Hamburg

Familie verliert Haus bei Feuer – Bezirk verhindert Neubau

Felix Korten steht an seinem abgebrannten Haus auf einem Waldgrundstück und wartet seit einem Jahr auf eine Baugenehmigung für ein neues Haus.

Felix Korten steht an seinem abgebrannten Haus auf einem Waldgrundstück und wartet seit einem Jahr auf eine Baugenehmigung für ein neues Haus.

Foto: Michael Rauhe

Eltern und ihre fünf Kinder sind verzweifelt. Warum das Bezirksamt Wandsbek sich bisher weigert, eine Baugenehmigung zu erteilen.

Wohldorf-Ohlstedt.  Am 1. Juni 2018 haben Felix Korten und seine Familie alles verloren. Vor etwas mehr als einem Jahr ging ihr Wohnhaus in Wohldorf-Ohlstedt, „unser Paradies“, wie es der Hamburger nennt, in Flammen auf. Das denkmalgeschützte Holzhaus mit den weißen Sprossenfenstern am Lottbeker Weg brannte bis auf die Grundmauern nieder. Die Brandursache konnte bis heute nicht geklärt werden.

Felix Korten lebte dort mit seiner Lebensgefährtin Gyde Schmidt und fünf Kindern. Für das Paar war klar: Nachdem beide vor dem Feuer sehr viel Geld und Arbeit in die Sanierung des denkmalgeschützten Holzhauses gesteckt hatten, wollten sie einen Neubau auf derselben Grundfläche errichten. Doch der Bezirk Wandsbek weigert sich seit fast einem Jahr, eine Baugenehmigung zu erteilen.

2016 verkaufte die Stadt das Grundstück mit Haus

Lange hat das Glück der Patchworkfamilie nicht gewährt: 2016 hatte die städtische Saga das rustikale Haus in der sogenannten Norwegersiedlung, die 1943 für hohe NSDAP-Funktionäre gebaut worden war, zum Kauf angeboten. Für das Einfamilienhaus mit 127 Quadratmetern Grundfläche auf einem 2470 Quadratmeter großen Grundstück war ein Mindestgebot von 450.000 Euro aufgerufen. Davor hatte es die Stadt, verwaltet durch die Saga, viele Jahre an eine Familie vermietet. Korten erhielt den Zuschlag, der Preis lag deutlich über dem Mindestgebot. „Wir haben es dann in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt saniert“, sagt Korten.

Im November 2016 konnte die Familie schließlich einziehen. Die Arbeiten am Grundstück gingen weiter. Korten und seine Lebensgefährtin legten aufwendig einen Garten an. Davor hatten sie die Fällung von 43 Nadelbäumen und drei Birken beantragt. „Das Bezirksamt hat das auch genehmigt, weil diese Bäume viel zu dicht standen“, so Korten. Im Bescheid des Bezirks vom Februar 2017 heißt es: „Der Allgemeinzustand ist teilweise so schlecht, dass die Verkehrssicherheit nicht mehr gegeben ist.“

Als vor einem Jahr das Feuer auf dem Waldgrundstück ausbrach, war Korten gerade in der Schweiz. Seine Lebensgefährtin Gyde, die mit ihrer Zwillingsschwester in der Ratiopharm-Werbung bekannt wurde, war an dem Tag zu einer Restauranteröffnung in Eppendorf eingeladen. Die fünf Kinder der Patchwork-Familie im Alter zwischen zwei und 14 Jahren waren glücklicherweise ebenfalls nicht im Haus. Im Einsatzbericht der Feuerwehr heißt es: „Als die ersten Kräfte die Brandbekämpfung aufbauten, war der Brand in dem Holzhaus so weit ausgebreitet, dass ein Innenangriff nach kurzer Zeit abgebrochen werden musste.“ Und weiter: „Da das Dach durch die Brandeinwirkung zum Teil eingestürzt war, musste der Rest des Gebäudes abgetragen werden, um einen Löscherfolg zu erreichen. Mehr als 70 Kräfte von Berufsfeuerwehr, Freiwilligen Feuerwehren und des Technischen Hilfswerks waren im Einsatz.“

Die Familie verlor ihre ganze Habe

Dem Hausherrn blieben nur eine Jeans und drei Hemden, die er im Gepäck hatte, seiner Lebensgefährtin das, was sie auf dem Leib trug. Sämtliche persönlichen Gegenstände, Fotos, Erinnerungsstücke und der gesamte Hausstand verbrannten.

„Wir hatten uns auf dem Grundstück unseren Traum erfüllt und ein kleines Paradies errichtet“, sagt Felix Korten. Aus dem Paradies wurden sie nun, wenn es nach dem Bezirk Wandsbek geht, dauerhaft vertrieben. Denn laut dem Bebauungsplan Wohldorf-Ohlstedt 17 (für den Geltungsbereich zwischen Alster, Wohldorfer Wald, beidseitig der U-Bahn-Linie und Bredenbektal) ist auf dem Grundstück keine Wohnbebauung vorgesehen, sondern Wald. Darin wird zwar ausdrücklich der Bestandsschutz für die Norwegersiedlung und auch für Kortens Haus bestätigt, allerdings besteht das Gebäude ja nicht mehr. Die Familie hat also ein Haus gekauft, dessen Wert sich im wahrsten Sinne des Wortes in Rauch aufgelöst hat. Die Kredite muss die Familie trotzdem weiter bedienen.

"Da das Bestandsgebäude abgebrannt und somit der Bestandsschutz (trotz Denkmalschutz) erloschen ist, liegt hier kein Recht auf eine Neubebauung vor, da durch die Ausweisung des Bebauungsplanes kein Baurecht besteht“, heißt es in einer Antwort auf eine Bauvorbescheidanfrage. Eine Befreiung sei nicht vertretbar.

Korten, der selbst Anwalt ist, hat eine Fachanwältin eingeschaltet. Er ist verzweifelt und kann nicht verstehen, dass die Stadt, die das Wohnhaus jahrzehntelang selbst vermietet hatte, ihm nun den Wiederaufbau verweigert. Der Hamburger sagt aber, dass er als Anwalt „grundsätzliches Vertrauen in die Rechtsordnung“ habe. Die Behörde hätte ihn sonst durch ihre Vorgehensweise längst dazu gebracht, aufzugeben. Denn seit Juli vergangenen Jahres warte er nun auf die Entscheidung, ob er überhaupt wieder auf seinem Grundstück bauen dürfe – unabhängig von der konkreten Ausgestaltung. Das Denkmalschutzamt hat ihm nämlich bestätigt, dass es keinerlei Vorgaben mehr macht, weil das Denkmal ja zerstört ist.

„Zu dem genannten Grundstück gibt es ein laufendes Verfahren, daher kann sich das Bezirksamt zurzeit zu den Einzelheiten nicht äußern“, sagte Jacob Löwenstrom, Sprecher des Bezirksamts Wandsbek auf Abendblatt-Anfrage. Für Thilo Kleibauer, Bürgerschaftsabgeordneter und Vorsitzender der CDU Volksdorf/Walddörfer, ist die harte Haltung des Bezirks unverständlich: „Das Haus wurde in gutem Glauben gekauft, es ist nachvollziehbar, dass die Käufer Bestandsschutz erwarten, wenn das Haus unverschuldet niederbrennt.“ Die Stadt habe das Grundstück zudem zu einem hohen Preis verkauft.

Die Familie wohnt seit einem Jahr provisorisch

Die Zielsetzung des Bebauungsplans sei gewesen, städtebauliche Fehlentwicklungen durch immer mehr Mehrfamilienhäuser in dem Gebiet zu verhindern und die gewachsene Struktur zu erhalten, so Kleibauer. Doch das abgebrannte Haus müsse Bestandsschutz haben.

Die Familie, die durch den Brand obdachlos wurde, kam damals kurzfristig bei der Schwester von Gyde Schmidt außerhalb von Hamburg unter. Danach mietete die Familie ein Haus in Rade und vorübergehend ein Haus in der Nähe der Brandruine. „Der Mietvertrag endet aber im Oktober, da müssen wir wieder raus“, sagt Korten. Eine neue Bleibe habe die Familie noch nicht.

Der Bezirk sieht es offenbar nicht überall ganz so eng mit dem Schutz der Grünflächen wie am Lottbeker Weg. Der Bebauungsplan-Entwurf Wohldorf-Ohlstedt 19 liegt westlich des Bredenbekkamps – dort sind 73 Wohneinheiten, bestehend aus Einfamilien-, Doppel-, Reihen- und Mehrfamilienhäusern geplant.

Am Mittwochabend tagte der Bauausschuss im Bezirk, der nach Abendblatt-Informationen den Neubau befürwortet hat. Nun wächst der Druck auf die Verwaltung, den Bauantrag zu genehmigen.