das dritte Buch der Reihe vorgelegt hat.

Dann nimmt sie einen Schluck von ihrer Cola. Koffein braucht man wohl, wenn man zu den produktivsten, vielseitigsten und erfolgreichsten Autorinnen der Republik gehört. „Luzie diszipliniert mich mittlerweile ganz gut“, sagt Wiebke Lorenz über ihre sechsjährige Tochter, mit der sie in einer Altbauwohnung im Generalsviertel lebt. „Aber trotzdem schreibe ich immer noch kurz vor dem Abgabetermin die Nächte durch. Dass ich mal vier Wochen vor Deadline fertig bin, das wird nicht passieren.“

„Rosamunde Pilcher der deutschen Großstädterinnen“

An das Arbeiten im Akkord hat sich die sportliche Wahl-Hamburgerin, die vor dem Interview noch kurz joggen war, allerdings längst gewöhnt. „Herzklopfen am Fließband“ – wie die Feuilletons schrieben und dies anerkennender meinten, als es klingt – produzierte sie schon mit ihrer Schwester Frauke Scheunemann, einer ebenfalls sehr erfolgreichen (Kinderbuch-)Autorin, unter dem Pseudonym Anne Hertz. Ihr erster gemeinsamer Roman „Glückskekse“ verkaufte sich 2004 aus dem Stand heraus mehr als 350.000-mal. „Irgendwie haben wir damit einen Nerv getroffen. Wir waren selbst überrascht, wie das durch die Decke ging.“ Genau wie kurz darauf auch „Wunderkerzen“ und „Sternschnuppen“. Anne Hertz, das war plötzlich die Rosamunde Pilcher der deutschen Großstädterinnen.

Und auch das Leben der beiden Schwestern wirkte so perfekt, wie aus einem ihrer Romane entliehen. Gemeinsam mit ihren Ehemännern wohnten Frauke, die „leidenschaftliche Mutter“, und Wiebke, die „wilde Partymaus“, in einem alten Pfarrhaus in Hoheluft und lieferten einen Bestseller nach dem anderen ab. Doch hinter der schmucken Fassade – und auch das gehört zu jeder guten und zu jeder wahren Geschichte sowieso – begann es zu bröckeln. Während Frauke vier Kinder bekommt, verliert Wiebke vier Babys.

Zweimal sind die beiden Schwestern parallel schwanger. Doch an jenem Tag, als Frauke ihre neugeborene Tochter Greta aus der Klinik nach Hause bringt und im Erdgeschoss die Champagnerkorken knallen, sitzt Wiebke weinend ein Stockwerk darüber. Gerade hatte der Frauenarzt festgestellt, dass das Herz ihres Kindes nicht mehr schlägt. „Irgendwann habe ich das nicht mehr ausgehalten, ich musste da raus“, erzählt Wiebke Lorenz, deren Ehe zu diesem Zeitpunkt an der Trauer über die Fehlgeburten längst zerbrochen war. Sie zieht in ein WG-Zimmer in Altona, verfasst wie im Rausch das Psychodrama „Allerliebste Schwester“ über eine Frau, die all das hat, was sich die andere wünscht. „Ich hatte einfach das Bedürfnis, mir den ganzen Kummer einmal von der Seele zu schreiben.“

Als Schülerin schreibt sie für die Lokalzeitung

An Silvester 2009 – Wiebke Lorenz kann sich auch zehn Jahre später noch an jedes Detail erinnern, so sehr hat sich der Vorfall in ihr Gedächtnis eingebrannt – sitzt sie mit den älteren Kindern ihrer Schwester im Bus der Linie 5, sie sind auf dem Weg ins Kino am Dammtor. „Alvin und die Chipmunks“ wollen ihre Nichten so gern sehen. „Plötzlich hatte ich den Drang, den Kindern etwas anzutun. Es war total real in meinem Kopf. Ich war so erschrocken über mich selbst, dass ich dachte: Jetzt ist es so weit, jetzt drehst du durch.“ Am Kino angekommen, ruft sie sofort einen Freund an, der sie ins UKE bringt. Die Diagnose: Zwangsstörung.

Wiebke Lorenz schämt sich so sehr, dass sie ihrer Schwester nicht davon berichtet. Doch sie zieht sich zurück. Dabei war das Verhältnis zu der gut zwei Jahre älteren Frauke immer sehr eng – schon in der Kindheit im Rheinland. Geboren in Düsseldorf, wachsen die beiden Schwestern nicht weit entfernt im niederrheinischen Büttgen auf. Vater Volker konzipiert für Kaufhof und Hertie die Feinkostabteilungen und betreibt nebenbei unter anderem das Restaurant am Flughafen in Mönchengladbach und die Gastronomie in zwei großen Hallen der Stadt.

Mutter Dagmar, Lehrerin für Mathematik und Sport, stellt früh fest, dass ihre beiden Mädchen sehr kreativ sind. Die Töchter nehmen eigene Hörspiele auf und denken sich Fantasy-Märchen aus, die sie einander erzählen. Noch heute kann Wiebke Lorenz lebhaft und packend mal eben die Geschichte von „Sarah im Land von Paxikar“ zum Besten geben, die sie sich einst als 15-Jährige im Spanien-Urlaub zusammenfantasierte.

Traumstadt Hamburg

Während Frauke nach dem Abitur Jura studiert und zum deutschen Jugendstrafrecht promoviert, will Wiebke unbedingt Journalistin werden. Nach einem Austauschjahr an einer High School in Seattle, wo sie mit 16 Jahren ihren Führerschein macht, schreibt sie noch als Schülerin für eine Lokalausgabe der „Rheinischen Post“. „Da bin ich schön mit dem Auto über die Käffer gegurkt, um über ein Cello-Konzert oder eine Lesung zu berichten. Oft war das Kilometergeld dann höher als das Zeilenhonorar“, sagt Wiebke Lorenz und lacht. Den rheinischen Humor und auch die ihrer Heimatregion so oft zugeschriebene sympathische Verbindlichkeit, beides hat sie sich zweifelsohne über die Jahre in Hamburg bewahrt.

Nach dem Abitur studiert Wiebke Lorenz in Trier Germanistik, Anglistik und Medienwissenschaften – und schreibt 1998 noch während des Studiums ihren allerersten Roman mit dem Titel „Männer bevorzugt“. Ihrer Mutter legt sie bei einem Besuch in der Heimat das Skript als Geschenk verpackt vor. „Den Blick meiner Mutter werde ich auch nie vergessen“, sagt Wiebke Lorenz, lacht wieder und trinkt die Cola aus. „Meine Mutter meinte nämlich nur ganz trocken: Ein Buch? Ich dachte, das sei endlich mal deine Magisterarbeit.“ Die schreibt sie dann aber auch noch, ehe sie in ihre Traumstadt Hamburg zieht, in der Schwester Frauke zu diesem Zeitpunkt schon wohnt. „Nach Hamburg wollte ich eigentlich schon immer, da passte das gut.“

Spannende Zeit

Wiebke Lorenz volontiert beim Bauer-Verlag. „Danach habe ich dann ein bisschen Verlags-Hopping gemacht“, wie sie sagt. Man könnte es auch anders ausdrücken: Wiebke Lorenz schreibt, erst angestellt, später als freie Autorin, für quasi jede Frauenzeitschrift, die je am Kiosk erhältlich war: „Brigitte“, „Für Sie“, „Petra“, „Young Miss“, „Cosmopolitan“, „Shape“, „Joy“ … „Das war eine spannende Zeit, aber irgendwann war es dann auch genug.“

Da kam die Anfrage, ob sie nicht gemeinsam mit ihrer Schwester ein Kochbuch schreiben wolle, gerade richtig. Und weil die Zusammenarbeit für „Das Hexenkochbuch: Die moderne Zauberfrau im Tiefflug durchs Kühlregal“ so harmonisch verlief, war es nicht mehr weit bis zur Geburt von Anne Hertz. Dass aus deren Feder noch einmal ein neuer Roman entsteht, ist sehr gut möglich. Denn längst sind die beiden Schwestern einander wieder sehr nah.

Sechs Wochen in einer Kurklinik

Drei Monate nach dem Vorfall im Bus offenbart sich Wiebke endlich ihrer Schwester. „Und meine Schwester hat so wahnsinnig toll reagiert“, sagt Wiebke Lorenz. Frauke habe ihr den gerade fünf Monate alten Henri in den Arm gelegt und gesagt: „Wiebke, ich kenne dich dein Leben lang und weiß, dass du meinen Kindern niemals etwas antun würdest.“ Man ist gerührt, wenn man das hört – und Wiebke Lorenz selbst ist es bis heute auch, wie man in ihren Augen sieht. „Frauke hat mir das Vertrauen geschenkt, das ich selbst nicht mehr in mich hatte.“

Nach sechs Wochen in einer Kurklinik macht sie eine weitere Therapie – ihre eigene. Sie schreibt den Thriller „Alles muss versteckt sein“, natürlich ein Erfolg. Ja, so ganz ohne Happy End geht es bei Wiebke Lorenz weder beruflich noch privat. Mit Anfang 40, als sie die Hoffnung auf ein Kind schon fast aufgegeben hatte, wird sie schwanger. „Luzie“, sagt Wiebke Lorenz, „ist mein schönster Erfolg.“

Nächste Woche: Stefan Vorndran von Europcar