Winterhude

Wohnungen – wird die Jarrestadt zum Spekulationsobjekt?

Begehrt: Die Jarrestadt entstand Ende der 1920er-Jahre in Winterhude. Der Hamburger Architekt Karl Schneider entwarf die Baupläne.

Begehrt: Die Jarrestadt entstand Ende der 1920er-Jahre in Winterhude. Der Hamburger Architekt Karl Schneider entwarf die Baupläne.

Foto: Michael Rauhe / HA

Mieterverein kritisiert Leerstand von mehr als 30 Wohnungen – und Preise von rund 25 Euro pro Quadratmeter. Bezirksamt ist alarmiert.

Hamburg. Es war einmal eine alte Arbeitersiedlung, die zum Juwel wurde: Die engen Straßen und Rotklinkerbauten der Jarrestadt sorgen nicht nur bei Wohnungsinteressenten, sondern auch bei Immobilienexperten zunehmend für leuchtende Augen.

Laut Anwohnern und Mietervertretern kann von märchenhaftem Leben nahe Kanal und Alster aber derzeit wenig die Rede sein. Ein Investor lasse Häuserzeilen überwiegend leer stehen, spekuliere auf Gewinne und verlange Mondpreise, kritisiert der Verein „Mieter helfen Mietern“. Auch das Bezirksamt ist alarmiert.

30 leere Mietwohnungen an einer Straße

Allein an einer Straße des Viertels stünden derzeit 30 Wohnungen länger als drei Monate leer, sagt Marc Meyer von „Mieter helfen Mietern“ – einige davon bereits seit mehr als zwei Jahren. Weitere 20 Wohnungen könnten in den umliegenden Straßen betroffen sein.

Der Verdacht liege nahe, dass die Häuser zunächst möglichst vollständig leergezogen werden sollen – um sie später entweder teurer neu zu vermieten, oder in hochpreisige Eigentumswohnungen umzuwandeln. „Alle Indizien sprechen dafür, dass jemand dort sehr rücksichtslos und unmoralisch versucht, möglichst viel Geld zu verdienen“, sagt Meyer.

Für die Jarrestadt werden Sanktionen geprüft

Die als Eigentümer der Immobilien bekannte Firma war für das Abendblatt bisher nicht zu erreichen. Ein weiteres Unternehmen, das die Immobilien verwaltet, ließ eine schriftliche Anfrage bis zum Freitagabend unbeantwortet.

Fest steht: Da die historischen Bauten der Jarre­stadt unter Denkmalschutz stehen, gibt es Hürden für eine Modernisierung. Eine Sprecherin der Kulturbehörde bestätigte aber, dass der Eigentümer bereits entsprechende Pläne für eine Sanierung vorgebracht habe. „Es finden aktuell Gespräche statt“. Details zum Volumen der Pläne konnte sie nicht nennen.

Helle Aufregung unter den Mietern

Unter den Mietern herrscht seit geraumer Zeit helle Aufregung. „Man wird überhaupt nicht informiert, sondern merkt nur, dass Wohnungen einfach leer bleiben“, sagt ein Anwohner, der anonym bleiben möchte. Auch Gewerbetreibende im Erdgeschoss der Bauten erhielten demnach keine Verlängerung ihrer Mietverträge mehr.

Laut Marc Meyer und mehreren Mietern wurden jedoch in den vergangenen Wochen vereinzelt wieder Wohnungen inseriert – zu happigen Preisen von jeweils rund 25 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche. „Das war wohl ein Testballon“, sagt ein Bewohner der betroffenen Häuser. „Gleichzeitig wird etwa bei Reparaturen nur das Allernötigste gemacht.“

Zahlreiche Umfirmierungen

Mehrere Mieter haben den möglicherweise illegalen Leerstand bereits beim Bezirksamt Nord angezeigt. Das bestätigte ein Sprecher auf Anfrage. Es laufe ein Prüfverfahren, dass regelhafte Ermittlungen und Sanktionen für den Eigentümer nach sich ziehen könnte. „Derzeit läuft aber noch die Sachverhaltsklärung“, so der Sprecher. Die Eigentumsverhältnisse seien kompliziert, heißt es intern dazu.

Auch Mieter berichten davon, dass es in den vergangenen Jahren zahlreiche Umfirmierungen bei den Eigentümern und Wechsel in der Verwaltung gegeben habe.

In der Wohnungsbranche wird davon gesprochen, dass der Investor offenbar nach einem fast identischen Muster wie andere Unternehmen vorgehe: „In aggressiver Form werden Gebäude gekauft, so schnell wie möglich aufgehübscht und mit hoher Marge wieder veräußert.“ Der Investor gehöre dabei offenbar zu einem Netzwerk.

Angebote über 20.000 Euro für Auszug

Wie ein Mieter berichtet, hätten mehrere Nachbarn jüngst einen Anruf der Hausverwaltung erhalten – mit der Frage, ob sich Kaufinteressenten ihre Wohnung einmal ansehen dürften. Wie viele Wohnungen verkauft werden sollten, blieb demnach aber unklar. Auch von Angeboten über 20.000 Euro ist die Rede, mit denen Mieter zum Auszug bewegt werden sollten.

Marc Meyer von „Mieter helfen Mietern“ sieht die Situation als Anlass, schnell eine soziale Erhaltensverordnung für die Jarrestadt zu erlassen. „Es muss vor dem Hintergrund der aktuellen Wohnungsnot sofort gehandelt werden.“ Auch Rot-Grün im Bezirk hatten sich im vergangenen Jahr für eine soziale Erhaltensverordnung ausgesprochen – diese ist aber bislang noch nicht umgesetzt.