Schulentwicklungsplan

Hamburg baut 39 neue Schulen – und erweitert 118 bestehende

Grundschüler in der ersten Klasse – hier wird zuerst ausgebaut.

Grundschüler in der ersten Klasse – hier wird zuerst ausgebaut.

Foto: dpa Picture-Alliance / Jens Kalaene / picture alliance / ZB

Die Hansestadt erwartet 25 Prozent mehr Schüler bis 2030. Der Senat will vier Milliarden Euro investieren. Die Pläne im Detail.

Hamburg. In den Schulen der Hansestadt wird es eng. Deshalb macht Hamburg jetzt Ernst mit dem Neu- und Ausbau: Weil die Zahl der Schülerinnen und Schüler bis 2030 aktuellen Prognosen zufolge um 40.000 steigt, will der Senat in den kommenden elf Jahren 39 neue Schulen gründen und rund ein Drittel der bestehenden Schulen erweitern.

Das sieht der Entwurf eines neuen Schulentwicklungsplans (SEPL) vor, den Schulsenator Ties Rabe (SPD) am Dienstagmittag in der Hansestadt vorgestellt hat. Dafür stellt die Landesregierung bis 2030 voraussichtlich rund 4 Milliarden Euro bereit. „Eine solche Gründungswelle hat es seit dem Babyboom der 1960er Jahre nicht mehr gegeben“, sagte Rabe. Das zeige: „Hamburg blickt optimistisch in die Zukunft.“

Anstieg vor allem wegen höherer Geburtenraten

Die Hansestadt wächst – und das macht sich auch bei den Kindern bemerkbar: So stieg die Zahl der unter einjährigen Kinder zwischen 2011 und 2018 um zehn Prozent. Hält der Trend an, steigt die Zahl der Kinder etwa viermal stärker als die Einwohnerzahl, so die Schulbehörde. Bis 2030 rechnet sie mit 25 Prozent mehr Schülern als heute.

Eine Vergrößerung der Klassen ist für Rabe keine Option. „Deshalb wollen wir zusammen mit den Schulen einen Weg finden, für 25 Prozent mehr Schüler auch 25 Prozent zusätzliche Klassenräume zu schaffen“, so der Schulsenator. „Rund zwei Drittel des Anstiegs der Schülerzahlen sind auf die gestiegenen Geburtenzahlen zurückzuführen, nur ein Drittel auf Zuwanderung oder Wohnungsbau. Deshalb können wir die neuen Schulangebote nicht auf Neubaugebiete beschränken, sondern brauchen zusätzliche Schulangebote auch in eng bebauten innerstädtischen Gebieten, in denen nur wenige neue Wohnungen gebaut werden.“

Erst werden die Grundschulen ausgebaut

Rabe plant, bis 2025 vorrangig die Grundschulen auszubauen, weil die geburtenstarken Jahrgänge hier zuerst erwartet werden. Bis 2028 sollen dann auch die weiterführenden Schulen ausgebaut sein. Geplant sind insgesamt 19 neue Grundschulen und 20 weiterführende Schulen – darunter fünf Gymnasien, zwölf Stadtteilschulen und drei noch nicht näher bestimmte weiterführende Schulen.

Außerdem sollen insgesamt 76 Grundschulen, 24 Stadtteilschulen und 18 Gymnasien erweitert werden – sie bekommen durchschnittlich jeweils eine zusätzliche Parallelklasse. Weil einige Schulen bereits bisher zusätzliche Klassen einrichten mussten und deshalb sehr groß wurden, hatte es vor Ort Protest von Eltern gegeben. Rabe versicherte nun: „Wir haben darauf geachtet, dass Hamburgs Schulen eine vernünftige Größe haben. Grundschulen sollten nach dem Ausbau durchschnittlich knapp vier Parallelklassen haben, Gymnasien und Stadtteilschulen rund fünf.“

Mehr als sechs Parallelklassen gebe es in Zukunft nur in vier Grundschulen (derzeit drei), mehr als sieben Parallelklassen nur in sechs weiterführenden Schulen (derzeit vier). Außerdem sollen die neuen Unterrichtsräume mit einer Fläche von mehr als 80 Quadratmetern deutlich großzügiger bemessen sein als der heutige Durchschnitt.

Größtes Wachstum in der Region Süderelbe

In einigen Gebieten der Stadt wächst die Zahl der Schüler stärker als in anderen. Größere Steigerungen prognostiziert das Statistikamt Nord in der Region Süderelbe um bis zu 75 Prozent, in Hamburg-Mitte mit der HafenCity um bis zu 60 Prozent sowie in den Kerngebieten von Harburg, Eimsbüttel und Altona um 40 bis 45 Prozent.

Neue Schulen entstehen aber in allen Bezirken: sieben in Hamburg-Mitte, jeweils sechs in Altona, Eimsbüttel und Hamburg-Nord, jeweils fünf in Bergedorf und Harburg und vier in Wandsbek. Geplant ist ein Zuwachs an Klassenzügen um 30 Prozent, um Reserven für unvorhersehbare Entwicklungen zu haben.

Bis zu zehn der neuen Stadtteilschulen sollen als so genannte „Campus-Stadtteilschulen“ zwei Bildungsgänge gleichzeitig anbieten: den gymnasialen Bildungsgang, der in acht Jahren zum Abitur führt, und den Bildungsgang der Stadtteilschule, der zu allen Schulabschlüssen und nach neun Jahren zum Abitur führt. Zurzeit bieten bereits die Heinrich-Hertz-Stadtteilschule und die Gyula-Trebitsch-Stadtteilschule dieses Modell an.

Schüler, Eltern, Lehrer und Bezirke sollen mitreden

Der jetzt vorgestellte Entwurf ist – vor allem in den Details vor Ort – noch nicht fix. Er werde wie vorgesehen „sorgfältig mit der Schulöffentlichkeit und den Bezirken abgestimmt“, kündigte Rabe an. Das Verfahren sehe umfangreiche Beteiligungsmöglichkeiten vor.

„Für uns ist wichtig: Sorgfältige Beteiligung geht vor Schnelligkeit“, so der SPD-Politiker. Der Referentenentwurf werde noch in dieser Woche allen Schulgemeinschaften, Kreiselternräten, Kreisschülerräten, Bezirksversammlungen, der Bürgerschaft sowie Schüler-, Lehrer- und Elternkammer zugestellt, auf der Homepage der Schulbehörde veröffentlicht und dem Landesschulbeirat sowie zahlreichen Verbänden und Interessengruppen zur Verfügung gestellt.

Rabe lud Lehrkräfte, Eltern, Schulleitungen sowie Schülerinnen und Schüler ausdrücklich zum Mitmachen ein. Nach einer Beratungszeit bis zu den Herbstferien solle der Schulentwicklungsplan verabschiedet werden.

Verband warnt vor übereilten Entscheidungen

Der aktuelle Schulentwicklungsplan stammt aus dem Jahr 2012 und entstand nach der gescheiterten Primarschul-Reform. Er wird immer dann erarbeitet, wenn größere Veränderungen des Schulwesens zu erwarten sind. So wie jetzt auch: Das Statistikamt Nord hat Ende 2018 eine neue Schülerprognose herausgegeben. Der Schulentwicklungsplan bestimmt den Standort, die Größe und die Art des Bildungsangebots aller allgemeinbildenden staatlichen Schulen.

Anna Ammonn, Landesvorsitzende der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG), nannte es „höchste Zeit“, dass ein Schulentwicklungsplan entwickelt werde. Der Ausbau und die Weiterentwicklung des Hamburger Schulwesens werde die zentrale bildungspolitische Aufgabe des nächsten Jahrzehnts sein. Der Plan dürfe nicht „mit hoher Geschwindigkeit durchgeboxt“ werden. „Schulentwicklung und Stadtentwicklung müssen aufeinander bezogen sein, damit die soziale Spaltung in den Schulen überwunden werden kann. Das kann mindestens in neu zu schaffenden Quartieren erreicht werden.“

Grüne haben Altona und Eimsbüttel im Fokus

Die Grünen-Bürgerschaftsfraktion begrüßt die Initiative, einen Schulentwicklungsplan für die kommenden Jahre vorzulegen. "Das gilt besonders für einige innerstädtische Gebiete wie Altona oder Eimsbüttel", sagte Olaf Duge, schulpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion. In einem breiten Beteiligungsprozess erarbeiteten Eltern, Schulen und Bezirke die besten Lösungen.

"Mit mehr als vier Milliarden Euro sollen schließlich 39 Schulen neu entstehen und ein Drittel der bestehenden ausgebaut werden", sagte Duge. "Damit können wir in Hamburg auch in den kommenden Jahren eine stabile und leistungsstarke Schullandschaft für die bis 2030 erwarteten rund 40.000 Schülerinnen und Schüler gewährleisten.“

Links-Fraktion: Senator kann nicht im Alleingang durchregieren

Die Linken-Bürgerschaftsfraktion zeigte sich weniger euphorisch. „Gut, dass sich die Schulbehörde endlich dieses Themas annimmt – doch der Vorstoß kann bei dem engen Zeitplan nur fehlgehen“, sagte Sabine Boeddinghaus, bildungspolitische Sprecherin der Links-Fraktion. Die Schulen seien vollauf mit den Zeugniskonferenzen beschäftigt. "Sie haben wegen der Arbeitszeitverordnungen keinen Raum, sich angemessen mit dem Entwurf zu beschäftigen", so Boeddinghaus.

Sie kritisiert, dass der Schulsenator ein Scheinbeteiligungsverfahren initiiere, bei dem die lokalen und regionalen Akteure der schulischen Bildung außen vor blieben. Deshalb bringt die Links-Fraktion zur Bürgerschaftssitzung am 22. Mai einen Antrag "für einen regionalen und sozial ausgewogenen Schulentwicklungsplan" in gemeinsamer Verantwortung ein. „Wir greifen die lang geäußerte Kritik von Schulen, Lehrkräften, Elternschaften und Schülern auf, die einen Schulentwicklungsplan von unten fordern“, sagte die Linken-Politikerin. „Es kann nicht über sie hinweg entschieden werden, wir brauchen ein echtes Beteiligungsverfahren – dafür fordern wir als ersten Schritt die Reaktivierung der Regionalen Bildungskonferenzen und einen entsprechend ausgeweiteten Zeitplan." Der Senator könne nicht im Alleingang durchregieren.

CDU: Rabe gibt Betroffenen zu wenig Zeit

Auch die CDU-Bürgerschaftsfraktion übte Kritik am rot-grünen Senat. "Seit Jahren fordern wir als CDU einen neuen Schulentwicklungsplan", sagte Birgit Stöver, schulpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. "Nun ist der rot-grüne Senat von den steigenden Schülerzahlen angeblich überrascht worden und hat den längst überfälligen Plan eilig zusammengeschustert."

Stöver monierte, dass Senator Rabe den Betroffenen wie den Schüler- und Elterngremien aber nur sehr wenig Zeit für die Beratung gebe. "Die bezirklichen Gremien haben ihre letzten Sitzungen schon hinter sich. Wie sollen ehramtliche Gremien das in einer kurzen Beratungszeit von vier bis sieben Wochen leisten, wovon ein Großteil in die Sommerferien fällt?", so die CDU-Politikerin. "Der Senator scheut eine ordentliche und faire Beteiligungskultur."

FDP: Senator reagiert auf Druck der Opposition

Ähnlich reagierte die FDP-Bürgerschaftsfraktion. „Stark verspätet und nur nach erheblichem Druck aus der Opposition legt der Schulsenator nun einen Referentenentwurf des Schulentwicklungsplans vor", sagte Anna von Treuenfels-Frowein, Vorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion. Damit sei auch das Beteiligungsverfahren gestartet. "Es wird sich zeigen, ob sich die Hochrechnungen des Senators in den Bezirken bewähren können", so Treuenfels-Frowein.

Die FDP werde das Beteiligungsverfahren aufmerksam beobachten. "Ziel muss sein, dass allen Hamburger Schülern in Zukunft ein guter Schulplatz und ein angemessener Schulraum angeboten werden", sagte die FDP-Politikerin. "Die Zeit der rot-grünen Notlösungen und Provisorien muss mit dem neuen Plan endlich ein Ende haben.“