Porträt

Der Professor der Soldaten an der Bundeswehr-Universität

Klaus Beckmann, Präsident der Helmuth-Schmidt-Universität

Klaus Beckmann, Präsident der Helmuth-Schmidt-Universität

Foto: Andreas Laible

Klaus Beckmann führt die Bundeswehr-Universität. Was er von Helmut Schmidt gelernt hat und was ihn mit Wagner und Whisky verbindet.

Hamburg.  Sein Kaffeekonsum ist kaum zu messen. Ein zwei bis drei Kannen täglich werden es schon sein, und entsprechend wach wirkt Prof. Dr. rer. pol. Klaus Beckmann. Der Präsident der Helmut-Schmidt-Universität macht sich allerdings keine Sorgen um seine Gesundheit. Immerhin hat er mit dem Rauchen schon 2006 aufgehört, als er Ungarn nach einem langjährigen Lehrauftrag verließ: „Da habe ich auf einen Schlag alle meine Pfeifen einem Bauern auf einem Feld geschenkt.“

Ein Mann der vollendeten Tatsachen ist Beckmann, nicht lange hin und her schwanken, sich winden und rausreden, nee, einfach mal machen. Der Professor ist gleichzeitig Oberst der Reserve, diese Kombination war aber nicht ausschlaggebend für seine Berufung 2018 an die Bundeswehr-Universität. Sie ist zwar eine Dienststelle der Bundeswehr, also eine Behörde des Bundes, „aber als Universität folgen wir genau den gleichen Grundsätzen wie andere Unis“, erklärt Beckmann.

Seine Aufgabe hier? Der 53-Jährige sieht sich als „ein Makler der Möglichkeiten“. Neben Bildung für die knapp 2600 Studierenden und dem Voranbringen der Forschung soll die Universität, die 1972 auf Bestreben des damaligen Verteidigungsministers Helmut Schmidt unter dem Namen „Hochschule der Bundeswehr Hamburg“ gegründet wurde, ein wissenschaftlicher Partner des Bundes sein. „Wir versuchen, verschiedenen Bundesministerien, nicht nur dem Verteidigungsministerium, unsere Expertise zur Seite zu stellen. Für das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur haben wir zum Beispiel gerade einen Bauingenieurs-Studiengang eingerichtet, da geht es in erster Linie um Wasserbau, in dem Bereich könnte es nämlich zukünftig zu Engpässen kommen.“

Die Deutschen könnten im Bereich Logistik punkten

Der Blick in die Zukunft spielt für Beckmann eine große Rolle: „Ich habe eine europäische Vision. Keine Sorge, ich gehe nicht gleich zum Arzt, aber die Idee, dass die Streitkräfte innerhalb Europas zusammenwachsen sollen, die wird langsam ernst.“

Seiner Ansicht nach könnten die Deutschen im Bereich Logistik punkten und sollten sich dementsprechend aufstellen. „Vom europäischen Gedanken halte ich sehr viel. Unser Namensgeber Helmut Schmidt hat ebenfalls dafür gestanden, mehr europäische Verantwortung zu übernehmen.“ Wichtig sei dabei nur, die Nato, Deutschlands Sicherheitsarchitektur, nicht zu vergessen.

Der Professor überlegt klug und zügig, seine militärischen Theorien entspringen der Praxis. 1997 wurde er mit dem Ehrenkreuz der Bundeswehr in Silber geehrt; mit der Panzerbrigade 12 hatte er sich in Saragossa bei harten Bedingungen in der Wüste bewährt. Doch nicht jede Wehrübung blieb dem Hamburger in guter Erinnerung. Als Zeitsoldat beim Panzerbataillon 33 saß er mal eine Woche lang auf einem Truppenübungsplatz ohne konkreten Auftrag: „Man hatte mich, glaube ich, vergessen. Also saß ich jeden Tag gelangweilter herum, suchte verzweifelt nach Büchern, aber konnte nirgends welche finden.“

Schmidt sei die Akademisierung des Offiziersberufes zu verdanken

Beckmann ist Volkswirt, genau wie Helmut Schmidt es war. Bevor er in Hamburg Präsident wurde, lehrte er an der Andrássy Universität Budapest Finanzwissenschaft und beschäftigte sich mit mathematischer Konfliktmodellierung. Die Methode, auf das lange Ende zu schauen, das habe ihn auch bei Schmidt schon immer fasziniert. „Schmidt war Bundeskanzler, als ich mit 15 anfing, mich für die Welt zu interessieren. Wenn man auf unsere Kinder schaut, dann spielt nur das langfristige Wirtschaftswachstum eine Rolle. Schmidt dachte stets in Generationen, das habe ich von ihm mitgenommen“, sagt der zweifache Vater, der Schmidt mehrfach bei Diskussionen mit Studenten an der Uni erlebte: „Er hat sich wirklich für uns interessiert und uns 2003 nicht nur seinen Namen gegeben.

Bei den Treffen mit den Studierenden saß er unten in der Häschengrube ...“ Huch! Was bitte ist die Häschengrube? Beckmann lacht. So nennt man an seiner Bildungseinrichtung den tiefergelegten Bereich der Bibliothek. „Dort hat Schmidt den jungen Leuten die Welt erklärt. Das war ganz großes Kino. Da kamen nicht nur Erinnerungen an ein Leben hoch, sondern auch eine beeindruckende strategische Perspektive. Schmidt hat beispielsweise relativ früh die Bedeutung Chinas erkannt.“

Ihm sei auch die Akademisierung des Offiziersberufes zu verdanken. Als Verteidigungsminister trieb Schmidt die Gründung der Bundeswehr-Universitäten voran. Offiziere sollten bildungsmäßig auf dem gleichen Niveau sein wie Gymnasiallehrer. „Das hat das Gesicht des Berufs zum Positiven verändert,“ glaubt Beckmann.

Der 53-Jährige gilt heute als Experte in Fragen der Steuerkonkurrenz, er habilitierte sich an der Universität Passau mit einer Dissertation über Steuerhinterziehung. Handelt es sich dabei eigentlich um ein verbreitetes Phänomen in Deutschland, Steuern zu hinterziehen? „Die Schattenwirtschaft liegt unter 15 Prozent“, sagt Beckmann. Durch Big Data nähmen die Kontrollmechanismen der Finanzämter immer weiter zu, die Bürger seien leichter zu durchleuchten. Viel von dem Hass auf Steuerhinterziehung entbehre jeder Grundlage, findet Beckmann: „Letztlich ist das große Wunder nicht, dass die Leute Steuern hinterziehen, sondern, dass sie sie überhaupt zahlen.“

Geboren am 11.11. – Karneval aber meidet er wie die Pest

Der Präsident lacht. Hier spricht jetzt nicht mehr der Oberst der Reserve, hier kommt der Zahlen-Profi zu Wort. Die Verbindung von Friedrich Merz zu Blackrock juckt diesen nicht: „Was soll daran schandbar sein? Als Ökonom hat man da eine ganz andere Wahrnehmung. Der Wechsel von einem Dienstposten in der Privatwirtschaft in die Politik kommt viel zu selten vor, ich plädiere für eine größere Durchlässigkeit!“

Und auch zur HSH Nordbank bezieht Beckmann eine eindeutige Position: „Banken sollten nicht im öffentlichen Eigentum sein, das Engagement im Finanzsektor ist doch keine öffentliche Aufgabe. Ich bin bei Weitem kein glühender Privatisierer. Wenngleich, kürzlich fuhr ich mit der Bahn …“

Egal wie heikel das Thema ist, der Professor garniert es gerne mit seinem Schalk, der ihn sehr sympathisch macht. Geboren wurde Beckmann an einem 11. November. Dieses Datum impliziert gewiss eine angeborene Liebe zum Karneval, oder?. „Nein, au contraire! Ich komme aus einer Brauer-Familie im bergischen Land, und zu den Verpflichtungen eines Brauersohns gehörte es, auf diesen komischen Umzugswagen mitzufahren und Kamelle zu schmeißen. Schlimm. Seitdem meide ich den Karneval wie der Teufel das Weihwasser.“

Er geht gerne segeln und liest viel über Geschichte

Gut, probieren wir es also mit Hochkultur. Nach Budapest wurde der Professor von der Universität Bayreuth aus entsandt, da hörte er doch gewiss schon mal eine Oper bei den Festspielen. „Wagner? Nein. Mein Schwiegervater ist großer Fan, durch ihn habe ich genug Opern für den Rest meines Lebens mitbekommen“, sagt Beckmann.

Er geht lieber segeln und liest viel über Geschichte: „Ich interessiere mich dafür, was war.“ Und für Whisky. Beckmann darf stolz von sich behaupten, von 2011 bis 2014 der erste ausländische Präsident der Scottish Economic Society gewesen zu sein. Gerhard Schröder ging mal als Juso am Kanzleramt vorbei und sagte, da wolle er rein. Klaus Beckmann ging mit 25 Jahren durch Edinburgh und wusste, er wollte Mitglied der besonderen schottischen Gesellschaft sein. Seine Rechnung ist aufgegangen.

Nun würde der Präsident sehr gern noch mehr Studentinnen an der Uni sehen. Der Frauenanteil beträgt nur 15 Prozent. Die Tatsache, ob jemand ein Mann oder eine Frau sei, spiele für die ­Akzeptanz in der Bundeswehr keine Rolle mehr, sagt Beckmann. „Die Zeiten sind vorbei. Als die Damen zum ersten Mal in die Bundeswehr kamen, da konnte man bei manchen einen gewissen Überehrgeiz feststellen, aber die Organisation heute ist sehr viel moderner.“ Dass sich die Bundeswehr erfolgreich gewandelt habe, erkenne man auch an dem großen Respekt, den Ursula von der Leyen, die die Studierenden im vergangenen Jahr zweimal besuchte, bei der Truppe genieße.

Beckmann wirbt gern auch bei Frauen dafür, zum Bund zu gehen, es handele sich um einen abwechslungsreichen, vielseitigen Beruf: „Man hat die Möglichkeit, etwas für sein Land und für unsere Gesellschaft zu tun!“ Aber es ist gefährlich, heute mehr denn je, was auch in Kursen und Diskussionsrunden an der Universität thematisiert wird. „Als ich Soldat auf Zeit war, war der Beruf des Feuerwehrmanns gefährlicher als der des Offiziers. Das hat sich geändert. Darüber muss man sich im Klaren sein,“ sagt Beckmann. „Es gibt den körperlichen Einsatz und die Verpflichtung, zu töten. Ich frage mich, was schwieriger ist: das Risiko, selber zu fallen, oder jemand anderen töten zu müssen?“