Journalismus

Bürgermeister Tschentscher rät Medien zu Reporter-Eid

Bürgermeister Peter Tschentscher sprach bei der Verleihung des Nannen-Preises ein Grußwort.

Bürgermeister Peter Tschentscher sprach bei der Verleihung des Nannen-Preises ein Grußwort.

Foto: Franziska Krug / Getty Images für Gruner + Jahr

Anlässlich der Verleihung des Nannen-Preises in Hamburg suchen die Medien nach Wegen aus der Glaubwürdigkeitskrise.

Hamburg. Als Marietta Slomka 2009 den Nannen-Preis moderierte, hatten Videodesigner und Bühnenbildner im Schauspielhaus alle Elemente für eine aufwändige Show geliefert, inszeniert von einem eigens engagierten Regisseur. Zehn Jahre später wurde am Sonnabend der wichtigste deutsche Journalistenpreis in der schmucklosen Kantine des Verlagshauses Gruner und Jahr am Baumwall übergeben. „Ein Preis ohne Lametta“, sagte die ZDF-Moderatorin bei der Begrüßung der 300 Gäste. Zu diesem Auftrag sei sie nur als Mitglied der Jury gekommen: „Irgendwann haben mich alle angeguckt.“

Zurück zu den Wurzeln – das war die Reaktion auf die Glaubwürdigkeitskrise der deutschen Medien, befeuert durch den Fälschungsskandal beim „Spiegel“: Der Reporter Claas Relotius hatte über Jahre bei seinen großen, oft preisgekrönten Reportagen getäuscht, Protagonisten und Dialoge frei erfunden. Erst am Freitag hatte „Der Spiegel“ den Abschlussbericht einer eigens eingesetzten Kommission vorgelegt (das Abendblatt berichtete).

„Wir hatten versprochen, die Hosen herunterzulassen“, sagte Steffen Klusmann, seit Januar Chefredakteur des Nachrichtenmagazins, im Rahmen der Preisverleihung. Der Bericht sei für sein Blatt „ziemlich verheerend“. Dennoch sei es richtig gewesen, den Bericht in voller Länge über 17 Seiten im aktuellen „Spiegel“ abzudrucken, obwohl für das Magazin sehr unangenehme Details nun öffentlich geworden seien.

Bürgermeister Tschentscher empfiehlt Reporter-Eid

Auch Bürgermeister Peter Tschentscher nahm bei seinem Grußwort Bezug auf die „Affäre Relotius“. Vielleicht wäre es gut, eine Art hippokratischen Eid auch bei Reportern einzuführen, empfahl der frühere Laborarzt in Bezug auf die von „Stern“-Gründer Henri Nannen postulierte Verpflichtung zur Wahrheit.

Eingebettet wurde der „Nannen-Preis“ erstmals in einen „Tag des Journalismus“. Den ganzen Tag konnten sich Interessenten über die Medienlandschaft informieren, von der Zukunft der Tageszeitung bis zur Prüfung von Fakten und Fotos. Dazu gab es Gespräche mit Prominenten wie Schauspieler Til Schweiger oder dem Komiker Atze Schröder.

Den Egon-Erwin-Kisch für die beste Reportage erhielt Bastian Berbner für seinen Beitrag "Ich und der ganz andere", der im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" erschienen war. Den Sonderpreis der „Stern“-Chefredaktion bekam das Autorenteam der „Süddeuschen Zeitung“ (Annette Ramelsberger, Rainer Stadler, Wiebke Ramm und Tanjev Schultz) für die jahrelange journalistische Aufarbeitung des NSU-Prozesses in München. Als der Schauspieler Sebastian Koch die eindrücklichen Passagen verlas, wurde es ganz still in der Kantine. Ein großer Moment der Wahrhaftigkeit.