K.-o.-Tropfen

Vergewaltigung im neuen Job: Haftstrafe für Hamburger

Der 60 Jahre alte Hamburger (M.) wurde zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt (Archivbild).

Der 60 Jahre alte Hamburger (M.) wurde zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt (Archivbild).

Foto: picture alliance/dpa

Der 60 Jahre alte Mann hatte einer 19-Jährigen K.-o.-Tropfen verabreicht und sie mehrfach sexuell missbraucht.

Hamburg. Ihr war schwindelig. Sie sah nur noch verschwommen. Und sie fühlte sich „wie eine Marionette“. So ist es Anna K. (alle Namen geändert) ergangen, nachdem die 19-Jährige ein Glas Orangensaft getrunken hatte. Was die junge Frau da noch nicht ahnte: Ihr waren heimlich K.-o.-Tropfen verabreicht worden, um sie gefügig zu machen. Dann missbrauchte der Mann, der sie auf so hinterlistige Weise wehrlos gemacht hatte, sein Opfer zweimal sexuell.

Jetzt wurde ein 60 Jahre alter Hamburger vom Landgericht wegen dieser Übergriffe zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die Kammer sprach den Ingenieur der schweren Vergewaltigung und der gefährlichen Körperverletzung schuldig. Zudem muss der Angeklagte gut 8000 Euro Schadenersatz an das Opfer zahlen. 1000 Euro sind bereits geflossen.

Polizei hatte bereits eine jüngere Frau bei Bernd L. gefunden

Es sei „eindeutig“, dass Bernd L. „eine sexuelle Motivation hatte und nichts anderes“, sagte der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung. In der Anklage war in Bezug auf die K.-o.-Tropfen von einer „vorsätzlichen Beibringung von Gift“ sowie einem „hinterlistigen Überfall“ die Rede. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer fünf Jahre und vier Monate Haft gefordert.

Bernd L., der seit acht Monaten in Untersuchungshaft sitzt, hatte den Übergriff abgestritten. Das Urteil nahm der 60-Jährige mit starrem Gesichtsausdruck entgegen. Schon eine Weile vor der jetzigen Tat war eine noch jüngere Frau bei dem Angeklagten in der Wohnung gefunden worden, die dort wohl nicht freiwillig war. Die Polizei hatte daraufhin bei dem 60-Jährigen eine sogenannte Gefährderansprache vorgenommen mit dem Tenor: „Wir behalten Sie im Auge.“ Diese Warnung blieb offenbar wirkungslos.

Der Angeklagte hatte sein 19 Jahre altes Opfer im Juli vergangenen Jahres über eine Jobanzeige kennengelernt, in der sie Büroarbeiten suchte. Nach einer ersten Begegnung an einem neutralen Ort hatten der Ingenieur und die junge Frau sich bei ihm in der Wohnung getroffen. Dort begann sie, Unterlagen zu sortieren und zu scannen.

Die 19-Jährige ahnte, worauf er hinaus war

Nach Überzeugung des Gerichts fasste Bernd L. seiner Hilfskraft an den Oberschenkel. Als sie seine Hand wegstieß, sagte er, sie solle „nicht so zickig“ sein. Dann forderte er sie auf, für einen nächsten Termin Übernachtungssachen mitzubringen, damit sie am späten Abend nicht mehr den weiten Weg nach Hause antreten müsse. Nun begriff die Frau, dass er weit mehr im Sinn hatte als Büroarbeit. Und sie stellte per WhatsApp klar: „Da ich das Geld brauche, bleibe ich. Nur wegen der Arbeit!“

Doch diese eindeutige Warnung hielt den Hamburger nach Überzeugung des Gerichts nicht davon ab, sich bei einem weiteren Treffen an der Frau zu vergehen. Zunächst verabreichte der 60-Jährige ihr K.-o.-Tropfen, die er heimlich in ein Glas Orangensaft geträufelt hatte.

Als sie benommen und hilflos war, habe er sie auf dem Sofa im Wohnzimmer seiner Wohnung und schließlich erneut in seinem Ehebett missbraucht, sagte der Vorsitzende. „Sie haben ihr ,Nein’ nicht akzeptiert.“ Im Prozess hatte Anna K. als Zeugin geschildert, wie sie immer wieder heftig geweint und mehrfach durch „nein, nein“ ihren Widerwillen deutlich gemacht habe.

Während der Übergriffe habe sie große Angst gehabt, weil sie nicht gewusst habe, wie er auf Gegenwehr reagieren würde. Gewalt habe er nicht eingesetzt. Kurz nach der Tat hatte sich die junge Frau einer Freundin anvertraut, die sie überredete, den Fall anzuzeigen. Bei dem Opfer konnten K.-o.-Tropfen als Abbauprodukt im Urin nachgewiesen werden.

Bernd L. wollte "einen lustigen Abend haben"

Und in der Wohnung des 60-Jährigen wurde eine entsprechende Flüssigkeit, nämlich zwei Flaschen 1,4-Butandiol, im Putzmittelschrank sichergestellt. Es handele sich „um Giftzeug, das man sonst zum Beispiel in Felgenreiniger findet“, sagte der Vorsitzende. Die Substanz verwandelt sich bei oraler Einnahme im Körper in eine Droge, die bei niedriger Dosierung ähnlich wie Liquid Ecstasy berauschend wirkt – bei höherer Dosis aber apathisch macht. Ein Mensch wird dadurch praktisch wehrlos.

Im Laufe des Prozesses hatte der Angeklagte zwar eingeräumt, die Substanz in das Getränk der 19-Jährigen gegeben zu haben. Er habe das getan, um „einen netten, lustigen Abend zu haben“. Als ihr schlecht wurde, habe er überhaupt nicht daran gedacht, dass dies im Zusammenhang mit dem Getränk stehen könne. Sie habe an diesem sehr heißen Tag den Orangensaft so schnell in sich hineingeschüttet, dass er sie nicht mehr habe warnen können, so Bernd L. Die sexuellen Kontakte zwischen ihnen habe die 19-Jährige freiwillig mitgemacht. Diese Einlassung bezeichnete der Vorsitzende Richter als „dreiste Schutzbehauptung“.