Porträt

Er hat ein neues Leben – dank seiner Frau

Seine Ehefrau hat dem Gastronomen Carsten von der Heide eine Niere gespendet.

Seine Ehefrau hat dem Gastronomen Carsten von der Heide eine Niere gespendet.

Foto: Andreas Laible / HA

Gastronom Carsten von der Heide hat großen Erfolg. Doch ohne eine Nierenspende wäre das nicht möglich.

Hamburg.  Wenn der Tag hier beginnt, am hellsten Ort des Tortue, dann kann es draußen ruhig diese feuchte Januar-Dunkelheit nieseln, ganz egal, man kommt sich dennoch wie in Frankreich vor in dieser Brasserie – und in Frankreich scheint für uns Hamburger ja gefühlt ununterbrochen die Sonne. „Tortue“ ist das französische Wort für „Schildkröte“, komischer Name für ein Hotel eigentlich, aber mit der passenden Story wiederum lustig. Es spielt auf die Dandys aus napoleonischer Zeit an, die ihre Schildkröten anleinten und über die Boulevards spazierten, um zu verdeutlichen, wie viel Zeit sie hatten. Schon damals war Zeit der größte Luxus.

Über diesen Luxus verfügt Carsten von der Heide allerdings nicht. Würde er seine Arbeitsstunden zählen, dann käme irgendein Betriebsrat mit erhobenem Zeigefinger in die Lobby gestürmt. Ist dem 47-Jährigen aber auch egal, denn er hat seit Juli einen ganz anderen Luxus: ein neues Leben. Seine Frau spendete ihm eine Niere, und zwar mitten im größten Stress. Manchmal kommt alles zusammen: Im Juni eröffnete das Hotel mit 126 Zimmern, drei Bars und zwei Restaurants (neben der Brasserie noch das Jin Gui) nach fünf Jahren Bauzeit und zehnjähriger Planung in den Stadthöfen. Im Juli wurde von der Heide operiert. Im August ging er wieder zur Arbeit. Ohne seinen Partner Marc Ciunis und sein Team (von der Heide kennt fast alle Namen der 140 Mitarbeiter) hätte er die harte Phase nicht überstanden.

Seit Anfang 2018 wusste der Gas­tronom, der auch das Tarantella am Stephansplatz betreibt, dass er nicht mehr lange so weiterleben würde. Seine beiden Nieren gaben nach und nach ihre Arbeit auf. „Ich funktionierte nur noch, leben war das nicht mehr, meine Frau bot mir ihre Niere sofort an“, erzählt von der Heide. Die Blutgruppe seiner Frau passte. Sie kam als potentielle Spenderin infrage und zweifelte nicht eine Sekunde lang an ihrer Entscheidung, ihrem Ehemann eine Niere zu spenden.

Morgens heiraten und mittags wieder zur Arbeit

Eine Diät muss der Hamburger noch halten, aber ansonsten sei er seit der Transplantation ein ganz anderer Mensch. „Viel mehr Energie, viel mehr Power, was für ein Geschenk! Ich hatte schon vorher unfassbar viel Respekt vor meiner Frau, aber nun …“ Seit 15 Jahren sind die beiden zusammen, sie haben gemeinsam vier Kinder. Sonntags kommt die ganze Familie gerne auf ein Croissant hier vorbei, denn natürlich ist Papa immer noch viel bei der Arbeit, „doch ich bin nun effektiver präsent“, sagt von der Heide. Er sei ruhiger geworden. „Bei 600 bis 900 Personen, die tagtäglich durch unsere Restaurants und das Hotel laufen, erlebt man viele, viele Geschichten. Es bringt nichts, sich aufzuregen, und was sollte ich auch anderes machen? Ich kann und liebe nur die Gastronomie.“

Von der Heides Eltern hatten einen Landgasthof in Wischhafen, die Mutter am Herd, der Papa hinterm Tresen, der Sohn ging mit 16 in die Kochlehre nach Buxtehude. Er arbeitete im Fischereihafen Restaurant, war von 1998 bis 2011 Inhaber des Casse Croute am Gänsemarkt und eröffnete 2006 mit seinem damaligen Partner das Tarantella.

Eine Tragödie spielte sich dort im Jahr 2015 ab. Sein damaliger Partner verschwand plötzlich. Schließlich wurde sein Partner tot aufgefunden. Selbstmord. „Natürlich habe ich mich oft gefragt, warum ich nichts gemerkt habe, warum er mir nichts von seinen Depressionen erzählt hat“, sagt von der Heide. Die beiden waren nicht nur langjährige Geschäftspartner, sondern auch echte Freunde.

18 Kilo sind runter

Letztendlich waren es die vier Kinder der beiden, die dafür sorgten, dass das Leben der Familie von der Heide weiterging. Kinder wollen auch nach Todesfällen an jedem Morgen ein Nutellabrot. „Es sind vor allem die Tiefen, die einen zusammenschweißen“, sagt Carsten von der Heide über die Beziehung zu seiner Frau, die er an einem Dezembermorgen vor zwölf Jahren am Berliner Tor in Hamburg ganz ohne Trauzeugen oder Gäste heiratete. Danach aßen die beiden im Atlantic an der Alster ein Laugenbrötchen mit Käse, tranken ein Glas Champagner, und um 12 Uhr ging von der Heide wieder zur Arbeit.

Heute würde so ein Tag anders verlaufen. Denn der Gastronom hat sich nicht nur innerlich verändert, er sieht auch anders aus als vor der Transplantation. 18 Kilo sind runter, seinen Ehering kann er endlich wieder locker vom Finger ziehen, die Hosen schlackern: „Meine Beine waren vorher doppelt so dick.“

Alle vier Wochen muss er zur ärztlichen Kontrolle, dreimal die Woche klingelt sein bester Freund um 7.45 Uhr bei ihm an der Haustür und geht mit ihm gemeinsam um die Alster. „Du faule Schnecke“, hatte er als Motivation gesagt. In Carsten von der Heides Umgebung gibt es Langsames wirklich nur im Hotelnamen.