Immobilien in Hamburg

Dieses ungewöhnliche Projekt entsteht in Eppendorf

Mission fast erfüllt: Michael Wulf (2. von rechts, Bauverein der Elbgemeinden) und Kunstklinik-Geschäftsführer Klaus Kolb (3. vonrechts) sind mit ihren Mitstreitern stolz auf "Martini 44"

Mission fast erfüllt: Michael Wulf (2. von rechts, Bauverein der Elbgemeinden) und Kunstklinik-Geschäftsführer Klaus Kolb (3. vonrechts) sind mit ihren Mitstreitern stolz auf "Martini 44"

Foto: Michael Rauhe

Wohnen, Kultur und Pflege unter einem Dach: Vorhaben für ehemaliges Bethanienkrankenhaus ist einzigartig. Genossenschaft als Bauträger.

Hamburg. Mit feiner schwarzer Schrift hat Klaus Kolb im Prospekt die Daten aktualisiert. Hinter „Bezug und Inbetriebnahme“ heißt es nun: „2. Quartal 19“ - die Angabe „4. Quartal 2017“ hat der Chef des Kulturhauses Eppendorf durchgestrichen. Eineinhalb Jahre später als geplant zieht die Institution nun nach mehr als drei Jahrzehnten aus der benachbarten früheren Polizeiwache in die neuen Räume an der Martinistraße. Der Umzug bedeutet zugleich einen Namenswechsel: Das Kulturhaus firmiert künftig als Kunstklinik.

Das passt. Schließlich organisieren Kolb und sein Team Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und Theaterstücke künftig in Räumen, wo bis 2011 operiert und therapiert wurde: Im Krankenhaus Bethanien, das nach der Fusion mit Alten Eichen und Elim an der Martinistraße geschlossen wurde. Unter dem Dach der alten Klinik wird nun gewohnt, gepflegt, beraten – und eben Kultur gemacht.

Die neue Kunstklinik wird am 29. April eröffnet

Bürgermeister Peter Tschentscher höchstpersönlich wird am 29. April die neue Kunstklinik eröffnen. Aus gutem Grund: Taugt doch das Projekt „Martini 44“, wie es in Anlehnung an die postalischen Adresse getauft wurde, als Paradebeispiel für den Kurswechsel, den die Stadt 2012 beim Verkauf von städtischen Grundstücken einschlug. Der Senat gab das Grundstück nicht an den Höchstbietenden, sondern an das Unternehmen mit dem besten Konzept, in diesem Fall an die Wohnungsbaugenossenschaft Bauverein der Elbgemeinden.

Wer in dem Bewerbungsmappe blättert, die der Bauverein vor sieben Jahren erstellte, begreift den immensen Aufwand. Auf 56 DIN-A3-Seiten entwarf die Genossenschaft ihre Vision „Generationen gemeinsam in Eppendorf“. Gleich zu Beginn stellen sich die Partner des Projekts vor, unter ihnen neben dem Kulturhaus noch das Stadtteilarchiv Eppendorf, die Hamburgische Brücke als Gesellschaft für Sozialarbeit und die Kirchengemeinde St. Martinus.

56 neue Genossenschaftswohnungen entstanden

Wir sind glücklich darüber, Teil dieser Gemeinschaftsleistung für und in Eppendorf zu sein“, sagt Michael Wulf, Vorstand der Genossenschaft. 56 Genossenschaftswohnungen entstanden an der Martinistraße, neun davon im rechten Flügel, die restlichen in drei neuen Gebäuden auf dem Grundstück hinter dem ehemaligen Krankenhaus.

Mit dem Stolz eines Hausherren führt Klaus Kolb durch die neuen Räume im Erdgeschoss – die künftige Kunstklinik ist mit 600 Quadratmeter fast doppelt so groß wie das alte Kulturhaus. Doch der Rundgang offenbart auch den schwierigen Spagat zwischen Moderne und Erhalt der historischen Fassade – ein Grund für die Bau-Verzögerungen. Im Sinne der Barrierefreiheit musste eigens eine Hebebühne für Rollstuhlfahrer installiert werden. „Ein Handicap darf niemanden an den Besuch von Veranstaltungen hindern“, sagt Kolb. Das gilt erst recht für die Menschen mit einer Demenzerkrankung, die künftig in einer eigens für sie eingerichteten WG leben werden sowie für die Gäste der Tagespflege-Einrichtung gleich nebenan.

Noch werkeln überall die Handwerker

Noch werkeln überall Handwerker, auch im neuen Restaurant, in dem Kathrin und Jörg Köpke-Hemmecke künftig moderne deutsche Küche servieren werden. Im Endspurt, jeder Bauherr weiß das, wird es immer eng. Und natürlich gibt es auch Mängel, im zweiten Stock etwa löste sich der Fußbodenbelag, mehrere gerade eingezogene Bewohner mussten für ein paar Tage in einem Hotel einquartiert werden.

Andererseits können solche Probleme dort niemanden mehr wirklich schocken. Dafür haben die zumeist älteren Menschen, die in insgesamt 24 öffentlich geförderten Wohnungen leben, schon zu lange für ihr neues Zuhause gekämpft. Schon 2009 beschäftigten sich einige von ihnen in einer Arbeitsgemeinschaft, initiiert von Kolb, mit dem Projekt Martinistraße, 2011 gründete sich die Baugemeinschaft Martinis. Ihr Ziel: Gemeinsam alt werden, mitten im Quartier. „Manche haben zwischendurch aufgegeben und sich etwas anderes gesucht“, sagt Kolb.

Bei gutem Wetter lockt die große Dachterrasse

Doch wer bei der Stange geblieben ist, wie die ältere Dame aus Lokstedt, bereut es nicht. „Ich musste mich zwar verkleinern, aber dafür ist die Wohnung schön und günstig“, sagt sie. Bei gutem Wetter lockt die große Dachterrasse. Und Kolb sorgt schon dafür, dass bei Hamburger Schietwetter niemanden langweilig werden wird. Sprachkurse, Symphonieorchester-Proben, Reisevorträge, Improvisationstheater, Kolb und seinem Team gehen die Ideen nicht aus. Zum Auftakt aber wird es laut: Am 30. April tanzen die Martinis mit Gästen bei Livemusik in den Mai (Eintritt 4,40 Euro) Den Saal haben die Architekten an den linken Flügel angeflanscht, drüber wohnt niemand. Perfekt für die große Party.