Hamburg gestern und heute

St. Nikolai und die vergessenen Bombenopfer

Die zerstörte St. Nikolai-Kirche im Jahr 1951, bevor das Kirchenschiff gesprengt wurde

Die zerstörte St. Nikolai-Kirche im Jahr 1951, bevor das Kirchenschiff gesprengt wurde

Foto: ullstein bild

Vor 40 Jahren wurde aus der Kirchenruine ein Mahnmal gegen den Krieg. Zur Einweihung hatte man die Jüdische Gemeinde nicht eingeladen.

Hamburg. Die Ereignisse, deren Andenken diese Stätte dient, sind so schrecklich und so entsetzlich, dass man leicht geneigt sein könnte, sie durch Verdrängung oder bewusstes Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen zu bewältigen“, sagt Hamburgs Erster Bürgermeister Hans-Ulrich Klose bei der Festveranstaltung am 21. Juli 1977. Man hat sich in der Ruine der Hauptkirche St. Nikolai an der Ost-West-Straße versammelt, nur wenige Tage vor der 34. Wiederkehr der Bombennächte im Juli 1943, in denen weite Teile der Stadt und auch dieses riesige Gebäude zerstört worden waren. Nun weiht der Bürgermeister hier ein Mahnmal ein, das künftig an die Opfer des Krieges erinnern soll.

Dazu sind Repräsentanten der Kriegsbeschädigten und der Kriegsblinden eingeladen, auch Vertreter der Handelskammer, der Apothekenkammer und sogar der Zahnärztekammer. Allerdings ist niemand auf die Idee gekommen, auch die Opferverbände einzuladen und Vertreter der Jüdischen Gemeinde. Hier ist durchaus noch etwas von der Verdrängung der Nachkriegszeit zu spüren, die der Bürgermeister in seiner reichlich verquasten Rede zur Sprache bringt.

Im Vordergrund steht das Gedenken an die Bombenopfer

Im Vordergrund steht das Gedenken an das eigene Leiden, an die Bombenopfer. Dass es eine Kausalität zwischen Naziherrschaft und Bombenkrieg gibt, zwischen Holocaust und Feuersturm, das scheint an diesem sonnigen Julitag des Jahres 1977 noch keineswegs im allgemeinen Bewusstsein verankert zu sein. Nun enthüllt man eine Gedenktafel und ein schwarz-weißes Mosaik nach dem Entwurf des Malers Oskar Kokoschka. Es hat den Titel „Ecce homo“ („Seht, welch ein Mensch“) und korrespondiert mit dem ebenfalls von Kokoschka geschaffenen Altarbild für St. Nikolai am Klosterstern, das den Titel „Ecce Homines“ („Seht, die Menschen!“) trägt.

Die 1874 vollendete Hauptkirche St. Nikolai war einer der größten Kirchenbauten in Europa. Zur Zeit ihrer Fertigstellung galt der 147,3 Meter hohe Turm sogar als weltweit höchstes Bauwerk. Der von dem britischen Star-Architekten Georg Gilbert Scott errichtete Sakralbau war zudem eines der bedeutendsten Beispiele der neugotischen Architektur. Die Kirche ersetzte einen mittelalterlichen Vorgänger, der dem Großen Brand im Mai 1842 zum Opfer gefallen war.

Selbst als Ruine wirkte die im Juli 1943 zerstörte neugotische Hauptkirche noch ungemein eindrucksvoll. Trotzdem war bis in die 1970er-Jahre hinein noch nicht geklärt, was aus ihr werden sollte. St. Petri, St. Jacobi, St. Michaelis und St. Katharinen, die gleichfalls schwer beschädigten Hauptkirchen, waren längst wiederaufgebaut worden, doch die Ruine der Nikolaikirche stand fast noch immer so da, wie sie der Krieg hinterlassen hatte. Das heißt, Teile davon hatte man schon 1951 gesprengt und beräumt.

Die Kirche hatte im Krieg ihr Einzugsgebiet verloren

Ein Jahr später trafen sich Vertreter der Hansestadt und der Landeskirche, um in einem Ausschuss Konzepte für die Zukunft von St. Nikolai zu entwickeln. Einen Wiederaufbau, noch dazu in dem in der Nachkriegszeit kaum geschätzten Stil des Historismus, befürworteten weder die Staats- noch die Kirchenvertreter. Das hatte auch mit dem evangelischen Selbstverständnis zu tun, für das eine Kirche ohne Gemeinde kaum denkbar erscheint.

Da aber die Wohnhäuser des ehemaligen Kirchspiels 1943 zerstört und in der Nachkriegszeit fast ausschließlich durch Bürogebäude ersetzt worden waren, hatte St. Nikolai sein eigentliches Einzugsgebiet verloren. Schon der Wiederaufbau von St. Katharinen war nur möglich geworden, weil man den Sakralbau am Hafen zur Universitätskirche erklärt und dadurch mit einer neuen Funktion versehen hatte.

Die ehemalige Kirchengemeinde St. Nikolai hatte schon bald nach Kriegsende in Harvestehude ein provisorisches Domizil gefunden. Hier, am Klosterstern, war auch 1962 der von Dieter und Gerhard Langmaack entworfene Neubau der Hauptkirche eingeweiht worden. Dass man die Ruine zur Gedenkstätte erklären könnte, hatte der spätere Hamburger Landesbischof Hans-Otto Wölber 1956 vorgeschlagen, vermutlich angeregt durch das Beispiel der im November 1940 durch einen deutschen Luftangriff zerstörten St. Michael’s Ca­thedral in Coventry, deren Ruine bald nach Kriegsende zum Mahnmal erklärt worden war.

Vorbild Coventry

1957 legte der Senat Pläne für ein Mahnmal vor, denen ein Architektenwettbewerb folgte. Der Siegerentwurf, der von dem Architekten Gerhard Laage stammte, sah vor, an der Turmruine eine von außen sichtbare Dornenkrone aufzuhängen. Die Ausführung scheiterte aber an der Finanzierung, und nach der Flutkatastrophe von 1962 wurde das Projekt noch einmal um Jahre aufgeschoben.

Erst zehn Jahre später wurde ein Förderkreis gegründet

Gegenüber den ursprünglichen Planungen war die dann vor 40 Jahren eingeweihte Gedenkstätte mit dem Kokoschka-Mosaik im Turm nur eine Minimallösung. Auf Kritik stieß auch die Tatsache, dass die Schutz- und Sicherungsmaßnahmen am Turm nur notdürftig vorgenommen werden konnten. Es vergingen noch einmal zehn Jahre, bis der Unternehmer Ivar Buterfas im Dezember 1987 den Förderkreis „Rettet die Nikolaikirche“ initiierte.

Damit wurden die Weichen für eine Entwicklung gestellt, die schließlich zur heutigen Gestaltung führte. Sie eröffnet den Besuchern mit dem gläsernen Fahrstuhl im Turm einerseits einen grandiosen Ausblick auf die Stadt, zugleich aber wurde die Ruine als Hamburgs zentraler Erinnerungsort für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 gestaltet.

Im Museum, das 2013 eine aufwendige Neugestaltung erfuhr, gibt es eine Dauerausstellung unter dem Titel „Gomorrha 1943 – Die Zerstörung Hamburgs im Luftkrieg“, zugleich wird aber über die Ursachen und Folgen des Luftkriegs in Europa informiert und über die Frage, welche Bedeutung die Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkriegs hat und welche Lehren sich daraus ziehen lassen – Themen, die bei der Eröffnung des Mahnmals vor 40 Jahren bestenfalls eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben.