EU-Austritt

Wie Hamburger Briten über den Brexit denken

Ed Benn (r.) und Ian Faulkner sind die Betreiber der Elmshorner Brauerei Simian Ales.

Ed Benn (r.) und Ian Faulkner sind die Betreiber der Elmshorner Brauerei Simian Ales.

Foto: Andreas Laible

Die Gruppe „British in Hamburg“ hat sich in einer Brauerei getroffen. Durch viele Familien gehe ein Riss, sagen sie.

Hamburg/Elmshorn.  Hat hier noch irgendjemand den Überblick? Der Raum ist voll, voller Menschen und lauter Musik, es ist Freitag, der 29. März, und wo verflixt noch mal ist Ellie?“ Da ist sie. Sie sitzt an einem der kleinen Holztische in der Brauerei „Simian Ales“ inmitten einer Gruppe lachender, diskutierender Menschen und winkt mit einem weißen Zettel. „Also normalerweise ist unsere Gruppe größer, aber den Weg nach Elmshorn haben wohl doch manche gescheut“, sagt sie. Dann legt sie den weißen Zettel wieder auf den Tisch. „Reserved for Brexit“ steht darauf. Und ein Datum: 29. März 2019, 19 Uhr.

Der 29. März, das war der Tag, an dem das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union austreten wollte, austreten sollte, so war es vor ein paar Monaten abgemacht, bevor alles so kompliziert wurde, dass inzwischen kaum noch jemand den Überblick hat. Aber weil es trotzdem ein besonderes Datum ist, hat sich die Gruppe „British in Hamburg“ an diesem Abend auf nach Elmshorn gemacht. Die kleine Brauerei „Simian Ales“ liegt gut versteckt in einem Hinterhof, eine Bar und ein „Tap Room“, direkt in den Räumen der Brauerei, nicht größer als eine Vierzimmerwohnung. Ian Faulkner, Besitzer und Braumeister, ist selbst Brite, er lebt in Hamburg und kennt Ellie schon seit Jahren. „Da war es im Grunde klar, dass wir den Brexit hier begießen“, sagt die 27-Jährige und trinkt einen Schluck von ihrem Pale Ale.

Rund 6000 Briten leben in Hamburg

Ellie Sellwood hat diesen Abend organisiert. Vor viereinhalb Jahren ist sie nach Hamburg gekommen, zunächst für ihr Magister-Studium, dann fing sie bei einer Werbeagentur an, verließ sie wieder und baute sich eine Existenz als freie Werbetexterin auf. Dann kam der Brexit. Ellie Sellwood lacht viel, wenn sie erzählt. Aber in diesem Moment ist das Lächeln für einen Moment aus ihrem Gesicht verschwunden. „Als die Ergebnisse des Referendums publik wurden, war ich untröstlich und unglaublich traurig. Ich konnte es einfach nicht fassen.“ Es war aus diesem Gefühl heraus, dass sie beschloss, die Initiative „British in Hamburg“ zu gründen, als Ableger der viel größeren Gruppe „British in Germany“. Rund 6000 Briten leben in Hamburg, 200 davon haben sich „British in Hamburg“ angeschlossen. Gegner und Befürworter des Brexit. Eine offene Gruppe, von Anfang an. „Weil ich es wichtig fand, alle Briten dieser Stadt zusammenzubringen. Damit wir uns gegenseitig unterstützen, miteinander sprechen können.“ Und das nicht virtuell, sondern in echt, wie an diesem Freitagabend.

Den Brexit schön trinken – mit frisch gebrautem Bier

Auch Thomas Clark ist mitgekommen. Sich den Brexit schön zu trinken mit frisch gebrautem Bier, das wollte er sich nicht entgehen lassen. Auch er ist jung, 26 Jahre, er ist für seinen Job nach Hamburg gekommen. Ursprünglich kommt er aus der Grafschaft Norfolk im Osten Englands. Seine Familie sei gespalten, erzählt er, wie fast überall in Großbritannien. Der Brexit, das ist nicht nur ein politischer Vorgang, es ist ein Riss, der durch das Land geht, durch die Familien. „Bei uns tatsächlich fifty fifty“, sagt Clark. „Mein Bruder und meine Eltern, ich – wir sind alle dagegen. Meine Tante, mein Onkel, mein Großvater sind weiterhin dafür.“ Als seine Tante das Ergebnis des Referendums erfuhr, sei sie ohnmächtig geworden – weil sie dachte, dass der Brexit die Familie spalten würde.“ Clark erzählt das mit einem Lachen.

Überhaupt ist die Stimmung am Tisch sehr vergnügt. Aber wen überrascht das. Wenn die Briten etwas ziemlich gut können, dann ist das Humor. Einen guten Witz erzählen, wenn die Dinge dabei sind, aus dem Ruder zu laufen. Auch wenn man, wie Constance Weston, noch nicht einmal etwas dazu beitragen konnte. Seit vielen Jahren lebt die 71-jährige Britin in Hamburg, ihr Mann ist Deutscher, ihre Kinder sind hier geboren. Beim Referendum war ihre Meinung nicht gefragt. Wer länger als 15 Jahre seinen Erstwohnsitz außerhalb des Vereinigten Königreichs hat, war im Juni 2016 nicht stimmberechtigt.

Kommt der Brexit oder kommt er nicht?

„Ich bin Britin, Hamburg ist meine Heimat, aber ich habe mich nie als Deutsche gefühlt. Ich hatte immer nur die eine Staatsbürgerschaft, damit war ich vollkommen zufrieden.“ Inzwischen hat Constance Weston auch die deutsche. Im Oktober wurde ihr Antrag genehmigt, seit Februar haben auch ihre Kinder die doppelte Staatsbürgerschaft. Ein Modell, das viele Briten in Hamburg gewählt haben – weil die Unsicherheit zu groß wäre.

Ellie Sellwood hatte diese Möglichkeit nicht. Erst nach sechs Jahren Aufenthalt in Hamburg hätte sie die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen können. Nun stehen ihr unsichere Zeiten bevor. „Das ist kein gutes Gefühl“, sagt sie durch den Lärm der Braustube. „Wir haben unser Leben in einem anderen Land aufgebaut, und jetzt wackelt alles. Das Ding ist ja: Ich fühle mich sehr europäisch. Ich habe einen europäischen Studienabschluss, ich habe mich in Hamburg super integriert, habe Deutsch gelernt, geübt und verbessert. Ich hoffe, dass der Brexit meine Situation nicht zu schwierig macht.“

Constance Weston nickt. Überhaupt noch den Überblick zu behalten. Kommt der Brexit, oder kommt er nicht? Das sei doch inzwischen die Frage. Und dann steht Frau Weston auf und drängelt sich durch zum Tresen. Dieses Foto, das möchte sie unbedingt zeigen – weil es die ganze Situation so gut beschreibt. Es zeigt Theresa May, die sich suchend die Hand über die Augen gelegt hat, darunter der Satz: „Sieht irgendjemand eine Lösung in diesem Chaos?“ Die Leute von „Simian Ales“ haben es vor die Zapfhähne gesteckt, es ist das Motto für diesen Abend. Auch wenn das Thema ein ernstes ist. Vielleicht sollte man inzwischen tatsächlich drüber lachen.