Hamburg

Berührende Begegnung mit Holocaust-Überlebendem

Zum Jahrestag des Kriegsendes hörten knapp 400 Hamburger Schüler dem Mahner Ivar Buterfas-Frankenthal zu.

HafenCity.  Still sitzen, zuhören und aufmerksam sein, ohne einmal aufs Handy zu gucken: Dass das richtig gut geht, zeigten knapp 400 Schüler am Mittwochmorgen in der Hauptkirche St. Katharinen. Sie waren ergriffen von dem, was ihnen Ivar Buterfas-Frankenthal zu erzählen hatte. Es herrschte eine ganz aufmerksame Stimmung in der Kirche. Die Jugendlichen wissen: Es wird nicht mehr viele Gelegenheiten geben, einem Überlebenden des Holocaust zu begegnen.

Eine Zahl, bei der man schlucken muss

Am 8. Mai, dem Jahrestag des Kriegsendes, war Ivar Buterfas-Frankenthal zusammen mit seiner Frau Dagmar in der Kirche, um auf Einladung von Bischöfin Kirsten Fehrs als Zeitzeuge mit den Schülern ins Gespräch zu kommen. Ganz ohne pädagogischen Unterton geht so ein Treffen nicht und so verdeutlichte Schulsenator Ties Rabe (SPD) vorab noch einmal die Schrecken des Zweiten Weltkrieges mit einer Zahl: „Mehr als 60 Millionen Menschen sind dem Krieg zum Opfer gefallen – so viel wie es Italiener auf der Welt gibt.“ Eine Zahl, bei der man schlucken muss.

Einer, der diesen Schrecken überlegt habt, ist der 86-Jährige Buterfas, 1932 in Hamburg als Sohn eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter in Horn geboren, wurde er als Halbjude nach nur wenigen Wochen Schulzeit der Schule verwiesen. Als es in Hamburg zu gefährlich wurde, floh seine Mutter mit ihm und seinen acht Geschwistern nach Polen zu Verwandten, kehrte später zurück. Sie überlebten versteckt in einem Keller. Nach dem Krieg jobbte Buterfas auf dem Bau und baute sich eine Existenz als Bauunternehmer auf. Seit jeher setzt er sich für die Aufarbeitung der NS-Diktatur ein und erhielt für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz und den Weltfriedenspreis. Er hat sich für die Gedenkstätte des KZ-Auffanglagers Sandbostel in Niedersachsen und für den Erhalt der Ruine der Hamburger Nikolaikirche als Mahnmal eingesetzt.

Flucht vor der Gestapo

Das Gespräch mit jungen Leuten sucht er immer wieder seit 20 Jahren. Dass knapp 400 Mädchen und Jungen von mehr als zwölf Schulen gekommen waren, um ihn zu treffen, berührt ihn, sagt er. An seiner Seite oben auf der Kirchenempore sitzt die ganze Zeit seine Frau Dagmar. Seit 64 Jahren sind die beiden verheiratet. „Süß“, raunt ein Mädchen von der Wichern-Schule aus der zweiten Bank. Süß ist das Ehepaar Buterfas-Frankenthal, was er aber zu erzählen hat, das hinterlässt Spuren bei den Schülern. Buterfas erzählt, davon wie die Willy-Brandt-Straße nach dem Krieg aussah. „Dort war keine Straße mehr. Ihr habt keine Ahnung, wie es in Hamburg 1945 aussah.“ Er erzählt von seiner Flucht, davon wie sein Schulleiter dem sechsjährigen Ivar sagte: „Ab morgen brauchst du gar nicht mehr in die Schule zu kommen“, wie er und seine Geschwister der Gestapo entkommen sind. „Die hatten ein goldenes Hakenkreuz am Revers.

Das bekamen diejenigen, die mehr als 100 Menschen umgebracht hatten.“ In einem Kellerloch wartete die Familie auf die Befreiung. „Der Jude ist schlimmer als eine Laus im Haus. Juden durften nach 18 Uhr nicht mehr auf die Straße, sie durften keine Katze, keinen Hund, keinen Kanarienvogel halten“, sagt Buterfas. Und keiner hat etwas gewusst? „Alles das haben eure Ur-Großeltern gesehen“, sagt er. Er sei nicht hier für Schuldzuweisungen, er könne verzeihen und vergeben. „Vergessen aber nicht.“ Er mahnt die Jugendlichen: „Ihr sollt helfen, unsere wunderbaren Grundwerte zu erhalten. Ihr tragt ein hohes Maß an Verantwortung. Erhaltet diese Demokratie!“

Geschichte hautnah

Ob er sich als Jude oder Christ fühle, möchte jemand wissen. Diese Frage habe er sich nie gestellt. Seine Kindheitserinnerung? „Wie unsere Hausgans meinem Vater Nägel aus der Hosentasche klaute. Aber auch, dass sein kleiner Bruder einen Granatsplitter hatte und als Halbjude nicht operiert werden durfte.“ Wie soll man Nazis begegnen? „Lasst euch nicht mit Neonazis ein.“ Dass er in der Diskussion nicht immer direkt auf die Fragen der Schüler einging: Das verzeihen im die Schüler und Lehrer.

Viel entscheidender ist doch, mit ihm gemeinsam hautnah Geschichte zu erleben. „Ich finde es überwältigend. Man hat nicht häufig die Gelegenheit, mit so einem Menschen ins Gespräch zu kommen. Und irgendwann gibt es diese Gelegenheit nicht mehr“, sagt Johanna Osthdorf (14) vom Gymnasium Finkenwerder. Ihre Mitschülerin Adara Molter aus der 8. Klasse sagt: „Wir können das, was er erzählt hat, weitertragen an unsere Kinder. So etwas kann uns kein Geschichtsbuch nahebringen.“