Autobiografie

Ewald Lienen spricht über seinen frühen Schicksalsschlag

Ewald Lienen ist
seit 2017 Technischer Direktor des
FC St. Pauli, zuvor
war er zweieinhalb Jahre Trainer
des Kiezclubs.

Ewald Lienen ist seit 2017 Technischer Direktor des FC St. Pauli, zuvor war er zweieinhalb Jahre Trainer des Kiezclubs.

Foto: Witters

St. Paulis Technischer Direktor hat ein Buch über sich selbst geschrieben – und sich während dessen Entstehung ganz schön aufgeregt.

Hamburg.  Seit Dienstag ist das 432 Seiten starke Werk auf dem Markt. „Ich war schon immer ein Rebell“ lautet der Titel der Autobiografie, die Ewald Lienen über sein facettenreiches Leben geschrieben hat – ja wirklich selbst geschrieben hat, wie der Technische Direktor des FC St. Pauli betont. Im Gespräch mit dem Abendblatt berichtet der 65-Jährige davon, dass ihm der Piper Verlag geraten hatte, doch besser einen Ghostwriter in Anspruch zu nehmen. „Wie sollte das denn gehen? Soll ich mich mit jemandem drei Wochen in eine Kabine setzen und ihm etwas erzählen? So schreibe ich doch kein Buch!“, stellt Lienen klar. Ein halbes Jahr habe man mit der Diskussion darüber „verplempert“.

Am Ende waren es noch rund 200 Seiten, die der frühere Fußballprofi und Trainer zu viel geschrieben hatte und voller Schmerz kürzen musste. Schließlich habe er einen immensen Aufwand betrieben, ungezählte Gespräche mit früheren Weggefährten geführt, immer wieder Fakten mithilfe des Internets mit seiner persönlichen Erinnerung abgeglichen und nicht zuletzt seine Kisten mit Zeitungsausschnitten durchstöbert, auf denen auch noch Berichte über seine Spiele als Jugendlicher für den VfB Schloss Holte zu lesen waren.

Zahlreiche Gespräche mit seiner Frau

„Die zahlreichen Gespräche mit meiner Frau Rosa haben mir beim Schreiben des Buches sehr geholfen“, erzählt Lienen. Sie habe immer wieder gefragt, wie er sich bei den beschriebenen Ereignissen gefühlt habe. „Zu uns Männern gehört ja, dass wir uns über unsere Gefühle nicht im Klaren sind. Das können Frauen viel besser. So war es spannend und aufwühlend, darüber noch einmal nachzudenken“, berichtet Lienen.

In seinem persönlichen Fall kam noch dazu, dass seine Mutter starb, als er erst elf Jahre alt war. „Ich wusste zwar, dass sie schwer krank war, aber plötzlich war sie nicht mehr da und keiner hat mit mir darüber geredet. Ich glaube, dass ich da meine Gefühle einfach weggedrückt habe. Das aber hat mich später befähigt Trainer zu sein, weil ich daher auch keine Angst vor Niederlagen hatte“, erzählt Lienen. „Beim Schreiben war es jetzt ein Teil des Prozesses, sich beim Erzählen der Ereignisse an die Gefühle heranzutasten. Das hat mich auch verändert.“

Politisches Engagement

Die Motivation, ein Buch zu schreiben, habe er erstmals schon als Spieler gehabt. „Da allerdings noch nicht als Biografie, was soll man als 30-Jähriger schon berichten?“, sagt er. „Mein ganzes Leben lang aber haben mich Ungerechtigkeiten auf die Palme gebracht. Es hat mich zum Beispiel wahnsinnig gemacht, wie andere Leute ihre Kinder behandelt haben. Dann bin ich auch dazwischen gegangen.“ Bekanntlich ging es weiter mit seinem politischen Engagement während der Zeit als Fußballprofi. Die langen Haare, die er in der Zeit trug, taten ein Übriges, um das Image des „Rebellen“ zu untermauern.

Natürlich nimmt auch das Foul des Bremer Verteidigers Norbert Siegmann, als Lienen eine klaffende Wunde am Oberschenkel davontrug, viel Raum in dem Buch ein. „Mir ist es schon damals darum gegangen, die Strukturen anzuklagen, die dazu geführt haben, dass Spieler ihre Gegner brutal und rücksichtslos umgetreten haben“, sagt er.

Vergleichsweise aktuell ist im Buch das Unverständnis darüber dokumentiert, dass Lienen im Sommer 2017 als Cheftrainer des FC St. Pauli durch seinen Co-Trainer Olaf Janßen abgelöst wurde. Vor allem, dass ihn Janßen erst informierte, als alles entschieden war, empfand Lienen als enttäuschend.