Social Media Week

Wie ein twitternder Polizist das Internet rockt

Polizist Andre Karsten bei der Social Media Week in Hamburg 2019. Karsten ist zuständig für den Social Media Account der Polizei Frankfurt, der einer der bundesweit erfolgreichsten ist.

Polizist Andre Karsten bei der Social Media Week in Hamburg 2019. Karsten ist zuständig für den Social Media Account der Polizei Frankfurt, der einer der bundesweit erfolgreichsten ist.

Foto: Mirjam Kilter

Ein Star der Social Media Week war André Karsten, der die frechen Netzkanäle der Frankfurter Polizei organisiert.

Hamburg. Wie jetzt? Dieser Mann soll Polizist sein? Der kleine Kerl da, der gerade mit Cappie, Vollbart und schwarzem Kapuzenpulli über die Bühne des Altonaer Theaters hüpft und „Bamm“ ruft, der an die Rampe wirbelt wie ein Hip-Hop-Panda auf Speed – und dabei ununterbrochen redet? Ja. Ist er. Und der Mann ist nicht nur irgendein Polizist – er ist einer der bekanntesten deutschen Polizisten. Jedenfalls im Internet.

Bei der Frankfurter Polizei nennen sie André Karsten nur den „Twitterer“. Der abgebrochene Germanist, Hobbygitarrist und frühere Streifenpolizist ist aber nicht nur für den Twitterkanal @Polizei_Ffm zuständig, dem fast 250.000 Menschen folgen. Er betreut auch die Frankfurter Polizeiaccounts auf Instagram und Facebook. Auf all diesen Kanälen informiert er das (Netz-)Volk bei großen Einsatzlagen oder Fahndungen der Frankfurter Polizei, warnt oder beruhigt – und kontert dumme Fragen oder Beleidigungen auch mal mit für Beamte ungewohnter Frechheit und zielsicherem Humor. Als die Polizei kürzlich auf Twitter gefragt wurde, was einem Jugendlichen drohe, der „mit 1-5 Gramm Grass“ erwischt werde, fragte er zurück: „Welches Buch?“ Ein großer Erfolg – als der Groschen bei den Massen gefallen war. Der Mann hat halt nicht umsonst ein bisschen Germanistik studiert.

Mit seiner Coolness ist der 39 Jahre alte Polizeihauptkommissar längst zu einem bundesweiten Vorbild nicht nur für moderne und sympathische Polizeiarbeit geworden – sondern auch zu einem kleinen Star in der Social Media Szene. Sein Auftritt im Altonaer Theater war denn auch einer der Höhepunkte bei der diesjährigen, insgesamt bereits achten Social Media Week in Hamburg, bei der sich von Mittwoch bis Freitag fast 3000 Menschen im Altonaer Theater, dem Altonaer Museum und der University of Applied Sciences Europe trafen. Bei den 120 Veranstaltungen ging es darum, was es für Firmen, Medien oder Politik bedeutet, dass sich die Massen-Kommunikation immer mehr auf Instagram, Facebook, Snapchat oder Youtube verlagert – und wie sie dort mit gut und multimedial erzählten Geschichten möglichst viele Menschen erreichen.

Karsten warnt auch vor den Gefahren

Für Polizei-Twitterer Karsten gibt es nur drei Regeln: „1. Du musst mit den Leuten reden! 2. Du musst mit den Leuten reden! 3. Du musst mit den Leuten reden!“ Das gelte auch für die Pöbler, die im Netz „Trolls“ genannt werden. Auch mit denen rede er, sagt Karsten. „Die kannste vergessen, sagen nur die Vergessenen“, findet der Hesse. Es stört ihn auch nicht, dass er sich für manche seiner Tweets im Netz-Slang von hochseriösen Beamtenkollgen besorgt fragen lassen muss: „Was ist mit Ihnen?“ Seine Antwort: „Ich mache das, weil ich den Scheiß liebe und weil ich das Grundgesetz geil finde. Wir können das Netz nicht denen überlassen, die das alles kaputt machen wollen.“ Bamm!

Allerdings hat auch Karsten schon gemerkt, dass man zu weit gehen kann. Dass die Social Media einen manchmal nicht loslassen, dass man rund um die Uhr nicht raus- und runterkommt, weil das Netz auf Dauerkommunikation geeicht ist. Als die Ersten zu ihm sagten, „der Glanz ist aus deinen Augen verschwunden“, da hat er vier Monate Pause gemacht. „Wir müssen auf uns aufpassen“, sagt Karsten. „Passt bitte auf euch auf!“ Ganz aufhören kommt für ihn aber derzeit nicht infrage. Job und Rolle machen ihm zu viel Spaß. „Ich werden gemocht“, sagt er. „Auf Demos fliegen auf mich weniger Steine. Wäre ja auch doof, ich habe ja das Handy in der Hand.“

Auch der Umgang der Politik mit den neuen Kanälen war nach dem Rückzug des Grünenchefs Robert Habeck von Twitter und Co Thema auf der Social Media Week. Der Hamburger FDP-Fraktionschef Michael Kruse, CDU-Medienpolitiker Carsten Ovens und Moderatorin Jana Werner („Die Welt“) gingen in ihrer interessanten Diskussion der Frage nach, wie politisches „Storytelling“, also das Erzählen von Politik-Geschichten, auf den neuen Kanälen funktioniert.

Es komme bei Instagram, Facebook und Co auf die richtige Mischung von Information und Emotion an, sagte Ovens. Und auch Kruse befand, man könne die Menschen nicht allein auf der rationalen Ebene ansprechen. Beide posten gelegentlich auch Privates: Bilder von sich beim Joggen oder mit Hund etwa. Auch da gebe es aber Grenzen, die allerdings jeder für sich selbst festlege. Die eigenen Kinder in die Kamera zu recken, käme für ihn nicht infrage, so Ovens. Das Image, das im besten Falle von einem Politiker im Netz entstehe sei das eines „Dienstleisters, eines Kümmerers“, der sich „emsig und stetig“ engagiere, um Probleme zu bewegen.

Positives Fazit der Social Media Week

Das gelinge auch über Social Media, so habe er einmal bei Twitter um Vorschläge für neue Stadtrad-Stationen in seinem Wahlkreis gebeten. Nach Diskussionen im Wochenblatt und der Bezirksversammlung sei ein Teil der Vorschläge umgesetzt worden. Den Rückzug des Grünen-Chefs aus den sozialen Medien kritisierten beide Politiker gleichermaßen. Man müsse als Volksvertreter dort sein, wo die Menschen seien „Die Plattform ist nicht verantwortlich für misslungene Botschaften“, so Kruse.

Die Veranstalter der Social Media Week zogen derweil schon am Freitagnachmittag ein durchweg positives Fazit der drei Tage. Fast alle Tickets seien schon vorab verkauft worden, man habe neue Online-Formate ausprobiert und die „Sessions“ seien „gut ausgelastet“ gewesen. Außerdem habe es (unter dem Hashtag #SMWHH) große Resonanz in den sozialen Netzwerken gegeben. Und was bitte sollte für eine Social Media Week wichtiger sein?