Steilshoop

Mord vor Fitnessstudio – "Er hat mir in den Kopf geschossen"

Auf diesem Parkplatz wurde der 26-jährige im Juli 2018  erschossen (Archivbild).

Auf diesem Parkplatz wurde der 26-jährige im Juli 2018 erschossen (Archivbild).

Foto: dpa

Angeklagter erhält lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes. Richterin beklagt "animalisches Rudelgehabe" der Zuschauer.

Hamburg. Da sitzen sie, wie an den vorherigen Verhandlungstagen. Mehr als 40 junge Männer, die meisten dürften der Hamburger Rockergang „die Bruderschaft“ angehören. Man sieht: Jede Menge Stiernacken, Goldkettchen, zurückgegelte Haare, Vollbärte, dicke Bizeps, tätowierte Arme, enge Shirts, die sich über aufgepumpten Oberkörpern spannen. Männer, die dauernd mit den Fingern knacken und den Hälsen knirschen, Protzkraft allenthalben.

Für den Angeklagten Wais O. (23) haben sie nichts übrig – er hat im Juli 2018 auf dem Parkplatz eines Fitnessstudios in Steilshoop einen der ihren erschossen. Das Urteil fällt am Freitag aus wie erwartet, wie von der Staatsanwaltschaft beantragt: lebenslange Haft wegen heimtückischen Mordes. Eine Überraschung gibt es aber doch – eine Art Wutrede.

Richterin kritisiert Zuschauer

Bevor die Vorsitzende Richterin Jessica Koerner das Urteil begründet, übt sie scharfe Kritik am Verhalten der Zuschauer. Sie hätten am Donnerstag gegen die Trennscheibe im Saal „geballert“ und herumgebrüllt. Den Tumult ausgelöst hatte ein Zwischenfall in der Verhandlungspause – nach dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft hatten die Nebenkläger den Angeklagten angeschrien. Körner spricht von einem „animalischen Rudelgehabe“, das den Blick auf „erhebliche Zivilisationsdefizite“ lenke, einigen fehle es an „jeglichem Respekt“.

Die Tat selbst bezeichnet sie als „völlig überflüssig“. Sie sei Ausdruck eines in der Szene des Angeklagten verankerten Wertesystems, das allein auf der Demonstration von Männlichkeit und Stärke basiere. Anzeige bei der Polizei zu erstatten, gelte als schwächlich. Stattdessen würden Konflikte nach den eigenen Gesetz geregelt. Mit dem deutschen Werte-, Moral- und Rechtssystem sei ein derartiges Gebaren unvereinbar.

Wertecode eines Männerbundes

Letztlich war wohl auch der Mord an Nehmatollah H. (26), kurz Nehmat, ein Ausfluss dieses Wertecodes, über den sich die männerbündische Gruppe definiert. Zunächst hatten sich Täter und Opfer um Geld gestritten. Am Ende, so die Richterin sei es dem Angeklagten allerdings nicht mehr ums Geld, sondern nur noch darum gegangen, „seine Ehre wiederherzustellen“.

Wais O. hatte die tödlichen Schüsse bei Prozessbeginn eingeräumt. Demnach hatte der Deutsch-Afghane und Bordellbetreiber Anfang 2018 seinem Landsmann Nehmat 8000 Euro geliehen. Das Geld benötigte Nehmat angeblich, um sich ein Motorrad zu kaufen – nur so konnte er Mitglied der Rockergang „die Bruderschaft“ werden. Die Schulden zahlte der 26-Jährige jedoch nicht zurück. Wais O. erzählte darauf herum, dass dieser die Schulden nicht begleichen würde – was Nehmat als höchst ehrenrührig empfand.

Situation eskalierte

Wais O. wiederum fühlte sich erniedrigt, weil Nehmat seine Schulden nicht beglich. Es gab eine Schlägerei zwischen beiden, am Auto von Wais O. wurden die Reifen zerstochen – die Situation eskalierte zunehmend. Einem Bekannten erzählte Wais O., er habe Nehmat mit einer Waffe aufgelauert, aber nicht abgedrückt. Die Geschichte sollte „Entschlossenheit und Stärke demonstrieren – sie stimmte nur nicht, so Richterin Körner. „Keinesfalls wollte er als Schwächling dastehen.“

Am 13. Juli 2018 entdeckt Nehmat auf dem Parkplatz vor dem McFit an der Steilshooper Allee das Auto des Angeklagten. Er macht ein Foto von dem Wagen, schickt es per Handy mit den Worten „Kennen wir das Auto nicht, Bro? Heute wird draußen geboxt“ an ein anderes Mitglied des Rockerclubs. Gemeinsam gehen die beiden zu dem trainierenden Angeklagten, schüchtern ihn massiv ein. Wieder zurück in seiner Wohnung habe sich der Angeklagte durch das dominante Auftreten der Männer und die fortgesetzte „Verweigerungshaltung“ von Nehmat gedemütigt, ohnmächtig und erniedrigt gefühlt. Spätestens da habe er den Entschluss gefasst, seinen Kontrahenten zu töten, so Koerner.

Auf Parkplatz mit der Waffe aufgelauert

Er sei zurück zu McFit gefahren und habe Nehmat auf dem Parkplatz mit einer Schusswaffe aufgelauert. Als der 26-Jährige in Begleitung seines Bekannten gerade seine Sportasche in den Kofferraum packen wollte, habe Wais O. aus dem Hinterhalt drei Schüsse auf ihn abgegeben, die das Opfer aus drei Meter Distanz im Oberkörper trafen. Zu seinem Begleiter habe der 26-Jährige nur noch sagen können „Bruder, er hat mir in den Kopf geschossen“. Dann verstarb er.

Während das Gericht dem Angeklagten die Vorgeschichte glaubte, kaufte es ihm die Angaben zum Kerngeschehen nicht ab. Wais O. hatte ausgesagt, dass Nehmat auf dem Parkplatz mit geballten Fäusten auf ihn losgegangen sei, er habe „reflexartig“ auf ihn geschossen. Das Gericht hingegen ist überzeugt, dass Wais O. eine offene Konfrontation um jeden Preis vermeiden wollte. Sein Opfer sei völlig arg- und wehrlos gewesen. Wais O. sei „wie aus dem Nichts auftgetaucht“.