Prozess

Tourist tot: Unfallfahrer belastet eigenen Bruder

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Daniel Herder
Die Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand (Symbolbild)

Die Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand (Symbolbild)

Foto: dpa

Ein Mann wird beschuldigt, einen Fußgänger auf der Ludwig-Erhard-Straße angefahren und tödlich verletzt zu haben.

Hamburg.  Ende Februar dieses Jahres erfährt Rouja A. (36) aus der Zeitung von einem Gerichtsprozess. Ein Mann wird beschuldigt, einen Fußgänger auf der Ludwig-Erhard-Straße angefahren und tödlich verletzt zu haben. Sie kennt das Unfallauto, es gehört ihr, ein Audi A3 Cabrio. Sie kennt auch den Angeklagten, Abdul M. Und sie weiß, dass der falsche Mann vor Gericht steht. Tatsächlich saß nicht er, sondern sein Bruder Mohammad M., ihr früherer Verlobter, in den Morgenstunden des 20. Mai 2017 hinterm Steuer. So erzählt es Rouja A. der Polizei. Am Montag hat das Gericht Abdul M. vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Im Visier der Ermittler steht nun sein Bruder.

Dass das Verfahren einen derart kuriosen Verlauf genommen hat, ist einer Gemengelage aus nachlässiger Polizeiarbeit, der dreisten Irreführung durch den mutmaßlichen Unfallfahrer Mohammad M. und dem Schweigen des Angeklagten Abdul M. geschuldet. Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft Abdul M. vorgeworfen, mit 75 km/h statt der erlaubten 50 km/h den britischen Touristen auf Höhe des Holstenwalls erfasst zu haben, als der gerade die Straße überquerte. Der 27-Jährige erlag noch am Unfallort seinen Kopfverletzungen.

Abdul M. schweigt

Tatsächlich hatte Mohammad A. in der Unfallnacht Abdul M. bezichtigt – seinen eigenen Bruder. Geschockt und mit durch gesplittertes Glas blutenden Händen erzählte er einer Polizistin, er habe keine Papiere bei sich, sein Name sei Abdul M. Die Beamtin räumt am Montag im Zeugenstand ein, sie habe die Personalien damals so aufgenommen und lediglich mit dem Einwohnermelderegister abgeglichen. Sie habe sich darauf verlassen, dass ihre Kollegen vom Verkehrsunfalldienst die Angaben erkennungsdienstlich überprüfen würden. Passiert ist das jedoch nicht. „Ein fatales Versäumnis“, wie der Richter und der Staatsanwalt kritisch anmerken.

Jedenfalls gilt Abdul M. im Ermittlungsverfahren als Beschuldigter. Statt die Lüge aufzudecken, schweigt er. Und beteuert zum Prozessauftakt lediglich: Er habe nicht am Steuer gesessen. Der Beifahrer in jener Nacht wiederum, Aldin P., verweigert vor Gericht eine Aussage. Weil nur die beiden Männer in dem Cabrio saßen, käme auch er als Fahrer in Betracht – und Zeugen dürfen schweigen, wenn sie in Gefahr laufen, sich durch ihre Aussage selbst zu belasten.

Schwieriger Fall

Allerdings hat der Amtsrichter Mitte März – kurz nach der Aussage von Rouja A. bei der Polizei – die Wohnung von Aldin P. durchsuchen lassen. Als die Beamten den Beifahrer da erneut mit den Vorwürfen konfrontieren, bricht er ein. „Er sagte, der Bruder des Angeklagten sei gefahren. Und dass es dumm gewesen sei, dass er dies nicht gleich gesagt habe“, sagt ein Polizeizeuge am Montag.

Der Fall wäre kaum aufzuklären gewesen, wäre Rouja A. nicht zur Polizei gegangen. „Ich musste für Gerechtigkeit sorgen“, sagt die Zeugin am Montag. Sie habe ihrem Verlobten damals den Audi geliehen. Am Telefon habe er ihr gebeichtet, dass er „jemanden totgefahren“ habe. Als sie ihn später dafür kritisierte, dass sein Bruder den Kopf für ihn hinhalten sollte, habe er entgegnet: Das ginge sie nichts an. Sie habe ihm aber geglaubt, dass Abdul M. keine Strafe drohe – bis zur Berichterstattung über den Prozess.

„Familiäres Komplott“

Warum Abdul M. das miese Spielchen mitspielte, ist nicht bekannt. Der Richter spricht von einem „familiären Komplott“. So oder so: Die Kosten für das verkorkste Verfahren und den Verteidiger fallen der Staatskasse anheim.

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